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»Hawaiihemden erzählen Geschichten«, sagt Christian Jakob. Das orangefarbene Hemd mit abgebildeten Streuobstwiesen als Motiv sei »ein Renner«.

Start-Up »Schönwetterfront«

Chuck Norris hat ein Hawaiihemd aus dem Kreis Gießen

  • VonStefan Schaal
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Ein 39-Jähriger aus dem Kreis Gießen gestaltet und vertreibt Hawaiihemden mit Motiven aus der Region. Auch Prominente wie Chuck Norris sind in Besitz eines Hemds.

Pohlheim – Plötzlich wird es laut vor Christian Jakobs Laden. Es zischt, brummt, dröhnt. Straßenreiniger ziehen mit mehreren Fahrzeugen vorbei. Jakob, der Pohlheimer, bleibt draußen in seinem bunten Hawaiihemd auf einem dunkelblauen Sessel sitzen. Wie ein Buddha ruht er in sich, für einen Moment lacht er mit heller Stimme auf. Und als sich die Straßenreiniger wieder entfernen, erzählt er eine Anekdote. Ein Bekannter habe ihn einmal auf der Straße angesprochen. »Ich war auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Wegen des Hawaiihemds hat er hat mich gefragt, ob ich Urlaub habe.« Nein, habe Jakob nur geantwortet. »Ich sehe immer so aus.«

Hawaiihemden aus dem Kreis Gießen mit heimischen Motiven

Ein Garbenteicher macht in Hawaiihemden. Die farbenfrohen Kleidungsstücke trägt Jakob seit vielen Jahren nahezu täglich, im Winter zieht er sie über langärmelige Shirts. »Ausnahmen mache ich bei traurigen Anlässen wie Beerdigungen«, sagt er. Vor fünf Jahren schließlich hat er aus seiner Leidenschaft ein Geschäft gemacht: Er gestaltet Hawaiihemden mit heimischen Motiven wie Streuobstwiesen, Apfelwein und Grüner Soße, mit einer Schneiderin hat er das Unternehmen »Schönwetterfront« gegründet und vertreibt die selbst hergestellten Hemden überwiegend online. Inzwischen hat der Pohlheimer mitten in der Corona-Krise außerdem einen eigenen Laden im Wiesbadener Dichterviertel gegründet und verkauft 400 Hemden im Jahr.

»Ciao Maria«, ruft Jakob, als die Inhaberin der Pizzeria nebenan vorbeiläuft. Hinter ihm im Schaufenster strahlen Hawaiihemden in allen Farben. Auf eine Frage indes schüttelt der Pohlheimer den Kopf: Kann Hawaii denn Modesünde sein? Sicher, räumt Jakob ein, Karl Lagerfeld hätte wohl kein Hawaiihemd getragen. »Aber eigentlich hatte er doch nur etwas gegen Jogginghosen.«

Hawaiihemden aus dem Kreis Gießen: Ein Statement für ein freundliches Lebensgefühl

Das Hawaiihemd ist nicht unumstritten. Es gibt Kritiker, die in dem Kleidungsstück ein Symbol für den Imperialismus der USA gegen die indigene Bevölkerung Hawaiis sehen. Für Jakob sind Hawaiihemden aber durch ihre Farben und Muster ein Statement für ein freundliches Lebensgefühl. »Mir gefällt die positive Ausstrahlung«, sagt er. »Sie stehen nicht jedem«, fügt er hinzu. »Aber mir stehen auch keine pinkfarbenen Polohemden.«

Die Idee, aus seiner Hingabe und seiner Sammlerei von Hawaiihemden ein Geschäft zu machen, kommt ihm 2015 auf dem Marktplatz in Wiesbaden, in der Stadt hat er Kommunikationsdesign studiert und arbeitet dort in einer Werbeagentur. »Ich habe damals etwas gesucht, wofür ich beruflich Leidenschaft verspüre«, erzählt Jakob. Da entdeckt er das Wiesbadener Wappen, das drei gelbe Lilien zeigt. »Ich habe ein blaues Hawaiihemd getragen. Ich dachte mir, dass die Lilien darauf bestimmt gut aussehen.«

