"Eigentlich wollte ich meinen Geburtstag im großen Rahmen feiern", sagt Reinhold Häuser. "Doch durch die Corona-Pandemie findet die Feier bedauerlicherweise nur im engsten Familienkreis statt". FOTO: SRS
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"Eigentlich wollte ich meinen Geburtstag im großen Rahmen feiern", sagt Reinhold Häuser. "Doch durch die Corona-Pandemie findet die Feier bedauerlicherweise nur im engsten Familienkreis statt". FOTO: SRS

Zwei Monate Krieg, 90 Jahre Leben

Soldat mit 14 Jahren: Wie Reinhold Häuser 500 Kilometer nach Hause marschierte, ohne zu wissen, dass der Krieg vorbei war

  • vonStefan Schaal
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An seinem 90. Geburtstag blickt Reinhold Häuser auf das Jahr 1945 zurück. Wochenlang marschierte er 500 Kilometer auf eigene Faust nach Hause - ohne zu wissen, dass der Krieg vorbei war.

Irgendwann, kurz hinter Lich, läuft Reinhold Häuser über Felder und Äcker, die ihm vertraut sind. Endlich. Drei Wochen Fußmarsch hat er hinter sich, 500 Kilometer, mit dem Kompass seines Vaters in der Hand. Unterwegs hat er Städte wie Bayreuth in Trümmern gesehen. 

Die Abendsonne scheint auf Häusers erschöpftes Gesicht, als er sich Watzenborn-Steinberg nähert. Auf den letzten Kilometern trifft er auf Nachbarn, die sich freuen, ihn zu sehen. Häuser aber will nur eins: nach Hause. In die Gesichter seiner Familie blicken, sie fest umarmen, mit ihnen am Tisch sitzen. Es ist der 28. Mai 1945. Häuser kehrt als Soldat aus dem Krieg zurück. Er ist 14 Jahre alt. Ein Kind. 

Am heutigen Montag feiert Häuser seinen 90. Geburtstag. Der Pohlheimer ist ein geschätzter Geschäftsmann. Gemeinsam mit seiner Frau hat er aus einer Tankstelle, einer Werkstatt und einem Handel mit Fahrrädern und Motorrädern – gegründet von seinem Schwiegervater Karl Häuser – ein Autohaus aufgebaut, das heute 110 Menschen beschäftigt und mittlerweile in vierter Generation geleitet wird.

Täglich besucht er derzeit die Baustelle, auf der ein neues Gebäude des Unternehmens entsteht. Häuser blickt auf ein bewegtes Leben zurück - und auf zwei Monate im Jahr 1945, als er von der Wehrmacht eingezogen wurde. Als er im Bayrischen Wald in ein Gefecht mit donnernden Panzern geriet. Und als er drei Wochen auf eigene Faust nach Hause marschierte, ohne zu wissen, dass der Krieg vorbei war.

Soldat mit 14 Jahren: Lebhafte Erinnerungen

Häuser nippt an einem Glas Wasser. Er sitzt mit seiner Frau Gerda in seinem Wohnzimmer in Watzenborn-Steinberg und erzählt aus dieser Zeit. Zu jeder Erfahrung und Situation kann er das Datum nennen. Auf die Frage, wie er sich mit 90 so fit hält, hebt er die Arme und sagt: "Ich trinke nicht, ich rauche nicht, mein Kopf ist frei." Wenn er sich dann doch in einem Detail verheddert, lacht seine Frau hell auf und korrigiert ihn.

Im April 1944 tritt Häuser eine Lehre zum Kfz-Mechaniker bei Neils & Kraft in Gießen in der Marburger Straße an. Sein Vater ist damals als Soldat in Russland im Einsatz. Lebhaft erinnert sich Häuser an den frühen Morgen des 7. Dezember 1944, als er durch das nach Bombenangriffen zerstörte Gießen läuft. "Ich bin um 6 Uhr in Watzenborn mit dem Fahrrad zur Arbeit losgefahren", erzählt er. Überall habe es noch gebrannt. "Ich habe das Fahrrad tragen müssen, um an Trümmern und Bombentrichtern vorbeizukommen." Das Dach der Firma sei zerstört gewesen. "In den Wochen danach haben wir Lehrlinge nur aufgeräumt."

Als er an einem Samstagnachmittag im März 1945 von der Arbeit nach Hause kommt, liegt ein Brief auf dem Tisch. Er muss in den Krieg. Häuser gehört dem Jahrgang an, der in den letzten Kriegsmonaten in einem verzweifelten Akt des NS-Regimes noch eingezogen wurde. "Du bleibst zu Hause", sagt ihm damals sein Großvater. "Du bist erst 14." Häuser geht mit seinem Opa zum Bürgermeister und zu seinem Arbeitgeber "Sie konnten aber nichts für mich tun."

Er folgt dem Einberufungsbefehl zunächst nicht und bleibt zu Hause, doch der Versuch ist vergebens. Gegen Mitternacht klopft es an der Tür, draußen stehen Polizisten. In aller Eile packt er einen Rucksack, dann läuft er mit fünf ebenfalls einberufenen Schulkameraden durch den Schiffenberger Wald zur Steubenkaserne in der Licher Straße. Kurz darauf geht es weiter per Zug nach Darmstadt und in langen Fußmärschen bis nach Halle an der Saale. Der 14 Jahre alte Junge wird an der Panzerfaust ausgebildet. Einmal fragt ihn ein Soldat, was er denn hier mache, er sei doch noch ein Kind. "Mach, dass du heimkommst."

Soldat mit 14 Jahren: "Sie hätten mich vergessen"

In Halle muss er kurz nach der Ankunft Wache schieben. "Ich hatte zum ersten Mal ein Gewehr in der Hand." Für einen Moment legt er die Waffe ab, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. "Ein Leutnant hat mich gesehen und zusammengestaucht. Für drei Tage musste ich zur Strafe in den Bau." Häuser wird in einer Umkleidekabine eingesperrt. In der Nacht aber nähern sich Panzer. Häuser trommelt gegen die Tür der Kabine, bis er befreit wird. "Sie hätten mich vergessen", ist er sich sicher. Dann flüchtet er mit den Kameraden zum Waldrand.

Häuser hat Glück in diesen Tagen. Er muss keinen Schuss abfeuern. Ständig fliehen sie vor den US-Amerikanern, marschieren immer weiter in Richtung Südosten bis ins heutige Tschechien. Bei Furth im Wald geraten sie in ein Gefecht mit Panzern. "Überall sind Schüsse eingeschlagen, es hat gekracht und gedonnert." Sie laufen aber weiter.

Eines Morgens sind plötzlich die Vorgesetzten verschwunden. Geflüchtet. Häuser ist auf sich allein gestellt. Er versteckt sich in einer Scheune in einem Heuhaufen, als er durch ein Loch in der Wand sieht, wie Kameraden von tschechischen Soldaten festgenommen werden. "Es hat geschneit. Es war der 4. Mai."

Danach nistet er sich in einem Haus ein, bis plötzlich ein US-Soldat durch die Tür schleicht und ein Gewehr auf ihn richtet. Er sei Zivilist, lügt Häuser. Dann sagt er den US-Amerikanern, er sei Teil einer Kinderlandverschickung. So entgeht er einer längeren Kriegsgefangenschaft. Und er marschiert nach Hause.

Soldat mit 14 Jahren: Querfeldein marschiert

Vorher hat er sich eine Landkarte angeschaut und Städte notiert, die er passieren muss. "Ich bin in Richtung Nordwesten gelaufen." Er marschiert querfeldein, Essen erbettelt er sich in Dörfern, nachts legt er sich in Scheunen und im Wald zum Schlafen. Städte, an denen er vorbeiläuft, liegen in Schutt und Asche. Den Main überquert er mit einem Floß. "Die Brücken waren gesprengt."

Vor wenigen Tagen, am 8. Mai, jährte sich das Kriegsende zum 75. Mal. Häuser weiß damals, am 8. Mai 1945, noch nicht, dass der Krieg vorbei ist. Er läuft. Durch den Böhmischen Wald. Durch den Bayrischen Wald. Quer durch den Vogelsberg. Bis er sich Watzenborn-Steinberg nähert. Daheim, in der Bahnhofstraße, trifft er die Familie zuerst nicht an. "Sie waren draußen auf den Feldern, arbeiten." Dann endlich das Wiedersehen mit der Mutter, der Schwester, den Großeltern. Tränen. Umarmungen. Und Erschöpfung. "Ich habe tagelang geschlafen", erzählt er. Heute wisse er die Zeit des Friedens sehr zu schätzen, sagt Häuser. Und er habe gelernt, immer "klar nach vorne" zu denken. Wie damals, als er 500 Kilometer nach Hause gelaufen ist. Schritt für Schritt.

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