Seit Jahren ist die politische Diskussion in Pohlheim unterirdisch und von persönlichen Streitigkeiten und alten Grabenkämpfen geprägt. FOTO: AGL

Hinter den Kulissen

Bürgermeister-Entscheidung in Pohlheim: Wenn der Wahlkampf schmutzig wird

Corona hat den Bürgermeisterwahlkampf in Pohlheim erdrückt. Kurz vor der Entscheidung am Sonntag wird es derweil schmutzig.

Auf die Stelle hinter dem Komma ahnte Udo Schöffmann vor sechs Jahren, wie die Bürgermeisterwahl in Pohlheim (Aktuelle Informationen zur Bürgermeisterwahl 2020 in Pohlheim und das Ergebnis am Abend finden Sie hier) ausgehen sollte. Seinen Sieg mit 56,4 Prozent hatte seine Tochter vorausgesagt - damals aus den Eindrücken des Wahlkampfs heraus nach Tausenden Gesprächen Schöffmanns mit Pohlheimern an deren Haustür.

Drei Tage vor der Bürgermeisterentscheidung zwischen Schöffmann (CDU) und Herausforderer Andreas Ruck (parteilos) ist eine Prognose, ja selbst ein Stimmungsbild, kaum möglich - nach einem Wahlkampf, der vor dem Hintergrund der Corona-Krise lange Zeit keiner war - und in den letzten Wochen in Bereiche unter der Gürtellinie geraten ist. Dazu gleich mehr.

Selbst die Wahlbeteiligung ist völlig ungewiss. Zwar haben mehr als 3200 der 14 000 Stimmberechtigten ihre Unterlagen für eine Briefwahl angefordert. Hier deutet sich eine wesentlich höhere Beteiligung als 2014 an, als 1245 Pohlheimer per Brief gewählt haben. Nur bleibt die Frage: Wie viele Menschen werden am Sonntag die Wahllokale aufsuchen? Und wie viele werden aus Angst vor Corona oder schlicht aus Desinteresse zu Hause bleiben? Für die meisten Pohlheimer ist derzeit eine Zahl wichtiger als die Wahlbeteiligung oder eine Stimmenmehrheit: Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt momentan bei 385,9.

Die Pandemie hat jegliches Thema und jede Diskussion zu den Zukunftsthemen Pohlheims erdrückt. Dabei sind die Positionen, Ideen und Forderungen der Kandidaten kontrovers. Der Amtsinhaber will das geplante Gewerbegebiet in Garbenteich weiter voranbringen und in Watzenborn-Steinberg die größte Kita des Kreisgebiets bauen, während der Herausforderer auch schon mit dem Vorschlag der Bürgerinitiative Garbenteich sympathisiert hat, das Gewerbegebiet weiter entfernt von der Wohnbebauung anzusiedeln; einen Großkindergarten mit acht Gruppen lehnt er vehement ab.

Die Corona-Krise verschafft dem Amtsinhaber, der auf einen Wahlkampf von Tür zu Tür verzichtet hat, einen Vorteil. Im Gegensatz zum Herausforderer kann er handeln, wie vor wenigen Tagen die Schließung der städtischen Hallen verfügen und sich in der Zeitung und den sozialen Medien präsentieren, während Ruck wegen der Pandemie inzwischen nur noch zu Hause in Bad Schwalbach sitzt und auf das Wahlergebnis wartet.

In den Sommermonaten hat der von SPD, Grünen und FDP unterstützte Kandidat an 4000 Haustüren in allen Stadtteilen geklingelt und Gartengespräche geführt. Ob er mit seinen Themen durchgedrungen ist, wird sich am Sonntag zeigen. Am Dienstagabend beantwortete er live auf Facebook Fragen von Pohlheimern. Die Zuschauerzahl pendelte bisweilen zwischen einem und zwei Dutzend.

Seit Jahren ist die politische Diskussion in Pohlheim unterirdisch und von persönlichen Streitigkeiten und alten Grabenkämpfen geprägt. Und so war es beinahe zu erwarten, dass sich der Bürgermeisterwahlkampf gegen Ende vom Nullpunkt in schmutzige Gefilde entwickelte. Ruck musste sich mit persönlichen Angriffen auseinandersetzen und erklärte, er denke über eine Anzeige nach dem Wahlsonntag wegen übler Nachrede nach. Schöffmann berichtete auf die Frage, was vom Wahlkampf hängen bleibt, er habe Freunde verloren. die sich an Diffamierungen gegen ihn beteiligt hätten. »Das geht nicht spurlos an mir vorüber.«

Ruck liegt als Auswärtiger richtig in seiner Entscheidung, die Kommunikation in Pohlheim zu kritisieren. Erneut waren in beiden Lagern altgediente Wahlkämpfer an vorderster Front, die seit Jahrzehnten in Pohlheim politisch aktiv sind und Fehden unter sich austragen. Angesichts der Kommunalwahlen im März wäre ein Generationenwechsel dem politischen Klima zuträglich.

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