John T. tötet im Streit seinen Freund. Die Leiche schafft er in ein Vogelschutzgehölz, übergießt sie mit Benzin und zündet sie an.		gehFOTO: MDV-GRAFIK/ARCHIV (SYMBOLBILD)
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John T. tötet im Streit seinen Freund. Die Leiche schafft er in ein Vogelschutzgehölz, übergießt sie mit Benzin und zündet sie an.

In der Gemarkung Pohlheim

Bei Gießen: Brennende Leiche im Plastiksack - Lkw-Fahrer machte grausame Entdeckung

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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Grausames Verbrechen: Zwischen Garbenteich und Watzenborn-Steinberg stoßen die Ermittler im August 1989 auf eine brennende Leiche in einem Plastiksack.

Im Morgengrauen nimmt ein Lkw-Fahrer einen Feuerschein in der Feldgemarkung in Pohlheim wahr. Er vermutet, dass der Brand auf wilde Camper zurückzuführen ist, geht der Sache aber vorsichtshalber nach. Offensichtlich fühlt sich eine zunächst unbekannte Person von dem Lkw-Fahrer gestört und ergreift die Flucht in einem in der Nähe abgestellten Pkw. Kurz darauf macht der Lkw-Fahrer eine grausige Entdeckung: bei dem brennenden Gegenstand handelt es sich um eine Männerleiche, die in einen Plastiksack gewickelt ist. Zuvor wurde sie mit Benzin übergossen.

Die Obduktion ergibt, dass es sich bei dem Toten um den 29-jährigen Engländer Neil L. handelt. Er hatte zuletzt bei einer amerikanischen Autofirma in Gießen gearbeitet und in Wieseck gewohnt. Zweifelsfrei wurde der Mann Opfer eines Gewaltverbrechens, denn die Leiche weist mehrere Stichwunden am Hals und am Kopf auf. Das Opfer ist verblutet. Um den Hals des Toten ist zudem ein Bettlaken gewickelt.

Fahndung nach US-Soldat

Es ist ein mysteriöses Verbrechen, bei dem die Ermittler zunächst im Dunkeln tappen. Sie fahnden mit Hochdruck nach der in einem dunklen Ford geflüchteten Person - ist das vielleicht der Täter?

Als dringend tatverdächtig in dem Fall gilt der US-Soldat John T. Der zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alte Amerikaner hat in den letzten Tagen bei dem Opfer gewohnt. Von seiner Einheit in Erlangen wird er seit Juni als fahnenflüchtig gemeldet.

Die Kripo geht davon aus, dass Neil L. in der Nacht im Wohnzimmer seiner Wohnung ermordet wurde. Gegen 2 Uhr hören Nachbarn Lärm und eine laute Auseinandersetzung zwischen zwei Männern. Tatwerkzeug ist offenbar eine zerbrochene und scharfkantige Cola-Flasche aus Glas.

Anklage wegen Mordes

Wenige Tage nach der Tat dann der Fahndungserfolg. John T. wird in Kitzingen im Norden Bayerns gefasst und nach Gießen überstellt. Bei seiner Festnahme hat der Gesuchte den Führerschein und den Reisepass des Getöteten bei sich, dazu Bargeld in Höhe von 2000 D-Mark und etwa 500 US-Dollar. Vor dem Haftrichter gibt er die Tötung seines Bekannten schließlich zu. Alle weiteren Details bringt der Prozess zutage, der im Mai 1990 beginnt. John T. muss sich wegen Mordes vor Gericht verantworten. Die These der Anklage: Der Amerikaner hat den Schotten getötet, um in dessen Identität zu schlüpfen. Mit dessen Pass und dem Geld will er zurück in die USA, dort erwartet seine Ehefrau nämlich ihr erstes gemeinsames Kind. Seine Frau hat zunächst auch in Deutschland gelebt, ist aber nach Indianapolis zurückgekehrt, als sie schwanger wurde.

John T. hätte nicht ohne Weiteres in die Heimat fliegen können. Weil ihm ein Prozess als Hasch-Dealer vor einem US-Militärgericht bevorstand, ist der in Erlangen stationierte Soldat im Mai 1989 von seiner Truppe desertiert.

Tödlicher Streit um einen Joint

Auf Umwegen kommt er schließlich zu seinem Freund Neil L. nach Wieseck. Kennengelernt hatte er den Engländer in Erlangen. Von einem gezielten Verbrechen will der Angeklagte nichts wissen: »Es war reine Notwehr. Neil griff mich in der Tatnacht mit einem Messer an.«

Er schildert das Geschehen wie folgt: Neil L. sei gegen 2 Uhr nachts betrunken nach Hause gekommen. Dann gibt es Krach zwischen den beiden Männern wegen eines Joints. Der Engländer habe nach einem in der Nähe liegenden Messer gegriffen. »Ich hatte das Gefühl, dass er mich verletzen wollte. Da wollte ich ihn mit einer Ein-Liter-Limonadenflasche kampfunfähig machen.« Seiner Erinnerung nach schlägt er zweimal nach L.s Kopf und Gesicht. Der aber bleibt auf den Beinen. Die Flasche ist nach dem Schlag in zwei Teile gebrochen, der Amerikaner will den Engländer nun mit dem Flaschenhals in die Schulter stechen, um den Gegner »endlich außer Gefecht zu setzen«.

Siebeneinhalb Jahre Haft

»Unglücklicherweise verfehlte ich die Schulter, erwischte ihn versehentlich am Hals. Da sackte er zusammen, blutete fürchterlich.« John F. versucht nach eigenen Angaben, den Blutstrom mit einem Bettlaken zu stoppen. Er bringt den Schwerverletzten ins Bad - dort ist die einzige Lampe in der gesamten Wohnung. Dann fühlt er bei seinem Freund keinen Puls mehr. »Da war mir klar, dass er tot war.« Er packt die Leiche in L.s Auto, fährt dann zu dem Vogelschutzgebiet in Pohlheim, übergießt den Toten mit Benzin und zündet ihn an. Verbrennen will der Angeklagten seinen Freund »damit dessen Seele Frieden hat«.

Der Oberstaatsanwalt geht bis zum Schluss davon aus, dass sich John T. Zeit für die Flucht verschaffen wollte, um mit Pass und Geld des Engländers über Amsterdam in die USA zu gelangen. Denn dieser hat zugegeben: »Ich wollte unbedingt bei der Geburt meines ersten Kindes dabei sein.« John F. wird schließlich wegen Totschlags zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Die These, dass er nur an den Pass von Neil L. kommen wollte, um in die USA einzureisen, konnte durch die Beweisaufnahme nicht zweifelsfrei erhärtet werden, so der Richter.

Für John T. ist es nicht die einzige Strafe. Direkt nach seiner Verhaftung wird er wegen der Hasch-Affäre von einem US-Militärgericht zu 27 Monaten Freiheitsstrafe, Degradierung vom Obergefreiten zum Schützen sowie zur unehrenhaften Entlassung aus der amerikanischen Armee verurteilt. (Susanne Riess)

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