Fertiggerichte haben nicht den besten Ruf. "Dieses Image will ich durchstoßen", sagt Timo Fago.
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Fertiggerichte haben nicht den besten Ruf. »Dieses Image will ich durchstoßen«, sagt Timo Fago.

Regioglas in Garbenteich

Gastro-Idee: Wie ein Startup in Pohlheim Gourmet-Gerichte als Fertigessen zubereitet

  • vonStefan Schaal
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Timo Fago hat in Sterne-Restaurants gekocht, er war Küchenchef im Tandreas in Gießen. Nun hat sich der Garbenteicher selbstständig gemacht und bereitet in seinem Keller Spezialitäten wie Wildschweingulasch mit Preiselbeersoße und Bellschuh mit Zutaten aus der Region zu, die er als Fertiggerichte auch in Supermärkten verkauft. Für Weihnachten hat er große Pläne: ein Festmenü im Glas.

Gießen/Pohlheim - Wenn morgens die beiden Kinder in Richtung Kita aufbrechen, geht Timo Fago in seinem Haus in Garbenteich eine Treppe nach unten in den Keller. Zum Schmoren. Der 37 Jahre alte Pohlheimer hat sich dort eine Küche eingerichtet, wo er an drei Tagen in der Woche unter anderem Rehgulasch mit Kirschen, Spargelsuppe und Rinderrouladen zubereitet. Das Essen füllt er anschließend in Gläser ab, 180 sind es am Ende des Tages.

Fago hat für Sterne-Restaurants gearbeitet, in einem Szeneclub in München hat er schon mal die Fußballer des FC Bayern bekocht. Bis Ende 2019 war er Küchenchef im Tandreas in Gießen, wurde dabei in den Restaurantführern »Gault & Millau« und »Michelin« ausgezeichnet. Nun, seit Anfang des Jahres, bereitet er Fertiggerichte zu, die er inzwischen in zwei Supermärkten, in Automaten sowie in mehreren Hofläden im Kreisgebiet und zukünftig auch einmal im Monat aus der eigenen Garage heraus in Garbenteich verkauft.

Fago hat sich mit dem Unternehmen Regioglas selbstständig gemacht. »Es gibt immer weniger Leute, die kochen können und wollen«, erklärt er. »Genau für die mache ich das.«

Er habe seinen Job als Koch im Restaurant geliebt, sagt Fago. Er wolle aber mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Seine Tochter komme nach den Sommerferien in die Schule, erzählt er. »Und sie war der Meinung, dass ich abends auch mal zu Hause sein soll.«

Fertiggerichte haben nicht den besten Ruf. »Dieses Image will ich durchstoßen«, sagt Fago. Er verwende keine Zutaten aus der Großindustrie, keine Zusätze, Konservierungsstoffe oder künstliche Geschmacksverstärker. Außer den Gewürzen stammen sämtliche Zutaten wie Fleisch, Gemüse, Obst und Eier für sein Essen im Glas von derzeit fünf Bauernhöfen aus Pohlheim, Hungen, Ulrichstein und Langgöns. »Okay«, räumt er ein. »Der Wein ist aus dem Rheingau.«

Auf dem Biolandhof Tollgrün in Langgöns werden gerade die Tomaten reif, erzählt Fago. »Dann kann ich bald Tomatensoße kochen.« Als Koch könnte er auch alles bei Metro kaufen, sagt Fago. »Aber genau das will ich nicht.« Ihm gehe es um Nachhaltigkeit.

Bei Fleisch achte er auf artgerechte Tierhaltung. »Massenproduktion lehne ich ab.« Er beziehe Ökostrom und kaufe Zutaten, die nicht in Plastik verpackt sind.

Er verkaufe auch vegane Speisen und vegetarische Suppen im Glas, berichtet Fago. Besonders gefragt seien diese aber noch nicht. »Die Leute wollen lieber Fleisch.« Rouladen und Bolognese seien die Verkaufsrenner. »Und mein Bellschuh läuft hervorragend.«

Eine Stunde lang muss das Essen in seiner Kellerküche in Garbenteich schmoren, um es haltbar zu machen. Die Geschäftsidee hatte er Ende 2018, erzählt er. Die Chefin im Tandreas habe ihm damals erlaubt, sich im Dämpfen von Speisen im Backofen zu probieren. »Hier in Garbenteich sterilisiere ich das Essen außerdem«, sagt Fago. »Dann müssen die Kunden die Gläser nicht im Kühlschrank lagern, das Essen hält ein Jahr.«

Sein Start-up hat Fago allein auf die Beine gestellt. Drei Tage in der Woche kocht er. An den anderen Tagen spült er Gläser, klebt Etiketten, verschickt Bestellungen seines Online-Shops, besucht Landwirte und kauft Zutaten. Noch sei das Unternehmen gut mit dem Familienleben vereinbar. »Man wird sehen.«

Ein Glas mit 400 Gramm Schiffenberger Wildschweingulasch kostet 7,20 Euro, der Bellschuh 7 Euro. »Ich bin hochpreisig«, weiß Fago.

Am Lebensmittelautomaten in Garbenteich habe er schon erlebt, dass Ältere ihm sagen: »Das ist viel zu teuer.« Dafür habe er Verständnis, sagt er. Aber er wolle eben kein billiges Essen herstellen. »Und ich kann es nicht verschenken.« Derzeit tüftelt er an Fertiggerichten, die er zu Weihnachten kochen und verkaufen könnte. Die klassische Gans mit Rotkohl, Semmelknödel und selbst gemachter Soße schwebt ihm vor. »Ich müsste die Keule so hinbekommen, dass sie ins Glas passt.« Da müsse er noch überlegen, sagt er. Ein Bild aber hat der Pohlheimer schon vor Augen. »Kunden machen vier, fünf Gläser auf, es macht plopp, plopp und plopp - und sie haben ein komplettes Fest- menü.«

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