Müde, die Augen halb verschlossen, schaut die Ziege drein, nachdem sie kurz zuvor ausgesetzt worden ist. FOTO: SRS
+
Müde, die Augen halb verschlossen, schaut die Ziege drein, nachdem sie kurz zuvor ausgesetzt worden ist. FOTO: SRS

Einsame Ziege findet Heimat

  • vonStefan Schaal
    schließen

Ein Jahr ist es her, als plötzlich eine Ziege einsam und verlassen in der Koppel einer seltenen Schafzucht in Watzenborn- Steinberg stand. Unbekannte hatten sie dort über einen Zaun geworfen. Inzwischen hat das Tier eine neue Heimat gefunden - und einen Namen erhalten.

In der Nacht hat sie anfangs laut, hell und stundenlang geschrien. Die Ziege stand im Stall und vermisste die Menschen - hatte sie doch endlich Personen um sich herum, die sich um sie kümmerten, die sie pflegten, die sie aufpäppelten. "Mittlerweile schläft sie ruhig", erzählt Franziska Huth, die neue Halterin der Ziege. Auf seine alten Tage fühlt sich das Tier offenkundig wohl, auch wenn es ein trauriges und mysteriöses Abenteuer hinter sich hat.

Ein Jahr ist es inzwischen her, als die Ziege für Aufsehen und Rätselraten in Pohlheim sorgte. Plötzlich stand sie mitten in der Herde einer seltenen Schafzucht am Fortweg in Watzenborn-Steinberg. Jemand muss sie dort ausgesetzt und über einen elektrischen Zaun geworfen haben. Müde schaute sie drein, die Augen halb verschlossen, mit vorsichtigen Schritten trottete sie über die Weide. Inmitten der kräftigen, gehörnten Schafe wirkte die Ziege mit dem braun-weißen Fell klein, einsam und verloren.

Ein Artikel dieser Zeitung, der auf Facebook starke Verbreitung fand, hat viele Menschen bewegt - auch Franziska Huth. Sie hat sich kurzerhand in Pohlheim gemeldet und die Ziege auf ihrem Grundstück in Marburg-Ockershausen aufgenommen. "Wir haben schon sechs Ziegen", sagt Huth. "Meine Schwester und ich haben uns gesagt: Eine geht noch."

Das Tier passe zur Herde. Die ältere Ziege könne auf dem Hof für den Rest ihres Lebens bleiben. Huth sagt: "Die geben wir nicht mehr her."

Das Tier war allerdings zu Beginn in einem bedauernswerten Zustand. Sie hatte kaum Zähne, war stark abgemagert und litt unter Räude, die Hufe waren außerdem stark beschädigt. "Wir haben die Zähne richten lassen, die Räude behandelt und ein Hufschmied hat sich um sie gekümmert", erzählt Huth. "Wir haben sie aufgepäppelt." Vor allem freue sie, dass das Tier sich mit den anderen Ziegen des Hofs angefreundet hat. "Sie war am Anfang stark menschenbezogen", erklärt Huth. Andere Tiere habe die Ziege anfangs gemieden. Um welche Art von Ziege es sich handelt und wie alt sie genau ist, wisse sie nicht. Aber das Tier ist nun Teil der Familie auf ihrem Hof.

Am frühen Abend des Pfingstsonntags im vergangenen Jahr stand in Pohlheim Christiane Schmidts Vater draußen an der Koppel und rieb sich die Augen. "Da steht eine fremde Ziege", rief er. Dass jemand das Tier bei ihnen abgeladen hat, kann seine Tochter noch immer nicht so recht fassen. Immer wieder höre und lese man davon, dass Tiere gestohlen werden. Dass aber eine Ziege ausgesetzt und so weggegeben wird, habe sie noch nie mitbekommen. "Leute gibt’s, die gibt’s gar nicht", sagt Schmidt.

Die Pohlheimerin züchtet auf der Weide Schafe der seltenen Soay-Rasse. "Es ist nicht lustig", sagt sie. Zum Glück sei die Ziege ein Mädchen. "Wäre es ein Bock, hätte die Ziege die weiblichen Tiere in der Koppel alle decken können." Ihre Zucht hätte auf dem Spiel gestanden, übrigens auch durch die Räude. Eine Ohrmarke, wie eigentlich vorgeschrieben, hatte die Ziege nicht. Sie wurde also offenkundig vorher nicht ordnungsgemäß gehalten.

Für Schmidt war klar, dass sie die Ziege langfristig nicht behalten werde. "Sie ist zu klein, sie passt nicht zur Gruppe. Wenn die robusten Schafe auf die Ziege zukommen, hat sie schlechte Karten." Für das fremde Tier sei ohnehin im Stall kein Platz. Der Ziege habe sie daher auch keinen Namen gegeben.

Schmidt verständigte das Veterinäramt und das Tierheim Gießen. "Die haben gesagt, sie seien nicht zuständig." Auch die Polizei habe sie angerufen. "Die haben erklärt: Der Straßenverkehr wird nicht beeinträchtigt, also ist der Fall für sie erledigt." Die Watzenbornerin schüttelte den Kopf. "Mein Problem war damit nicht gelöst."

Nun aber hat das Tier endlich ein Zuhause, in dem es willkommen ist, schläft in einem eigenen Stall, die anderen Ziegen habe sie in die Herde aufgenommen. Auf die alten Tagen hat sie eine Heimat. Und die vor einem Jahr noch einsame Ziege hat außerdem einen Namen, wie Huth verrät: "Sie heißt Mathilda."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare