Ein spektakulärer Coup beschäftigte nun das Gießener Landgericht.
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Ein spektakulärer Coup beschäftigte nun das Gießener Landgericht.

Rätselhafter Coup

Flugzeugdiebstahl in Pohlheim: Dieb muss ins Gefängnis

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Es war ein Coup, der aufhorchen ließ: Vor knapp zwei Jahren stahlen Diebe ein Flugzeug in Pohlheim. Einer der Täter wurde nun verurteilt - und behält ein Geheimnis weiter für sich.

Eindringlich und den Tränen nahe bittet der Angeklagte via Übersetzerin um die Milde der Justiz: Er lebe schon seit 18 Monaten von seiner Familie getrennt, die Tat tue ihm sehr leid. "In meinem Leben wird sich das garantiert nicht wiederholen", sagt der unauffällig wirkende 43-Jährige mit weit geöffneten Augen.

Das Gericht berücksichtigt sein Geständnis, doch einer erneuten Haftstrafe kann der Litauer nicht entkommen: Weil er am Diebstahl eines Ultraleichtflugzeugs in Watzenborn-Steinberg beteiligt war, hat die siebte Strafkammer am Landgericht den Mann am Dienstag zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Das Gericht verhängte eine Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und elf Monaten. Dabei wurde ein Urteil aus Gera einbezogen, in dem der Mann bereits zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war - auch wegen des Diebstahls eines anderen Leichtflugzeugs.

Der Coup in Pohlheim zeuge von "dezidiert planmäßigem Vorgehen", sagte Staatsanwältin Gesine Ritsch in ihrem Plädoyer, "das war kein spontaner Kaufhausdiebstahl".

Flugzeug gestohlen: Knapp 160000 Euro wert

Die Aktiven des Segeflugvereins waren Ende März 2018 aus allen Wolken gefallen, als ihnen das Ausmaß des Diebstahls bewusst wurde. "Ich dachte erst, da hat jemand schlampig aufgeräumt", schilderte ein Zeuge seinen ersten Eindruck in der Flughalle: Er sah Unordnung und einen beschädigten Rollcontainer. Dann entdeckte er, dass eine Tür aufgebrochen war. Und dort, wo vorher das etwa 300 Kilogramm schwere Flugzeug samt Kollisionswarnsystem gestanden hatte, war nun nur noch ein einsamer Kanister zu sehen. Neben dem Flugzeug fehlte nun unter anderem auch ein Motor.

Die Maschine mit zwei Sitzen war damals etwa zwei Jahre alt, knapp 160 000 Euro wert und in Privatbesitz. Ein genauer Tatzeitpunkt konnte nicht ermittelt werden, der Diebstahl muss zwischen einem Dienstag- und dem folgenden Mittwochabend stattgefunden haben. Aber wie? Vereinsaktive sprachen in der Verhandlung von zwei Optionen: Denkbar sei, dass die Täter die Flügel abmontiert und das Flugzeug dann in drei Teilen abtransportiert haben. Dafür brauche man nicht länger als anderthalb Stunden, meinte ein Zeuge.

Die andere Möglichkeit: Die Täter könnten das Diebesgut einfach davongeflogen haben. Zwar sei die Maschine nicht für Nachtflüge zugelassen, sagte einer der Bestohlenen, doch die technische Ausstattung mache dies grundsätzlich möglich - wenngleich es riskant wäre. Diese Variante stützte ein Anwohner: Als er eines Abends seine Rosen gegossen habe, sei ihm das Geräusch eines startenden Kleinflugzeugs aufgefallen. Ihn habe gewundert, dass der Pilot so spät noch unterwegs sei und - dem Klang nach zu urteilen - die Geschwindigkeit im Steigflug nicht reduzierte, sagte der pensionierte Pilot und Blumenfreund. Ob es wirklich am Tattag war und was es mit diesem Flug auf sich hatte, blieb in der Verhandlung aber offen.

Demontage oder Abflug: In beiden Fällen wäre Fachkenntnis nötig. Der Angeklagte hat schon einmal ein solches Flugzeug gestohlen und laut Staatsanwaltschaft auch Erfahrung im Flugsport.

Flugzeug gestohlen: Täter bewahrt Geheimnis

Der Einzige im Saal 207 des Landgerichts, der am Dienstag Licht ins Dunkel hätte bringen können, behielt das Geheimnis für sich: Im Namen seines Mandanten sagte der Anwalt: "Wie das Flugzeug abtransportiert wurde, dazu möchte er sich nicht äußern - er war vor Ort und hat es entwendet." Auch die Frage nach Mittätern, möglichen Hintermännern oder Auftraggebern blieb unbeantwortet. Vor Gericht war man sich weitgehend einig: Einer alleine hätte die Tat kaum bewerkstelligen können.

Die DNA des 43-Jährigen hatte die Ermittler erst auf dessen Spur gebracht. So konnte die Anklage nachweisen, dass er sich von innen am Entriegelungsbolzen einer Schiebetür zu schaffen gemacht hatte. Aufgrund eines europäischen Haftbefehls war er in Polen verhaftet und ausgeliefert worden, zurzeit sitzt er in der Justizvollzugsanstalt Tonna (Thüringen) ein.

Immerhin scheint inzwischen klar, wo das gestohlene Ultraleichtflugzeug abgeblieben ist: Es ist in Spanien verbrannt. Die Ermittler hatten international recherchiert, ob es Hinweise auf das Pohlheimer Flugzeug gibt, auch der Verein hörte sich um. Nun gilt als erwiesen, dass die Maschine im November 2018 in Spanien abstürzte und in Flammen aufging. Dabei wurde niemand verletzt.

Das Gericht ging am Ende von "gewerbsmäßigem Handeln" aus, das illegale Geschäftsfeld habe dem Angeklagten wohl über eine gewisse Zeit sein Einkommen gesichert. Außerdem wurde die Einziehung von 170 000 Euro angeordnet, so viel war das Diebesgut in etwa wert. "Ob das jemals gezahlt werden kann, ist eine andere Geschichte", sagte Vorsitzender Richter Heiko Söhnel. Den Großteil dieser Summe haben die Eigentümer bereits von einer Versicherung erstattet bekommen.

Verteidigung und Staatsanwaltschaft verzichten auf eine Revision. Damit ist das Urteil rechtskräftig.

Von Jonas Wissner

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