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Impressionen vom Pfahlgraben: Links das Stellwerk, rechts ein Schienenbus. Unten: Der Bauplan aus dem Jahr 1908 für drei Bahnsteige wurde nie realisiert. Fotos: Sammlung Röhrig

Bahnhof ohne Reisende

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Täglich halten hier Züge, doch nie steigt jemand ein oder aus: Der "Pfahlgraben" bei Garbenteich ist lediglich ein Ausweichpunkt. Die Idee, aus ihm einen echten Bahnhof zu machen, ist schon über 110 Jahre alt. Damals wurden gegen die Pläne Unterschriften gesammelt.

Auf der Bahnstrecke zwischen Gießen und Hungen gibt es einen Bahnhof, an dem Züge halten, aber noch nie ein Fahrgast ein- oder ausgestiegen ist: am Pfahlgraben vor den Toren Garbenteichs. Bereits seit rund 30 Jahren diskutieren die Kommunalpolitiker darüber, ob man den Betriebsbahnhof nicht in einen regulären Bahnhof umwandeln könnte. Diese Idee ist nicht neu. Bereits als der Pfahlgraben vor rund 110 Jahren geplant wurde, wurde über einen Bahnhof diskutiert. Eine "Bürgerinitiative" hatte damals etwas dagegen und die Anrainergemeinden wollten die Kosten des Projekts nicht mittragen.

Es war die Zeit, als der Bahnstreckenbau in der Region boomte: Von 1888 bis 1909 wurden acht neue Nebenbahnen entlang des Hauptgleises zwischen Gießen und Nidda gebaut. Diese sorgten für steigende Passagierzahlen, es mussten mehr Züge fahren. Auf der eingleisigen Strecke brauchte es jedoch Stellen, an denen sich die in entgegengesetzter Richtung fahrenden Züge ausweichen konnten. Die Königliche Eisenbahndirektion Frankfurt sah darum einen weiteren Kreuzungspunkt zwischen Lich und Gießen als notwendig an.

1907 lagen die ersten Planungen vor. Einfach ein zweites Gleis am Bahnhof in Garbenteich einzubauen, war aufgrund der Geländeverhältnisse nicht möglich, schreibt Jürgen Röhrig in seinem Buch "Anschluss an den Weltverkehr". "Bei der Anlage von neuen Stationen musste auch die Leistungsfähigkeit der vorhandenen Dampflokomotiven berücksichtigt werden", sagt er. Im Südosten von Garbenteich war das Gelände besser geeignet. Die Bahnverwaltung wollte dort lediglich einen Betriebsbahnhof errichten.

Unterschriften gegen Bahnhof

Die anliegenden Gemeinden hatten jedoch den Wunsch, dort einen Bahnhof mit Personen- und Güterverkehr einzurichten. Diese Pläne hätten die Baukosten von 97 000 Mark jedoch um 73 000 Mark verteuert. Die Königliche Eisenbahndirektion schlug darum vor, dass sich die Gemeinden mit 10 000 Mark an den Gesamtkosten beteiligen. Grüningen, Garbenteich, Watzenborn-Steinberg und Steinbach sollten je ein Fünftel der Kosten für das Gelände, Hausen, Albach und Dorf-Güll ein Fünfzehntel übernehmen. "Die Anrainerkommunen wollten ihren jeweiligen Beitrag zum Projekt dann wohl doch nicht beisteuern", sagt Röhrig.

Nicht zuletzt hatte sich überspitzt formuliert eine Bürgerinitiative gegründet: Conrad Klingelhöfer sammelte Unterschriften gegen die Verlegung des Bahnhaltepunkts vor die Tore Garbenteichs. Er reichte die Listen bei der Königlichen Eisenbahndirektion ein. Sein Handeln war allerdings weniger von revolutionärem, sondern eher geschäftlichem Denken geprägt: In seinem Gasthaus "Zur Linde" kehrten an der Ecke Schiffenbergstraße/Am Lückebachtal viele Bahnreisende ein. Und dieses Geschäft wollte der Wirt nicht verlieren.

So kam es, dass die fertigen Pläne für einen Bahnhof mit Empfangsgebäude, drei Gleisen und Bahnsteigen zu den Akten gelegt wurden - wo Röhrig sie einige Jahrzehnte später aufspürte. Der "Pfahlgraben" - nach dem in der Nähe verlaufenden Limes benannt - wurde als Betriebsbahnhof gebaut. Am 15. Januar 1912 ging er in Betrieb. Für den Güterverkehr wurde eine Rampe errichtet, die "Gewerkschaft Weissenburg", die auf dem später zu VOKO gehörenden Areal in Stollen unter Tage (bis 1914) und im Tagebau (Zweiter Weltkrieg und danach) Kreide abbaute, erhielt ein Anschlussgleis. Über dieses wurde in Zeiten des Ersten Weltkriegs auch bauxithaltiges Gestein abtransportiert.

1934 traf eine besondere Fracht am Pfahlgraben ein: Die Bauteile für die Autobahnbrücke. 36,40 Meter Stützweite maßen die Stahlträger. Bis 1991 blieb die Laderampe für Güter am Pfahlgraben in Betrieb. Sie wurde hauptsächlich vom Garbenteicher Brennstoffhändler Otto Maid benutzt. Von 1984 bis 1991 wurden pro Jahr lediglich 15 Wagen ent- und einer beladen. Das war für die Bahn unwirtschaftlich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs das Gewerbe im Bereich um den Pfahlgraben. Zunächst siedelte die Firma Dern & Co 1946 hier ein Betonwerk an, 1961 baute die Büromöbelfirma Franz Vogt - kurz VOKO - in Garbenteich ihre Werkszentrale. Auch diese bekam 1972 einen eigenen Gleisanschluss, dessen Nutzung jedoch hinter den Erwartungen weit zurückblieb. Einen Bahnhof für den Personenverkehr zu errichten - daran dachte in Zeiten, als andere Bahnstrecken in der Region gerade stillgelegt und abgebaut wurden, niemand.

Seit 1990 wird jedoch in Pohlheim darüber diskutiert, in Hausen einen eigenen Haltepunkt einzurichten und den Bahnhof Garbenteich an den Pfahlgraben zu verlegen. In einer Untersuchung wurde bereits vor 29 Jahren festgestellt, dass dies die Attraktivität der Bahn deutlich steigern könnte. Die CDU stellte dazu bereits 1990 einen Antrag, der von den anderen Stadtverordneten befürwortet wurde. Doch es geschah nichts. 2002 stellten Grüne und FDP einen Antrag, dass der Magistrat Verhandlungen dazu aufnehmen solle - wieder ohne Erfolg. Auch 2019 zeichnet sich für die über 110 Jahre alten Idee eines Bahnhofs Pfahlgraben nichts Greifbares ab.

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