Pfarrer der syrisch-orthodoxen Gemeinden aus Pohlheim und Gießen stimmen in Gedenken an die Opfer des Völkermords ein Gebet an. 
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Pfarrer der syrisch-orthodoxen Gemeinden aus Pohlheim und Gießen stimmen in Gedenken an die Opfer des Völkermords ein Gebet an. 

"Wir haben immer noch Angst"

Gedenktag zu Völkermord: Trauer, Hoffnung und kritische Worte am Mahnmal in Pohlheim

  • vonStefan Schaal
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Für 1000 Familien im Kreis war der gestrige Montag ein Tag des Trauerns. Der 15. Juni erinnert jedes Jahr an den Völkermord an Assyrern, Aramäern und weiteren christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich 1915. Nachfahren der Opfer gedachten des Genozids nun erstmals am neu errichteten Mahnmal in Pohlheim. Zur Gestaltung des Denkmals gibt es auch kritische Stimmen.

Eine Wolke aus Weihrauch wabert über dem Rasen in Watzenborn-Steinberg. Nieselregen fällt herab, den ganzen Tag schon. In roten Kerzengläsern tänzeln Flammen, während drei Pfarrer syrisch-orthodoxer Gemeinden in schwarzen Talaren am gestrigen Montagabend ein Gebet anstimmen. "Wir haben immer noch Angst", sagt einer von ihnen anschließend. Angst vor Diskriminierung und Verfolgung.

"Ein emotionaler, berührender Moment"

Der 15. Juni ist jedes Jahr der zentrale Gedenktag in Erinnerung an die Opfer des Völkermords in den Jahren 1915 und 1916 an Aramäern, Assyrern, Chaldäern und weiteren christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich. 1000 Familien mit Kindern und Enkeln der damaligen Opfer leben heute im Kreis Gießen, Pohlheim ist europaweit ein Zentrum der Nachfahren. Und so besuchen am Montag zahlreiche Mitglieder der syrisch-orthodoxen Gemeinden aus dem Kreisgebiet das im November errichtete Mahnmal in Watzenborn-Steinberg.

Viele sind in schwarze Anzüge oder Kostüme gekleidet, einige ältere tragen gleichzeitig Masken zum Schutz vor der Corona-Pandemie. In Stille treten sie vor das zylinderförmige Kunstwerk, legen Blumen und Kränze auf dem Podest ab und entzünden Kerzen.

Kritik an Gestaltung des Mahnmals

"Ein emotionaler, berührender Moment", sagt Istayfo Turgay, als er vor dem Mahnmal stehen bleibt. Erinnerungen werden wach, traurige Erzählungen seiner Großeltern. "Sie mussten 1915 über Leichenberge laufen", sagt Turgay. Das Mahnmal, das an den Genozid erinnert, habe für ihn eine hohe Bedeutung. "Es weist darauf hin, zu welchen Gräueltaten Menschen in der Lage sind." Gleichzeitig gehe es darum, jedem Menschen die Hand zu reichen - "auch denen, die die Gräueltaten bis heute leugnen." Turgay, der auch Integrationsdezernent im Kreis Gießen ist, sagt: "Wir wollen mit dem Mahnmal nicht Täter nennen, sondern den Dialog suchen."

Das Denkmal sollte eigentlich kommende Woche eingeweiht werden, die Feier ist wegen Corona aber abgesagt worden. Als am Montagabend die Dämmerung einbricht und das Kunstwerk in rotem Licht erstrahlt, wird indes auch deutlich, warum über die Gestaltung des Mahnmals weiterhin diskutiert wird. Martialische Szenen sind vor hügeligen Landschaften abgebildet. Ein Schwert mit dem Knauf in Form eines Halbmonds durchschlägt ein christliches Kreuz, Blut fließt, die Tropfen fallen auf eine Familie herab.

Künstlerisch sehe er das Mahnmal durchaus kritisch räumt auch Turgay ein. Er bevorzuge eher abstrakte, zum Nachdenken anregende Kunst. Mehrere Augenblicke hält er inne und ringt um Worte, er will die Diskussionen nicht weiter befeuern. Vor der Errichtung des Mahnmals haben Vertreter syrisch-orthodoxer Gemeinden, Stadtverordnete der einzelnen Fraktionen und Pohlheims Bürgermeister anderthalb Jahre hinter verschlossenen Türen um das Aussehen des Kunstwerks gerungen. Die Gestaltung selbst spiele für ihn nicht die größte Rolle, sagt Turgay schließlich. "Es geht um die grundsätzliche Symbolik des Mahnmals. Auch als Ort der Aufklärung und der Versöhnung."

"Wir fühlen uns durch diesen Akt verstanden"

Nubar Temelci hat das Mahnmal in Pohlheim unterdessen schon mehrfach besucht, auch am 24. April bereits, dem Gedenktag in Erinnerung an den Genozid an den Armeniern. Er empfinde tiefe Trauer, sagt der Gastwirt des "Grünen Baums" in Watzenborn-Steinberg. Das Mahnmal habe vor allem eine Botschaft: "Niemals vergessen." Ja, auf dem Kunstwerk seien martialische Szenen abgebildet. "Aber es geht um einen Völkermord."

Mehrere Besucher des Mahnmals erzählen am Montag von Erfahrungen ihrer Großeltern vor rund 100 Jahren, von Vertreibung und von Morden. Und sie deuten auf das Mahnmal. Er komme nicht nur zum Trauern hierher, sagt Israel Be Josef, der das Vorhaben des Mahnmals maßgeblich unterstützt hat. "Das ist auch ein Symbol der Versöhnung." Das Kunstwerk sei kein Ort der Anklage. "Vielmehr sollen Fragen nach der Zukunft aufgeworfen werden, um eine offene und ehrliche Debatte anzustoßen." Er empfinde Freude und Demut, dass das Mahnmal nun in Pohlheim steht. "Wir fühlen uns durch diesen Akt verstanden."

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