Hawaiihemden aus dem Kreis Gießen: „Schönwetterfront“

Wenig später sitzt er vor seinem Computer, zeichnet und spielt an Entwürfen für Hawaiihemden. Und er kommt auf weitere Ideen. »Wie würde ein deutsches Hawaiihemd aussehen?«, fragt er sich. Ein Freund rät ihm: »Das ist so eine bescheuerte Idee, das solltest du in echt machen.«

Jakob hat damals keine Erfahrung in der Textilbranche, schließt sich mit einer befreundeten Schneiderin zusammen. Ihrem Start-Up geben sie zuerst den Namen »Aloha Deutschland«. Nachdem ihnen ein Rechtsanwalt davon aber abrät, weil eine Surfbrettfirma den Markennamen »Aloha« für den europäischen Raum geschützt hat, benennen sie sich in »Schönwetterfront« um. Die Freundin stellt im ersten Jahr 140 Hemden her. »Ihre Mutter hat ihr bei den Knopflöchern geholfen«, erzählt Jakob. Allmählich etabliert sich nun das Geschäft, das Unternehmen wachse von Jahr zu Jahr, sagt Jakob. Der erste Warenbestand neuer Hemden werde mittlerweile von Schneidern in Sachsen produziert. Seit September beschäftigt das Unternehmen außerdem eine Minijobberin für Schneiderarbeiten.

Hawaiihemden aus dem Kreis Gießen: 129 Euro pro Stück

Kritische Stimmen, berichtet Jakob, gebe es hin und wieder von Besuchern der Homepage wegen des Preises von 129 Euro für jedes Hawaiihemd. »Es ist deutsche Manufakturware aus Biobaumwolle«, erklärt der Pohlheimer dann. Eine kostengünstigere Produktion unter diesen Bedingungen sei nicht möglich.

Gleichzeitig gibt es Kunden, die Jakob nach Sonderanfertigungen fragen. Einer habe ihn gebeten, ein Hemd für seine Hochzeit herzustellen, berichtet Jakob. »Hawaiihemden und ihre Motive erzählen ja Geschichten. Ich habe ihn und seine Frau deshalb gefragt, wie sie sich kennengelernt haben.« Am Ende heiratete der Kunde in einem Hemd, auf dem Skifahrer, Snowboards und eine österreichische Gebirgskette abgebildet waren. »Um noch für ein bisschen hawaiianisches Gefühl zu sorgen, habe ich Enzianblüten hinzugefügt.«

Hawaiihemden aus dem Kreis Gießen: Chuck Norris trägt Größe L

Um sein Unternehmen bekannter zu machen, war Jakob zumindest vor Corona-Zeiten immer wieder auf Rock’n-Roll- und Rockabilly-Festivals vertreten. Menschen über 40 Jahren seien die Zielgruppe. Ein hoch prominenter Zeitgenosse hat derweil bereits ein Hemd des Pohlheimers erhalten. »Das war im ersten Jahr, 2016«, berichtet Jakob. Ein Freund des Garbenteichers habe mit dem früheren Actionfilmstar Chuck Norris einen Werbespot auf dessen Lone Wolf Range in Texas gedreht. Um ein ausgefallenes Geschenk mitzubringen, fragte der Freund Jakob nach einem Hawaiihemd. »Wir hatten zu dem Zeitpunkt nur ein einziges Hemd da«, erzählt Jakob. »Wir waren uns unsicher: Welche Größe trägt eigentlich Chuck Norris?« Sie verpackten ein weißes Hawaiihemd mit grünen Löwenzahnblättern und gelben Blüten als Motiv, Größe L. Norris habe sich gefreut. »Er hat ja auch ein Ferienhaus auf Hawaii.«

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