Andreas Ruck steht in einem grünen Garten.
+
Zum geplanten Bau einer Kita mit acht Gruppen in Watzenborn sagt Andreas Ruck: »Die Fraktionen müssen sich in dieser Frage schütteln und sortieren.«

Andreas Ruck im Interview

Bürgermeister von Pohlheim im Interview: Landesgartenschau im Ort? – „Klar“

  • vonStefan Schaal
    schließen

Der Bürgermeister von Pohlheim, Andreas Ruck, äußert sich im Interview zu Kitaplänen, den Vorzügen einer Landesgartenschau und 50 Jahre Stadt Pohlheim.

Pohlheim – Konflikte und Angriffe in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit bezeichnet Pohlheims Bürgermeister Andreas Ruck im Interview mit Stefan Schaal als »Schnee von gestern«. In den Vordergrund seiner Arbeit stellt der parteilose Rathauschef drei zukunftsweisende Projekte.

Jeder zweite Bürgermeister in Deutschland erlebt Beleidigungen, Bedrohungen und tätliche Angriffe, wie vor Kurzem eine Umfrage deutlich gemacht hat. Wurden Sie in Ihren ersten 100 Tagen auch mit Angriffen konfrontiert?

Tätliche Angriffe gab es nicht, aber Bezeichnungen, die man als Beleidigung auffassen kann.

Wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt hat Sie der damalige Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Ulrich Sann, im Stadtparlament als »Borkenkäfer« bezeichnet.

Viele empfinden das als Spaß. Aber das ist kein Spaß. Der Umgang mit Beleidigungen war vor zwei Wochen Thema bei einem Seminar für Bürgermeister, an dem ich teilgenommen habe. Auch die im Wahlkampf gegen mich gefallene Bezeichnung als »Holiday-Bürgermeister« ist eine Beleidigung und damit eine Straftat. Aber ich habe ein dickes Fell. Ich beschäftige mich nicht mit einem solchen Müll. Das kostet unnötig Energie und bringt vom eigentlichen Weg ab. Auf dem Tisch sind so viele Themen, die sechs Jahre lang liegen geblieben sind und die wir jetzt angehen.

Zum Beispiel?

Beim Baugebiet in Hausen-Ost geht es voran, dort entstehen 150 Wohnungen. Wir sind mitten in den Planungen, wie das Gebiet strukturiert wird. Wir wollen dabei auch bezahlbaren Wohnraum schaffen. Ziel ist, dass wir nächstes Jahr mit den Bauarbeiten starten. Auch zum Baugebiet »Hinter der Friedensstraße« in Garbenteich führen wir Gespräche, da geht es spätestens 2024 los.

Das größte Projekt, das Sie begleiten, ist sicher das Gewerbegebiet Garbenteich-Ost. Wie ist dort der aktuelle Stand?

Es ist das zukunftsweisendste Projekt, neben den beiden neuen Wohngebieten. In Garbenteich-Ost geht es mit den ersten Arbeiten im Herbst, wenn auf der bisherigen Ackerfläche die Ernte eingebracht ist, los. Es gibt mittlerweile mehr als genug Anfragen von Unternehmen, wir können uns die Sahnestücke aussuchen. Auch Betriebe aus Pohlheim sind dabei, die sich vergrößern wollen. Und hochinteressante Unternehmen, die viel Fläche brauchen.

Das heißt, dass bereits konkrete Unternehmen feststehen, die sich dort ansiedeln werden?

Nein, es ist noch keine Entscheidung gefallen. Bei Anfragen von Unternehmen wendet sich ja der Investor, die Revikon GmbH, zunächst an mich, das ist im städtebaulichen Vertrag festgelegt. Dann werden der Magistrat und der Bauausschuss informiert. Anschließend gibt der Ausschuss sein Okay oder, wenn es kompliziert wird, diskutiert das Stadtparlament über die Anfrage. Mir ist Transparenz wichtig. Jeder soll wissen, was dort passiert.

Woran wollen Sie sich in sechs Jahren messen lassen?

Die Kommunikation in Pohlheim sollte hervorragend sein. Der größte Messfaktor wird sein, dass Pohlheim finanziell und wirtschaftlich gut dasteht. Bezahlbarer Wohnraum sollte vorhanden sein. Und ich hoffe auf ein vernünftiges Verkehrskonzept.

Sie meinen für Garbenteich-Ost?

Vor allem für die Ludwigstraße in Watzenborn-Steinberg. Was Garbenteich-Ost angeht, läuft ja die Anbindung über die Landesstraße. Klar, für Dorf-Güll und die dortige Verkehrsbelastung müssen wir eine Lösung anstoßen, für die wir hoffentlich weniger als 20 Jahre brauchen.

Was konkret schwebt Ihnen vor?

Das Ziel heißt: Lkw-Verkehr raus. Dazu brauchen wir eine Ausweichstraße. Und eine Abfahrt vom Gambacher Kreuz. Natürlich dauert das länger, ich erlebe das wahrscheinlich nicht mehr als Bürgermeister. Aber wir müssen es anstoßen.

