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Dort, wo üblicherweise die Neuwagen übergeben werden, findet sich derzeit ein ausgedehnter Wartebereich, der den Kunden viel Abstand voneinander ermöglicht. Nicht die einzige Veränderung, die die Corona-Pandemie der Firma Auto-Häuser in Pohlheim beschert hat. 

Corona-Pandemie

Corona im Kreis Gießen: Die Kfz-Branche im Krisenmodus

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Die Corona-Pandemie hat auch die Kfz-Branche fest im Griff. Zwar dürfen Betriebe ihre Werkstätten weiter öffnen, aber der Autoverkauf ist für den üblichen Kundenverkehr seit dem 18. März untersagt.

Bitte halten Sie zwei Meter Abstand, steht gleich auf mehreren Schildern im Eingangsbereich. Und darunter: Für Ihre und unsere Gesundheit. Hinterm Empfangstresen sitzt nur einer von eigentlich drei Mitarbeitern. Und auch die meisten Schreibtische in den Büros gegenüber sind in diesen Tagen verwaist. Ganz zu schweigen vom gut drei Hektar großen Außengelände der Firma Auto-Häuser am Ortseingang Watzenborn-Steinbergs. Das steht zwar voller Fahrzeuge. Aber es kommt niemand, der sie anschauen, probefahren oder kaufen möchte. Auch die Ausstellungsräume sind für das Publikum geschlossen.

Der Grund dafür heißt Corona, denn wegen der Pandemie ist der stationäre Kfz-Handel seit 18. März für den Kundenverkehr untersagt. Fahrzeuge dürfen nur noch online, per E-Mail oder telefonisch den Besitzer wechseln. Firmenchef Christoph Häuser und sein Team setzen deshalb in diesen Tagen noch stärker auf das Geschäft im "World wide web" als bisher. Aber natürlich kann das Netz das persönliche, Vertrauen schaffende Verkäufer-Kunden-Gespräch nicht ersetzen. Ebenso wenig ist es möglich, über den Computer auf Tuchfühlung mit dem Fahrzeug zu gehen. Häuser: "Online kann man Informationen transportieren, aber keine Emotionen."

Eine echte Herausforderung für die Kfz-Branche - und nicht die einzige. Denn: Die Fahrzeuge, die auf den Höfen stehen, binden extrem viel Kapital. 600 Autos sind es bei dem Händler in Watzenborn-Steinberg. "200 liefern wir normalerweise jeden Monat aus", so Seniorchef Gerhold Häuser, der die Geschäftsführung der Firma zum Jahreswechsel seinem Sohn übergeben hat.

Im März und April wird man diese Zahlen vermutlich nicht erreichen. Bedauerlicherweise. Denn zum einen sind das zwei der vier umsatzstärksten Monate. "In dieser Zeit läuft 40 Prozent des Verkaufs", sagt Christoph Häuser. Zum anderen macht das Unternehmen 80 Prozent seines Umsatzes mit eben diesem. Normalerweise.

Doch normal ist in Zeiten von Corona gar nichts. Auch nicht im Service, der am zweiten Firmenstandort angesiedelt ist. Hier, in der Ortsmitte Watzenborn-Steinbergs halten die Angestellten das Geschäft unter besonderen Umständen am Laufen: Plexiglasscheiben zwischen ihnen und den Kunden, zusätzliche, großzügige und voneinander getrennte Wartebereiche, eine gekennzeichnete Wegeführung, ein separater Tisch für die Schriftlichkeiten. Und natürlich Desinfektionsspender.

Kontaktlose Fahrzeugabgabe/-annahme nennt sich das - zum Schutz von Kunden und Mitarbeitern. Eine von zahlreichen Vorkehrungen, die die Geschäftsführung in den vergangenen Tagen treffen musste. "Damit hier niemand Angst vor dem Virus haben muss", so Christoph Häuser.

Bereits Anfang März hatte sich der 32-Jährige intensiv mit dem Thema Corona auseinandergesetzt. Mit Blick auf Italien und Österreich sei ihm schnell klar gewesen, dass das Virus vor Deutschland nicht Halt machen würde. Geschäftsführung und Abteilungsleiter bildeten einen Krisenstab. Worst-Case-Szenarien wurden durchgespielt, mögliche Folgen für den Betrieb erörtert. Gemeinsam entwarf man einen Pandemieplan.

Was der junge Firmenchef in der aktuellen Situation besonders schwierig findet, ist die Dynamik der Entwicklungen. "Wir müssen immer wieder schauen, was sich verändert hat und gegebenenfalls darauf reagieren", sagt Christoph Häuser. Das erfordere von allen sehr viel Flexibilität und von den Führungskräften darüber hinaus mehr Präsenz, eine noch bessere Kommunikation mit den Mitarbeitern und einen intensiven Blick für den anderen.

"Wir wollen unseren Angestellten zeigen, dass wir da sind und dass wir das gemeinsam durchstehen", so Häuser. Verständnis zeigen statt Druck aufbauen. So hat die Geschäftsleitung in mehreren Abteilungsversammlungen über die Lage informiert, mit allen 110 Mitarbeitern Einzelvereinbarungen zur Kurzarbeit geschlossen, falls diese notwendig wird. Bisher seien lediglich die 16 Verkäufer und vereinzelte Mitarbeiter zu Hause und abwechselnd im Home Office für die Kunden da, machten Urlaub oder bauten Überstunden ab, so Christoph Häuser. Und auch die Gehälter würden noch in vollem Umfang ausgezahlt. Wie es im April aussehen wird, wissen er und sein Vater heute nicht zu sagen. Ebenso wenig, wie viele Monate ihre Firma eine solche Krise durchhalten kann.

Viel wird davon abhängen, wie lange sie andauert und wann die Menschen wieder anfangen werden, Autos zu kaufen. Jetzt heißt es erstmal, sämtliche Energie in den Service und das Vertrauen der Kunden zu stecken. Denn: Wenn sie aus- und die Werkstätten leer bleiben, "haben wir plötzlich eine ganz andere Situation", so Christoph Häuser. Derzeit seien allerdings nur geringe Auftragsrückgänge zu verzeichnen, was bei Mitbewerbern mitunter anders aussieht.

Doch daran will Christoph Häuser noch nicht allzu viele Gedanken verschwenden. Im Gegenteil. "Ich weiß, dass in unserer Branche nicht immer die Sonne scheint", sagt er mit Blick auf Krisen wie die Dieselaffäre. Aber sein mittlerweile 90 Jahre alter Großvater habe nach dem Krieg auch nicht den Kopf hängen lassen. "Das gibt mir Kraft, und ich werde alles dafür tun, dass wir hier gut durchkommen."

Vertrauen und Optimismus sprechen aus diesen Worten. Ebenso wie von jedem Hinweisschild, dass derzeit in den Häuserschen Hallen auf die Zwei-Meter-Abstandsregelung verweist: Gemeinsam schaffen wir das!

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