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Luisa Jung ist stellvertretende Wehrführerin in Holzheim. Im Löschfahrzeug sitzt sie vorne rechts - auf dem Chefsessel. In der örtlichen Feuerwehr sind insgesamt fünf Frauen in der Einsatzabteilung aktiv.

Feuerwehrfrauen

Feuerwehrfrau gibt in Holzheim den Ton an

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Luisa Jung ist selbstbewusst. Das muss sie auch sein. Als stellvertretende Wehrführerin in Holzheim hat sie eine große Verantwortung. In der Männerdomäne Feuerwehr aber fühlt sie sich wohl.

Der hohe Turm ist schon von Weitem sichtbar. In großen roten Ziffern prangert die 112 darauf. Ein Löschfahrzeug des Katastrophenschutzes Hessen und ein Einsatzleitwagen stehen im Gerätehaus der Feuerwehr Holzheim. Daneben befinden sich rote Spinde, 19 für Männer, fünf für Frauen. Das ist durchaus bemerkenswert, mit einem Frauenanteil von über 20 Prozent liegt die Einsatzabteilung weit über dem Kreisschnitt.

Luisa Jung ist eine von ihnen. Die 24-Jährige ist stellvertretende Wehrführerin. Vor etwa zehn Jahren kam sie zur Feuerwehr. "Ich war noch nie die, die mit Puppen gespielt hat", sagt sie und lacht. Damals habe eine ihrer Cousinen die Jugendfeuerwehr in Holzheim geleitet. "Eine Freundin und ich haben uns das angeschaut und sind dann hängengeblieben", erzählt Jung. Im August 2016 hat sie sich als stellvertretende Wehrführerin aufstellen lassen und wurde gewählt.

Um Frauen werben

Damit ist Jung zwar nicht alleine. Im Landkreis Gießen gibt es immer wieder Frauen, die Führungspositionen übernehmen. Die Feuerwehr der Stadt Gießen etwa wird von Martina Klee geleitet. Doch noch immer ist die Branche eine Männerdomäne. Unter den elf Kreisbrandmeistern ist Tamara Uhde beispielsweise die einzige Frau. Dass den Wehren damit viel Potenzial verlorengeht, haben sie längst erkannt, mitunter nutzten sie nun kreative Aktionen wie in Staufenberg. Unter dem Motto "Andere können gerne Prinzessin werden ... und du?" wirbt man dort aktuell um weibliche Einsatzkräfte. Vom Land Hessen wurden die Staufenberger dafür kürzlich als Feuerwehr des Monats ausgezeichnet.

Jung sagt, sie weiß sich in der "Männerdomäne" durchzusetzen. "Man kann als Frau genauso in der Feuerwehr sein." Natürlich brauche sie vielleicht mal Hilfe, wenn etwas oben im Auto ist, aber das funktioniere schon.

Viel Unterstützung aus dem Umfeld

Wenn Jung von ihren Anfängen als stellvertretende Wehrführerin erzählt, dann sagt sie: "Ich musste mich schon beweisen." Allerdings nicht des Geschlechts wegen, sondern wegen ihres geringen Alters. Doch das ist schon lange kein Thema mehr. Sonst hätte sie sich damals auch nicht zur Wahl gestellt, erzählt sie. "Die Bedingung war, dass mich alle akzeptieren, mithelfen und für Fragen da sind."

Die nötige 160 Lehrgangsstunden hat sie anschließend in 16 anstatt der vorgegebenen 24 Monate durchgezogen. Das sei nur dank der großen Unterstützung aus ihrem Umfeld möglich gewesen. Hätte Jung das nicht geschafft, hätte sie ihr Amt nicht weiter ausüben dürfen. Ihr ist es daher sehr wichtig, von anderen zu lernen. Und dennoch, Diskussionen im Einsatz kennt Jung nicht: "Wenn ich vorne rechts sitze, dann hören die auch", sagt die junge Frau selbstbewusst. Was sie damit meint? Der Beifahrersitz im Löschfahrzeug ist sozusagen der Chefsessel. Wer dort sitzt, leitet den Einsatz. Wenn Jung mit ihren Kollegen ausrückt, hört sie den Funk ab. Vor Ort spricht sie mit demjenigen, der die Feuerwehr alarmiert hat und klärt die Lage.

Verantwortung für die Mannschaft

Hat sich die 24-Jährige einen Überblick verschafft, heißt es handeln: "Ich muss die Entscheidung treffen, wen schicke ich wohin, wen teile ich wo ein, und wie löse ich das Problem?" Das bedeutet viel Verantwortung. "Ich muss meine Entscheidungen immer begründen können," sagt Jung. Sollte sie zu einem großen Einsatz gerufen werden, kann es auch sein, dass sie Anweisungen vom Stadtbrandinspektor bekommt. Trotzdem bleibt ihr die Verantwortung über ihre Mannschaft. "Ich kenne meine Leute am besten und weiß, wer was kann."

Jung kommt selbst aus der Jugendfeuerwehr. Auch das ist ein Punkt, der viele Wehren im Kreis zur Zeit umtreibt. Nicht immer gelingt der Übergang von der Jugendwehr zu der der Erwachsenen. Auch wenn in Holzheim die Dinge weit erfreulicher aussehen. Zur Zeit sind zehn Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren in der Jugendfeuerwehr. Mit 16 beginne langsam der Übergang. "Das Highlight sind die neuen Klamotten", erinnert sich Jung. In Holzheim sei dort zur Zeit nur ein Spind leer. "Der Übergang funktioniert gut", sagt sie. Vor Kurzem seien erst wieder einige aus der Jugendfeuerwehr dazugekommen.

"Für etwas anderes kämpfen"

"Feuerwehr macht super viel Spaß, wenn man sich darauf einlässt", wirbt Jung. "Es ist ein ganz anderes Miteinander." Wer jetzt allerdings nur an Feuerwehrmänner denkt, die in brennende Häuser rennen, liegt falsch. "Feuerwehr bietet auch andere Dinge." Aber man müsse dafür gemacht sein, sagt Jung. "Das Tolle ist, man kann den Menschen helfen. Hier kämpft man für etwas anderes." Löse sich beispielsweise ein Sportverein auf, sei das erst Mal nicht so schlimm. Löse sich aber eine Feuerwehr auf, weil sie keinen Nachwuchs mehr hat oder keiner das mehr machen möchte, sei das schwieriger.

Jungs Arbeitgeber stellt sie für Einsätze frei. Ihren digitalen Melder, der sie über Alarmierungen informiert, hat sie immer dabei. Gerade ihre Position als stellvertretende Wehrführerin nehme viel Zeit in Anspruch. "Ohne Herzblut geht das nicht", sagt sie. Dass sich im Laufe der Zeit auch ihr Freundeskreis gewandelt hat, liegt auf der Hand. Sie treffe sich regelmäßig mit Feuerwehrmännern und -frauen aus den anderen Stadtteilen. Ihr Partner, selbst Feuerwehrmann, ist seit kurzer Zeit auch in Holzheim. Dass sie hier die Chefin ist, "ist für ihn ok", sagt Jung und schmunzelt.

Feuerwehrfrauen im Landkreis

Der Frauenanteil in den Einsatzabteilungen der Feuerwehren im Landkreis Gießen liegt aktuell bei 14 Prozent. Zum Jahresende 2018 gab es insgesamt 2785 Mitglieder, heißt es von der Pressestelle des Landkreises. Bei der Jugendfeuerwehr sind die Zahlen leicht rückläufig. Aktuell gibt es 1088 Mitglieder, davon 31 Prozent Mädchen. Die Mitgliederzahl der Kindergruppen dagegen ist steigend, 32 Prozent Mädchen. Sowohl bei den 140 Quereinsteigern als auch bei den 43 Wechseln von Jugendfeuerwehr in die Einsatzabteilung liegt der Frauenanteil jeweils bei 19 Prozent. (mmf)

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