Und welche Ideen haben Sie, um die stark befahrene Ludwigstraße in Watzenborn zu entlasten?

Ehrlich gesagt habe ich zur Zeit keine Lösung. Den Verkehr auf eine andere Straße zu lenken wäre nicht sinnvoll, das würde das Problem nur verschieben. Vielleicht geschwindigkeitsabhängige Ampeln und eine grüne Welle für Autofahrer, die das Tempo einhalten? Wir brauchen Zeit, vielleicht kommen wir dann auf die Idee des Jahrhunderts.

An der Ludwigstraße soll mit acht Gruppen die größte Kita im Kreisgebiet entstehen. Sie haben sich für nur vier Gruppen ausgesprochen, nun gibt es außerdem neue Mehrheitsverhältnisse im Stadtparlament. Kommt es zum Bau der Riesen-Kita?

In sechs bis acht Wochen wird es da mehr Klarheit geben. Eine Kita mit nur vier Gruppen wäre aus pädagogischer Sicht sinnvoll. Beschlossen wurde eine Einrichtung, die 6,8 Millionen Euro kosten soll. Ich rechne mittlerweile eher mit 14 Millionen Euro, durch Corona-Aufschlag und Materialteuerung. Da muss man fragen: Hat der Beschluss noch seine Gültigkeit? Wollen wir wirklich das Doppelte ausgeben? Die Fraktionen müssen sich in dieser Frage schütteln und sortieren.

Sollte es zu einer Kita mit nur vier Gruppen kommen, müsste der Planungsprozess von vorne beginnen, das Projekt müsste neu ausgeschrieben werden. Das würde viel Zeit kosten. Die CDU weist darauf hin, dass Fördergelder verstreichen würden.

Die Aussage ist falsch. Fördertöpfe sind zeitlich begrenzt. Wenn einer ausläuft, gibt es wieder einen neuen. Wenn wir einen Kindergarten bauen, bekommen wir den immer gefördert. Und wir würden kein Jahr verlieren.

Ein weiteres Großprojekt steht zur Diskussion: Das Stadtparlament hat beschlossen, die Möglichkeit einer Landesgartenschau in Zusammenarbeit mit anderen Kommunen zu überprüfen. Wie realistisch ist eine Landesgartenschau in Pohlheim?

Im Jahr 2018 war ich in der Organisation einer Landesgartenschau mit eingebunden. Eine interkommunale Schau ist eher unwahrscheinlich. Besucher wollen auf einem Gelände verweilen und den Tag genießen.

Und eine Landesgartenschau nur in Pohlheim?

Klar. Bad Schwalbach hat es auch geschafft, mit gerade einmal 12 000 Einwohnern. Man müsste sich aber ein gutes, nachhaltiges Konzept einfallen lassen. Eine Landesgartenschau ist vor allem ein Entwicklungsprogramm, die Blümchenschau ist nur ein Nebeneffekt. In Heilbronn wurden für die Bundesgartenschau Kasernen zu einem Wohngebiet entwickelt. In Koblenz ist eine Seilbahn entstanden.

Was könnte man denn in Pohlheim zum Beispiel entwickeln?

Einen Bürgerpark. Hinter dem Schwimmbad in Richtung Seniorenheim, das wäre das richtige Gebiet. Mit einer Landesgartenschau hätte man übrigens auch ein Mittel, um sich auf Landesebene für eine Autobahnauf- und abfahrt und für eine Umgehungsstraße stark zu machen.

Ihr Amt haben Sie in einem historischen Jahr für Pohlheim angetreten. Wie wird Pohlheim das 50-jährige Jubiläum feiern?

Stand heute gar nicht, Corona verhindert es. Wenn im Herbst Öffnungen möglich sind, könnte es vielleicht eine Feier in abgespeckter Version geben. Zu einem kleinen Gedenken wird es auf jeden Fall kommen, vielleicht am Pohlheim-Stein.

Das heißt, Sie holen die große Feier im kommenden Jahr nach?

Nein, das Jubiläumsjahr wäre dann abgelaufen. Die Gesangvereine müssen sich ja auch erst wieder organisieren, finden und zu proben beginnen. Lieber feiern wir dann 2024 groß, wenn Pohlheim 50 Jahre Stadtrecht feiert.

Wie sind Sie eigentlich im Kompetenzteam des FC Gießen gelandet? Haben Sie zu viel Freizeit?

Nein, der FC Gießen ist ein Pohlheimer Verein, der Sitz ist in Pohlheim. Vor drei Jahren hat sich der VfB Gießen der damals umbenannten Teutonia angeschlossen und nicht umgekehrt. Und der Verein ist ein Aushängeschild der Region, da geht es mehr als nur um Fußball. Turgay Schmidt, der Notvorstand, ebenfalls ein Pohlheimer, hat mich angesprochen, ob ich den Verein unterstützen möchte.

Wie sieht die Unterstützung denn aus?

Es geht darum, Turgay Schmidt beratend zu unterstützen. Im Vorstand ist in der Vergangenheit einiges schief gelaufen. Als Pohlheimer Bürgermeister ist es meine Pflicht, den Verein zu unterstützen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare