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Sie hat den Syrienkrieg überlebt – Jetzt macht sie erfolgreiche Kommunalpolitik

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Von: Stefan Schaal

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Ehrenamtlich ist Maryam Mourad neben ihren Tätigkeiten in den Ausländerbeiräten der Stadt Pohlheim und des Landkreises auch in den Organisationen »We are Christians« und im Weltverband der Aramäer aktiv.
Ehrenamtlich ist Maryam Mourad neben ihren Tätigkeiten in den Ausländerbeiräten der Stadt Pohlheim und des Landkreises auch in den Organisationen »We are Christians« und im Weltverband der Aramäer aktiv. © Stefan Schaal

Pohlheim hat in diesem Jahr einen weitgehend unbeachteten Spitzenwert in Hessen aufgestellt. Die Wahlbeteiligung bei den Ausländerbeiratswahlen lag in keiner Stadt und Gemeinde höher als hier - doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. Maßgeblich verantwortlich dafür ist Maryam Mourad, die nun auch bei den Schutzimpfungen gegen Corona mit Erfolg unter Migranten wirbt.

Pohlheim – Wenn Maryam Mourad erzählt, wie sie auf die Idee gekommen ist, für die Wahl des Ausländerbeirats im März dieses Jahres in Pohlheim zu kandidieren, sagt sie einen Satz, der überrascht. Andere, die sich auf dieser Ebene engagieren, betonen, sie wollen sich für die Rechte von Migranten einsetzen, wollen Ausländern eine Stimme geben und politisch aktiv sein. Auch für die Pohlheimerin ist dies zweifellos der Hauptantrieb. Auf die Frage, was den ersten Anstoß für ihre Kandidatur gegeben hat, sagt sie allerdings: »Ich google gern.«

Vor einem guten Jahr stößt die mit ihren Eltern und Geschwistern in Watzenborn-Steinberg lebende Syrerin im Internet auf Berichte über Aktivitäten des Ausländerbeirats in Pohlheim. Erst dadurch erfährt sie von der Existenz des Gremiums. Schnell trifft sie den Entschluss, sich dort engagieren zu wollen. »Ich will mich damit bei Deutschland bedanken«, erklärt Mourad, die 2015 aus ihrem kriegserschütterten Heimatland Syrien geflüchtet ist. »Pohlheim ist meine Stadt. Hier habe ich Ruhe und Sicherheit gefunden.«

Im November vergangenen Jahres gründet sie für die Kandidatur mit Freunden die Liste für Vielfalt und Integration. Vor allem in syrisch-orthodoxen Kirchengemeinden der Stadt rührt sie, unterstützt von zahlreichen Pohlheimern die Werbetrommel.

Im Kreis Gießen leben rund 1000 Familien mit syrisch-orthodoxem Hintergrund, die meisten von ihnen in Pohlheim. Dass Integration in der Stadt bemerkenswert funktioniert, ist daran abzulesen, wieviele von ihnen politisiert sind. Neun Pohlheimer mit aramäischen Wurzeln sitzen nach der Kommunalwahl im 37-köpfigen Stadtparlament.

Anfang dieses Jahres sorgt der Wahlkampf Mourads und ihres Teams schließlich dafür, dass Pohlheim im März beim Urnengang hessenweit einen ungewöhnlichen Spitzenwert bei den Ausländerbeiratswahlen erreicht. Die Beteiligung liegt bei derartigen Wahlen häufig eher im einstelligen Bereich. Im hessischen Landesdurchschnitt sind es in diesem Jahr gerade einmal 10,5 Prozent. Bei den vorherigen Ausländerbeiratswahlen 2015 lag die Beteiligung auch in Pohlheim nur bei 5,5 Prozent. Diesmal aber sind es dort 21,77 Prozent.

In keiner Stadt und Gemeinde in Hessen lag die Beteiligung bei den diesjährigen Ausländerbeiratswahlen so hoch wie in Pohlheim - der Durchschnitt in Hessen wurde dabei gar auf das Doppelte übertroffen.

