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Frank (l.) und Sebastian Horn sitzen auf einer Planierraupe, die kürzlich bei Dreharbeiten eines Kinofilms so mächtig donnerte, dass die Szene wiederholt werden musste. Die Vibration hatte die Kamera, die einen Meter entfernt stand, zu stark geschüttelt.

Vater und Sohn sammeln historische Baumaschinen

Wie Bagger aus Pohlheim in der Netflix-Serie "Dark" gelandet sind

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Der Pohlheimer Frank Horn und sein Sohn Sebastian sammeln historische Bagger, Walzen und Planierraupen. Ihre Maschinen tauchen in Kinofilmen und Netflix-Serien auf. Manchmal erleben sie bei ihrem Hobby auch Abenteuerliches. So waren nach dem Kauf eines Lasters einmal plötzlich Waffen auf die beiden gerichtet.

Es ist eine düstere Szene, sie spielt im Jahr 1953: Ein dunkelblauer Bagger gräbt die Leichen zweier Kinder aus - zu sehen in der Serie "Dark" auf Netflix. Der Bagger steht, wenn er nicht gerade für Filmarbeiten genutzt wird, in einer 400 Quadratmeter großen Halle in Garbenteich. Er zählt zu einer der größten Sammlungen historischer Baumaschinen bundesweit - im Besitz des Pohlheimers Frank Horn und seines Sohns Sebastian. Die Serie "Dark" hat sich Frank Horn allerdings nicht angeschaut, auch wenn er den Bagger zur Verfügung gestellt hat. Er hebt die Schultern, schüttelt den Kopf, dann sagt er: "Wir haben kein Netflix."

In einer grauen Latzhose steht er in der Halle. 20 Bagger, Planierraupen, Walzen und Kehrmaschinen haben sie inzwischen gesammelt. Moderner Schnickschnack ist wohlgemerkt nicht Horns Ding. Er liebt das Einfache. Auf die Frage nach dem Grund für seine Sammlerleidenschaft sagt der gelernte Lkw-Mechaniker: "Die Technik ist primitiv." Er könne ohne Probleme alle Ersatzteile kaufen. "Und ich kann sie alle reparieren." Sämtliche Maschinen seien funktionstüchtig. Nostalgie ist ein Antrieb für den Pohlheimer. "Jede Maschine war in den 50er und 60er Jahren noch individuell zu steuern. Mittlerweile gibt es einen europäischen Standard." Einen Moment später grummelt er einen bezeichnenden Satz: "Heute muss auf Baustellen alles schnell schnell gehen."

Geweckt wurde Frank Horns Interesse für Baumaschinen, als er fünf Jahre jung war. Ein Seilbagger, der beim Nachbarn stand, habe ihn fasziniert. "Dieses Geräusch, wenn die Seile peitschen. Das hat mich nicht losgelassen."

Die Sammlerleidenschaft der Horns hat sich herumgesprochen. Immer wieder fragen Filmproduzenten an, die historische Szenen drehen wollen und dafür Bagger oder eine Walze aus den 50er oder 60er Jahren benötigen. Über die Interessengemeinschaft historischer Baufahrzeuge gelangen sie an die Adresse in Pohlheim.

Und auch Besitzer alter Maschinen melden sich bei Frank Horn. "Willst du die Oma haben?", werde er dann bisweilen von wildfremden Menschen am Telefon gefragt. Er gebe für sein Hobby nicht viel Geld aus, sagt der 54-Jährige. "Andere kaufen sich für 10 000 Euro ’ne Rolex."

Mit seinem Sohn schlendert er durch die Halle und zeigt seine Schätze. Seine Schwergewichte. Zu jeder Maschine kann er erzählen, auf welcher Baustelle und in welcher Sand- oder Kiesgrube sie einst stand. Auf die meisten ist er in Internetforen gestoßen, einige hat er zufällig gefunden. Eine Planierraupe zum Beispiel stand jahrelang in einem Hintergarten, ein Baum hatte sich bereits durch Teile der Karosserie gebohrt.

Den Baggern ist anzusehen, dass sie Geschichte in sich bergen. Die Horns reparieren die gekauften Fahrzeuge. Die Maschinen erhalten zudem ein Markenzeichen: einen roten Streifen und einen Schriftzug der Horns. Doch poliert oder ausgebeult werden die Fahrzeuge nicht. Die Dellen bleiben ganz bewusst erhalten.

Vor acht Jahren sind die Horns nach Belgien gefahren, um einen Lkw für ihre Sammlung zu kaufen. Als sie auf dem Rückweg die Grenze passiert hatten und wieder in Deutschland waren, wurden sie auf der Autobahn bei Bitburg plötzlich von der Polizei angehalten. Beamte richteten Schusswaffen auf die Pohlheimer. "Die dachten, wir wären Devisenschmuggler." Dass sie nur für einen Fahrzeugkauf in Belgien waren, konnten sie schnell klären. Doch bisweilen ist ihr Hobby auch abenteuerlich.

In der Garbenteicher Halle setzen sich Vater und Sohn auf eine Planierraupe, Sebastian dreht den Zündschlüssel. Es knattert, es röhrt, eine dichte Rauchwolke dringt aus dem Auspuffrohr. Die Raupe donnerte kürzlich auch auf einem Drehgelände bei Cottbus. Alles sah nach Wüste aus, der Film spielt in Los Alamos und erzählt die Geschichte eines polnischen Mathematikers, der am Bau der Atom- und Wasserstoffbombe im Manhattan-Projekt beteiligt war. Sebastian Horn fährt die Raupe auch im Film. "Die Maschine hat stark vibriert und die ein Meter entfernt stehende Kamera hat es so sehr geschüttelt, dass die Szene nochmal gedreht werden musste", erzählt der 27-Jährige.

Eine vierstellige Summe habe man für die Leihe der Raupe erhalten. "Es waren fünf Tage in der Einöde ohne Handyampfang und Fernsehen." Überhaupt seien Dreharbeiten eher langweilig, berichtet der ausgebildete Baggerführer Sebastian Horn. "Jede Szene wird unzählige Male wiederholt. Einmal konnte ich irgendwann den Text des Hauptdarstellers auswendig."

Der blaue Bagger der Marke Menck, der in der Netflix-Serie "Dark" zu sehen ist, wurde im Jahr 1962 gebaut. Auch wenn die Szene im Jahr 1953 spielt, ist das nicht problematisch, betont Frank Horn. "Der Typ wurde in den Jahren nicht verändert."

Zwei bis drei Stunden in der Woche widmen sich die Horns ihrem Hobby,. Sie suchen im Internet nach alten Maschinen, in der Halle in Garbenteich schrauben sie an ihren Baggern. "Wir können es auch mal für ein paar Tage ruhen lassen", sagt Frank Horn, der hauptberuflich ein Fuhrunternehmen mit zwölf Lkw betreibt. "Ein Pferd müssen Sie jeden Tag füttern."

Auf die Frage, ob sich die Horns noch einen Traum erfüllen wollen und eine besondere Maschine suchen, schwärmt Frank Horn von einer Schmalspurbahn, sein Sohn nennt einen 16-Tonnen-Laster von Mercedes, einen Tausendfüßler. Der koste allerdings ein Vermögen. Ach, sagt Frank Horn. Die Halle in Garbenteich sei ohnehin schon vollgestellt. Er winkt ab. Auch wenn er jetzt sagt: "Es ist Schluss", wird ihn die Leidenschaft für Baumaschinen sicher ewig begleiten.

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