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"Mord verjährt nicht"

Rätselhafter Fund einer toten Frau bei Dorf-Güll - Eingeritzte Buchstaben auf Bauch und Rücken

  • vonStefan Schaal
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Polizisten finden im September 1985 bei Dorf-Güll die Leiche einer 18 Jahre alten Tramperin. Getötet, mit einem Stich ins Herz. Der Mord ist ungeklärt. Vor einigen Jahren aber haben die Ermittlungen wieder Fahrt aufgenommen.

Ein endloses Rauschen liegt über der Stille, es dringt von der Autobahn auf die Äcker und Felder nahe Dorf-Güll. Hier, auf einem Parkplatz direkt an der A 5, lag vor 35 Jahren, im September 1985, die Leiche einer 18 Jahre alten Frau, die den Ermittlern bis heute Rätsel aufgibt. Abgelegt in einem Maisfeld. Getötet, mit einem Stich ins Herz.

Aufruf in Sendung "Aktenzeichen XY" 

Ein knappes Jahr später. Im Juli 1986 sitzt Kriminalhauptkommissar Harald Löper an einem ockerfarbenen Schreibtisch in einem Fernsehstudio in Unterföhring. Er wirkt nervös, während er in die Kamera blickt, neben ihm sitzt Eduard Zimmermann. In der Sendung "Aktenzeichen XY … ungelöst" bittet Löper damals die Zuschauer um Hinweise. Ein Millionenpublikum schaut ihm zu, 350 Menschen melden sich danach, die Leitungen der Gießener Kripo werden überlastet. "Das größte Rätsel", sagt Löper in der Sendung, "geben uns die Buchstaben auf".

Der Polizist spricht Buchstaben an, die mutmaßlich der Mörder mit einem Kugelschreiber in den Körper der Toten eingeritzt hat. Oberhalb des Bauchnabels der Leiche entdeckten die Ermittler ein "H". Auf dem Rücken waren "A", "P" und "H" zu erkennen. Unklar ist allerdings, ob es sich beim letzten Buchstabenfragment um ein "N", ein "W" oder ein "V" handelt, möglicherweise wurde auch "IV" eingeritzt.

Eingeritzte Buchstaben hinterließ mutmaßlich der Mörder auf Bauch und Rücken der Leiche.

Eine kurze Suche im Internet ergibt nur für das Wort "APHIV" eine Bedeutung, den Begriff gibt es in der Sprache der Xhosa. Übersetzt bedeutet er schlicht: "hier". Doch schnell landet man so im unendlichen Reich der Spekulation.

Die Polizei findet damals in ihren Ermittlungen nicht allzu viel heraus. Die junge Frau stammte aus Flintbek bei Kiel. Zwei Wochen vor ihrem Tod war sie nach München getrampt. Sie wird als aufgeschlossen beschrieben, sie habe indes auch immer wieder Stimmungsschwankungen unterlegen.

Fundort war nicht der Tatort

Im Oktober wollte sie in Kiel eine Lehrstelle als Krankenschwester antreten. Im Gespräch mit Menschen, die die 18-Jährige im Auto mitnahmen, verlieh sie sich bisweilen andere Identitäten, hin und wieder sprach sie dabei mit überzeugendem französischem Akzent. Einmal gab sie sich als Medizinstudentin aus. Anderen erzählte sie, dass sie eine Asylantin aus Südafrika sei. Am 14. September kam sie am Flughafen München-Riem an. Danach verliert sich ihre Spur bis zum Fund ihrer verwesten Leiche im Maisfeld bei Dorf-Güll.

Sie wurde drei bis sechs Tage vor dem Fund getötet, das Maisfeld am Parkplatz war nicht der Tatort. Die Stichwunde unterhalb der linken Brust reichte bis zur Lunge.

Vor einigen Jahren DNA-Spuren entdeckt

Bislang wenig bekannt ist, dass die Ermittlungen vor einigen Jahren für einen Moment wieder Fahrt aufnahmen. 2008 überprüfte die Staatsanwaltschaft routinemäßig ungeklärte Tötungsdelikte - und dabei auch den Fall der ermordeten Tramperin. Die Ermittler entdeckten neue Spuren.

Pressesprecher Rouven Spieler berichtet: Aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts im Bereich der DNA-Reproduktion und -extraktion war es möglich, DNA-Spuren einer männlichen Person an Fingernägeln und Slip der Verstorbenen zu isolieren. Die Ermittler fanden außerdem heraus, wem die Spuren zuzuordnen waren, gegen einen Beschuldigten wurde ein Verfahren eröffnet. Im Jahr darauf aber wurde das Verfahren eingestellt - "da sich der Tatverdacht nicht weiter erhärten ließ", erklärt Spieler. Zur Person des damaligen Verdächtigen macht der Staatsanwalt keine Angaben, weil die Unschuldsvermutung gelte.

Es sei nicht auszuschließen, dass die Wissenschaft weiter voranschreitet, dass künftig neue oder erweiterte Untersuchungsmaßnahmen zur Verfügung stehen, ergänzt Spieler. Die Akte wandere nicht ins Archiv, versichert er. Sie werde auch zukünftig in regelmäßigen Abständen auf neue kriminalistische Methoden oder sonstige Erkenntnisse überprüft. Spieler fügt hinzu: "Um den Fall aufzuklären."

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