Mourad hat in Pohlheim die meisten Stimmen erhalten. Sie ist nun die Vorsitzende des Beirats. Auch in den Kreisausländerbeirat wurde sie gewählt. »Eigentlich war die Kandidatur nur eine kleine Idee«, sagt sie. Viele Ausländer hätten »Angst vor Politik«, erklärt Mourad, warum bei aller Freude über die vergleichsweise rege Wahlbeteiligung in Pohlheim dennoch eine große Mehrheit den Urnengang scheut. Ein beträchtlicher Teil habe in der Heimat Krieg erlebt. Außerdem sei vielen die Bedeutung des Ausländerbeirats nicht bewusst. »Mein Ziel ist, dass wir als Beirat eine Brücke zwischen den Ausländern und dem Rathaus sind«, sagt die Pohlheimerin. »Sie sollen zu uns kommen, wenn sie Unterstützung bei Papieren benötigen.« Sie fügt hinzu: »Viele brauchen Hilfe.«

Mourad sitzt an einem Tisch in der Bäckerei eines Supermarkts in der Neuen Mitte in Watzenborn-Steinberg, sie trinkt einen Cappuccino. »Ich habe den Syrienkrieg überlebt«, sagt die aus Deir ez-Zor im Osten Syriens stammende gelernte Bankkauffrau einmal während des Gesprächs. »Ich habe den Tod überlebt.«

Bemerkenswert ist ihr Wahlsieg auch aufgrund der Art, wie sie auftritt - eher zurückhaltend, ohne sich in den Vordergrund zu stellen. Ihr Vorgänger Cehver Tan hatte sein Amt als Vorsitzender des Ausländerbeirats mehrere Jahrzehnte mit einer gewissen Autorität geführt.

Vier Monate ist es her, dass Landrätin Anita Schneider und Pohlheims Bürgermeister Andreas Ruck eine besondere Corona-Impfaktion im Kreis vorgestellt haben: Mobile Impfteams sollten die Bewohner ausgewählter Stadtquartiere im Gießener Land immunisieren. Die Initiative zum Pilotprojekt in Pohlheim kam aus dem Ausländerbeirat der Stadt, von Mourad. Sie hatte Kontakte des Gremiums angesprochen, außerdem hatte sie in sozialen Medien auf das Quartiersimpfen aufmerksam gemacht. Sie und der Ausländerbeirat organisieren weiterhin derartige Aktionen, bevorzugt nach den Gottesdiensten der syrisch-orthodoxen Kirchengemeinden in Pohlheim.

Vor allem unter älteren Migranten machten via Facebook »zu viele Lügen über das Impfen« die Runde, erzählt Mourad. »Zum Beispiel, dass Senioren beim Impfen priorisiert wurden, um sie zu töten.« Gegen derartige Lügen argumentiere sie in Gesprächen immer wieder an.

Mourad berichtet von weiteren Aktivitäten, die sie und der Pohlheimer Ausländerbeirat derzeit auf die Beine stellen. Am 18. November startet in der Volkshalle ein Deutsch-Café. »Ausländer sollen mit Deutschen ins Gespräch kommen und sich aus ihrem Leben erzählen«, sagt Mourad. »Da geht es um mehr als ums Erlernen der deutschen Sprache«, ergänzt sie. »Sprache ist nur eine Brücke, um mit Leuten in Kontakt zu kommen.«

Der Beirat plant außerdem eine Infoveranstaltung mit dem Landkreis zum Thema der Einbürgerung. Ein weiteres Ziel ist eine engere Zusammenarbeit mit dem TV 07 Watzenborn-Steinberg. Derzeit richtet sich ihre Arbeit im Ausländerbeirat vor allem an die Menschen mit aramäischen und syrischen Wurzeln in Pohlheim. Dass in der Stadt auch viele russlanddeutsche Baptisten leben, sei ihr noch gar nicht bewusst, sagt sie. »Wir sind aber auf jeden Fall für alle Ausländer da.«

Beruflich möchte sie bald wieder ihren Beruf als Bankkauffrau ergreifen. Ehrenamtlich ist Mourad, die Deutsch, Englisch, Arabisch und Aramäisch spricht, indes auch in den Organisationen »We are Christians« und im Weltverband der Aramäer aktiv. Lächelnd sagt sie. »Ich habe keine Zeit.«

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