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Viele Absagen

Ein Clown im Krisenmodus

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Michael Rogalla alias Clown Ichmael war ausgebucht bis Mitte Mai. Dann kam das Coronavirus. Jetzt schmiedet er neue Pläne

Michael Rogalla gewinnt gerne auch den negativen Dingen etwas Positives ab. "Der Terminkalender war rappelvoll. Ich war ausgebucht bis Mitte Mai." Als Clown Ichmael standen für ihn Auftritte bei Kindergeburtstagen und Festen auf dem Programm. Als Fabius, dem Maskottchen der Gießen 46ers, wäre die Saison in die Endphase gegangen, im Kostüm des Bibers Karlchen der HSG Wetzlar hätte er noch einige Gästeteams des Handball-Bundesligaklubs als Maskottchen in der Rittal-Arena begrüßt. Seit die Corona-Krise das öffentliche Leben weitgehend lahmgelegt hat, haben Ichmael, Fabius und Karlchen Pause.

"In dieser Situation hilft mir der Blick des Clowns: Nicht die Lebensfreude verlieren", sagt Michael Rogalla. "Als Clown musst du bereit sein, in die Krise zu gehen, zu scheitern." Schließlich lachen Kinder bei einem Auftritt nicht vor allem über das, was glatt läuft, sondern wenn der Ball beim Jonglieren mal runterfällt oder der Künstler stolpert und sich auf dem Boden wiederfindet.

Michael Rogalla nimmt die Krise an und schmiedet Pläne. Die unfreiwillige Pause will er nutzen, um künstlerisch zu arbeiten. Der 48-Jährige möchte in den kommenden Wochen ein neues Kinderprogramm entwickeln. "Mit vollem Terminkalender wäre dafür keine Zeit gewesen", sagt er. Ob er die Phase ohne Auftritte wirtschaftlich einigermaßen verkraften kann? "Ich habe mich bis heute nicht darum gekümmert - und am liebsten würde ich mich auch nicht darum kümmern", zeigt er deutlich, wie sehr er sich wünscht, dass die künstlerische Zwangspause eher heute als morgen zu Ende wäre.

Schließlich ist es das erste Mal seit über 20 Jahren, dass Clown Ichmael Sendepause hat, blickt Rogalla zurück. Schaut man noch ein wenig weiter zurück, dann stellt man fest, dass aus dem gebürtigen Licher statt Profi-Clown fast ein Elektroingenieur geworden wäre. Nach einer Ausbildung zum Installateur hat er einst an der FH Elektrotechnik studiert. Nach einigen Semestern war klar: "Ich muss was anderes machen." Unterstützt von seiner Frau Jeanette ("Du kannst doch ganz andere Sachen, als den ganzen Tag vor dem Computer zu sitzen") entwickelte er die Idee, eine Schauspiel- und Clownschule zu besuchen. Schon bald fuhr er jeden Tag nach Mainz - mit Bus und Bahn drei Stunden für eine Strecke.

Rogalla machte aus der (Zeit)-Not eine Tugend und nutzte die Zugfahrt für Jonglage-Übungen. "Die Vielfalt der Zirkuswelt hat mich fasziniert", sagt er. Man merkt dem 48-Jährigen noch heute die Begeisterung für die damals neue berufliche Orientierung an. Doch mit Begeisterung allein kann man weder einkaufen noch die Miete zahlen. "Während der Studienzeit wurde das Geld ein bisschen knapp." Warum nicht als Clown auftreten, wenn man schon eine entsprechende Schule besucht?

Rogalla rief in Kitas an, verteilte Handzettel - und hatte bald seine ersten Auftritte. "Als Clown brauchte ich natürlich einen Namen. Das M ist ein wenig in die Mitte gerutscht - so wurde ich zu Ichmael." Bei Schulfesten und Kindergeburtstagen sollte es nicht bleiben. Schon bald wurden die Bundesliga-Basketballer auf ihn aufmerksam. Als Avitos-Tiger, Löwe Leon und als Drache Fabius zeigt Rogalla, dass ein Maskottchen mehr sein kann als ein tapsiger Spaßmacher. Mit dem Einrad, auf Stelzen oder als Jongleur versteht er es, das Osthallen-Publikum in die richtige Stimmung zu versetzen.

Dass Fabius seit vielen Jahren regelmäßig vom Nachwuchsdrachen Fabi begleitet wird, liegt an den Talenten in der eigenen Familie. Alle vier Kinder der Rogallas, mittlerweile, 11, 12, 14 und 20 Jahre alt, können Einrad fahren, Akrobatik, Jonglage und ein Musikinstrument spielen. Und Ehefrau Jeanette ist ebenfalls mit dem Künstlergen ausgestattet, gestaltet Shows aktiv mit, plant und führt Regie. Ichmael ist also keine One-Man-Show, sondern ein Familienbetrieb. "Wir beide entscheiden, wo es langgeht."

Dass Michael Rogalla und seine Familie auch in Zeiten von Corona ausreichend Gelegenheit haben, sich fit zu halten für den nächsten Auftritt, zeigt ein Blick in die Zirkusscheune. Mitten in Garbenteich hat die Familie vor Jahren eine alte Hofreite erworben und sie für ihre Zwecke umgebaut. In der ehemaligen Scheune ist unten mit Trapez und Vertikaltuch Platz für Zaubertricks und Akrobatik. Über eine Treppe kommt man nach oben in den Gemeinschaftsraum mit Küche. Und der riesige Garten mit Wiese und Bach lädt ein zum Spielen, Balancieren und Kicken. "Vor der Krise gab es hier regelmäßig Kinderpartys", erzählt er ein wenig wehmütig. "Und in den Sommerferien bieten wir hier ein Zirkuscamp an." Fast hätte er ein "normalerweise" drangehängt. Doch das tut er nicht. Auch wenn man bereit sein muss, als Clown in die Krise zu gehen, hat sich Ichmael seinen Optimismus bewahrt.

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