pax_1327dorfguell_210921_4c
+
Veränderte Zeiten: Früher stand Fußball bei den Frauen hoch im Kurs, heute ist Zumba beliebt - und wird beim Jubiläumsfest auf dem Sportplatz präsentiert.

Als Frauenfußball verboten war

  • VonGünther Dickel
    schließen

Pohlheim (gdp). Wer in diesen Zeiten seine Jubiläumsfeier zu lange hinausschiebt, läuft Gefahr, dass ihn die Zeit einholt und das so wichtige Innehalten, Erinnern sowie die aktuelle Standortbestimmung inklusive Ausblick nicht mehr zustandekommt. So dachten auch die Vereinsvorstände des SV 1946 Dorf-Güll und bereiteten relativ kurzentschlossen in den letzten Wochen eine Feier zum 75-jährigen Vereinsbestehen auf dem Sportplatz vor.

Dem Vereinsjubiläum würdig, startete um 10:30 Uhr eine Gruppe sportbegeisterter Frauen und Männer mit den Fahrrädern zu einer anderthalbstündigen Tour über Grüningen, Holzheim, Ober-Hörgern, Eberstadt, Kloster Arnsburg, Mönchsteiche und wieder zurück nach Dorf-Güll.

Erzählcafé im Zelt

Ob dadurch mal wieder eine neue Sparte im 75 Jahre alten Traditionsverein entsteht, bleibt abzuwarten. Denn beim Blick in die Vereinschronik entdeckte man die gesellschaftlichen und sportlichen Trends, denen auch die Ortsbürger in den Jahren nachgeeifert hatten. Gar gesellschaftlich- und sozialpolitische Vorschriften und »Verbote« traten an diesem Tag noch mal ins Bewusstsein. So erfuhren die Jubiläumsgäste beim nachmittäglichen Erzählcafé, moderiert von der Sportvorstandsvorsitzenden Dr. Irmgard Ullrich, Geschichten, über die man heute nur noch den Kopf schütteln kann. Etwa das am 30. Juli 1955 vom DFB beschlossene Verbot des »Frauen-Fußball« - aus Sorge um das weibliche Wohl und die Aufrechterhaltung der Moral: »Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele leiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand«, so begründete der DFB damals seine Entscheidung.

Die Dorf-Güller Ex-Fußballspielerin Marina Reitz erinnerte dabei an ihren 1970 gestarteten »revolutionären Aufruf«, gemeinsam mit jungen Mädels die Chance beim Schopf zu fassen und im Dorf ab sofort »Frauenfußball« zu spielen. Trotz einer »0:10« Auftaktniederlage bei ihrem ersten Spiel in Hungen, folgte kurz darauf der erste Sieg mit »11:0«, und es waren zwischenzeitlich 58 Mädchen und Frauen in dieser Jahre zuvor noch verbotenen Sportart aktiv.

Auch Hubert Sames, Klaus Haas, Susanne Schmidt, Gerald Beier, Sarah Weil und Hiltrud Mulch riefen Erinnerungen aus den vergangenen Jahrzehnten und verschiedenen Vereinsgruppen wach.

Aktuell bietet der Verein seinen Mitgliedern Bewegung, Fitness und gesellschaftlichen Zusammenhalt in folgenden Sparten: Tischtennis, Seniorengymnastik, Fitness- und Muskelaufbautraining für Frauen, Kinderturnen, Mutter-Kind-Turnen, Turnen für Schüler, Hip-Hop für Teens und Twens, Zumba und Yoga. Diese Gruppen treffen sich vorwiegend in der Dorf-Güller »Klosterwaldhalle«. Fußball kann man noch mit den »Alten Herren« und in einer Freizeitgruppe spielen.

Der vor 70 Jahren begonnene Sportplatzausbau und das vor 40 Jahren eingeweihte Vereinsheim sind heute weitgehend »Relikte« aus vergangenen Vereinszeiten. Nach dem letzten Spiel 2018 der Männer-Fußballmannschaft in der Kreisklasse-B wird das Sportgelände am Westrand des Pohlheimer Stadtteils hauptsächlich von den Freizeitfußballern und von anderen Gruppen zum »Outdoor-Training« genutzt, etwa bei der Vorbereitung für das Deutsche Sportabzeichen.

Bei der Jubiläumsfeier auf dem Sportgelände konnten die Gäste mit einem Quiz über Eckdaten der Vereinsgeschichte Preise gewinnen. Bei Mittagessen aus dem großen Suppentopf und Kaffee und Kuchen am Nachmittag konnten sie gestärkt Informationen über das Sportabzeichen erhalten und gar erste Disziplinen ausprobieren. Mit einer Tanzvorführung der Hip-Hop-Gruppe mit Trainerin Karina Scholl und einem überraschenden Flashmob klang der sympathische Vereinsgeburtstag aus.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare