Steinbruch

Wo einst das Dynamit lagerte, entsteht nun ein Fledermausquartier

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  • Patrick Dehnhardt
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Der alte Sprengstoffbunker des Holzheimer Steinbruchs wird für Fledermäuse hergerichtet. 1981 wurden dort 800 Kilogramm Sprengstoff geklaut. Die Beute ist noch immer verschwunden.

Schweres Gerät ist am alten Sprengstoffbunker des Holzheimer Steinbruchs im Einsatz. Björn Boller und seine Männer haben aber nichts Böses im Sinn, im Gegenteil: Sie bauen ein neues Winterquartier für Fledermäuse.

Vor dem Eingang des Lagerraums stapeln sie Betonplatten zu einem Tunnel übereinander. Dieser wird dann mit Erde zugeschüttet – eine künstliche Höhle entsteht. Diese wird von Menschen nicht mehr betreten werden. Nur für die Fledermäuse bleibt eine kleine Einflugschneise offen.

Bohei vor 36 Jahren

Vor Jahrzehnten war das noch anders. Es ist gut 36 Jahre her, dass es reichlich Bohei um den Bunker gab. Und jene Unbekannten, die sich Anfang September 1981 am Holzheimer Sprengstoffbunker zu Schaffen machten, hatten nun wahrlich keine naturschützerischen Absichten.

Für bis zu 7000 Kilogramm Dynamit war der Lagerraum zugelassen. Der Sprengstoff wurde im Steinbruch gebraucht, um den Basalt abzuspalten.Von diesem Lager hatten auch Kriminelle Wind bekommen.

Irgendwann zwischen dem 3. und 8. September machten sie sich ans Werk. Wie die Ermittlungen der Polizei ergaben, öffneten sie zunächst mit einem sogenannten Nutenhobel – ein Werkzeug, mit dem man per Hand und fast lautlos eine Nut in Material schneiden kann – die Gittertür am Eingang. Die beiden schweren Stahltüren im Inneren schweißten sie auf.

800 Kilogramm Sprengstoff entwendet

Im Inneren fanden sie 32 Kartons mit Ammon-Gelitsprengstoff, insgesamt 800 Kilogramm. Die Kriminalpolizei ging davon aus, dass sie diesen in einen Kleintransporter verluden. Die Ermittler vermuteten, dass es sich nicht um Laien handelte.

Der Sprengstoff selbst war harmlos: "Der würde nicht hochgehen, wenn man ein brennendes Streichholz dranhält", sagte damals ein Experte. "Dazu braucht man Momentzünder." Und genau diese Zünder – insgesamt 86 Stück – sowie 800 Meter detonierende schmiegsame Zündschnur nahmen die Unbekannten ebenfalls mit. Bevor sie das Weite suchten, schlossen sie die Türen wieder. Erst als der Sprengmeister das Lager am Morgen des 8. Septembers inspizierte, entdeckte er den Einbruch.

War die RAF am Werk?

Neben Kriminalpolizei und Spurensicherungsspezialisten rückten auch Terror-Fahnder des Bundeskriminalamts an. Man vermutete, dass die RAF hinter der Tat stecken könnte, nun Anschläge mit dem Holzheimer Sprengstoff verüben wolle.

Bereits mit 1,2 Kilogramm hätte man einen Panzer in die Luft jagen können. Mit den gestohlenen 800 Kilogramm hätten sich 80 000 Tonnen Gestein aus dem Gelände heraussprengen lassen. Die RAF soll damals auch in Gießen aktiv gewesen sein. 1977 gab es einen Sprengstoffanschlag auf einen Benzin-Tank des US-Depots in Rödgen, am 29. März 1981 explodierte ein mit einem Zeitzünder bestückter Feuerlöscher an der US-Geheimdienstvilla im Wartweg.

Und erst wenige Tage vor dem Einbruch hatte eine Gießener Journalistin im Briefkasten Post von der RAF, Kommando Sigurd Debus, gefunden.

Erfolglose Spurensuche

Die Spurensuche im Steinbruch Holzheim blieb allerdings erfolglos. Auch die eigens eingerichtete Sonderkommission 389 kam bei der Tätersuche zu keinem Ergebnis. Da halfen auch die ausgesetzten 5000 DM Belohnung wenig.

"Spätestens, wenn irgendwas hoch geht, wissen wir, wer die Täter sind", sagte damals ein Fahnder. Zwischenzeitlich wurde sogar Top-Terrorist Christian Klar mit dem Einbruch in Holzheim in Verbindung gebracht.

Sprengstoff wurde nie eingesetzt

Im Januar 1982 präsentierte die Soko 389 dann ein Phantombild der möglichen Täter. Gesucht wurden ein etwa 30-jähriger dunkelblonder Mann mit Schnauzbart sowie eine schmale, 25 bis 30 Jahre alte Frau mit dunklen, schulterlangen Haaren. Die beiden sollen sich mit einem grünen Geländewagen zur Tatzeit am Holzheimer Steinbruch aufgehalten haben. Eine dritte Frau soll sie begleitet haben.

Das Trio soll danach noch mit einem roten Ford-Granada mit Fuldaer Kennzeichen hier unterwegs gewesen sein. Ein Fahndungserfolg wurde jedoch nie vermeldet. Auch der Sprengstoff wurde nach aktuellen Kenntnisstand niemals bei einem Anschlag eingesetzt.  

So bleiben die 800 Kilogramm Dynamit auch gut 36 Jahre nach dem Einbruch verschwunden. Sollte jemand die Kartons mit der Aufschrift "Dynamit Nobel, Werk Würgendorf" noch auf seinem Dachboden oder im Keller finden – die Polizei in Gießen hat die Telefonnummer 06 41/70 06-0.

Fledermäuse im ehemaligen Sprengstoffbunker

Lebenslanges Wohnrecht

- Dass man für den Bau der künstlichen Höhle am ehemaligen Sprengstoffbunker des Holzheimer Steinbruchs Betonplatten verwendet, hat einen kuriosen Grund: Sie sollen dafür sorgen, dass sich die Fledermäuse gleich heimisch fühlen. Denn ihnen wird in den kommenden Jahren ihr bisheriges Quartier fehlen. Aktuell leben sie in den Hohlräumen der Langgönser Talbrücke der Autobahn 45. Nur wird das in die Jahre gekommene Bauwerk bald abgerissen und neu gebaut. Damit die Fledermäuse dann eine Ausweichmöglichkeit haben, wird bereits jetzt das Quartier gebaut.

- Aber wie finden sie ihr neues Zuhause? Hängt Hessenmobil Flugpläne an der alten Brücke aus? Naturschützer Ewald Seidler muss schmunzeln: "Nein, die Fledermäuse finden so einen Ort von selbst." Wie gut die künstliche Höhle allerdings genutzt wird, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen. "Beim Schwalbenheim mussten wir auch fast acht Jahre warten, bis die Vögel dort einzogen sind."

- Wenn die Fledermäuse aber erst einmal eingezogen sind, dann haben sie dort lebenslanges Wohnrecht. "Das ist eine Ausgleichsmaßnahme für die Autobahn", erklärt Pohlheims Bürgermeister Udo Schöffmann. "Sie muss so lange bestehen, wie der Eingriff in die Natur andauert." Da die Autobahn 45 wohl nicht so schnell verschwinden wird, also eine sichere Perspektive für die Fledermäuse.

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