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Jürgen Röhrig erzählt in seinem Buch die Geschichte der Eisenbahn in Mittelhessen. RGE

Abenteuer Eisenbahnbau

  • vonRoger Schmidt
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Pohlheim (rge). Der Bau der Eisenbahn verhalf immer mehr Menschen zu einer auskömmlichen Lebenshaltung. Die Entwicklung führte weg von einem landwirtschaftlich geprägten Leben hin zu technischem Fortschritt und Innovationen. Das erläutert der Pohlheimer Eisenbahn-Historiker Jürgen Röhrig, der seit Jahren die Geschichte der Eisenbahnen in Oberhessen erforscht und dokumentiert.

Er hat Berichte und 290 historische Fotos gesammelt, die bis in die Mitte des 19 Jahrhunderts zurückreichen. Jetzt ist sein Buch »150 Jahre Oberhessische Eisenbahnen« erschienen. Mitgewirkt haben Stefan Klöppel sowie Dieter Ecker, Steffen und Carsten Eigner.

Das Buch beschreibt auf 272 Seiten die Entwicklung der Eisenbahntrassen und ihrer Technik, ausgehend von der Gründung des ersten Gießener Eisenbahnkomitees 1863 für die Strecke von Gießen nach Fulda, für die zunächst 14,64 Millionen Gulden eingeplant waren.

Die Eisenbahn zu damaliger Zeit war allerdings wie so häufig bei Neuerungen für den einen Segen, für den anderen Fluch. Häuser mussten, wie 1869 in Zeitungsmeldungen zu lesen war, dem Bahnbau weichen. Unglücksfälle gab es beim Bau zuhauf, wie beispielsweise am 25. August 1869, als der Eisenbahnmitarbeiter Johann Konrad Uhl von einem Viadukt in die Tiefe stürzte. Und ärztliche Gutachten witterten Gefahr für den Menschen durch die bis dahin noch nie erlebte schnelle Fahrt der Loks.

Bis zum Baustart musste die Finanzierung geklärt werden, Hessens Kasse war klamm. So wurden Finanziers gesucht und mit dem Frankfurter Bankhaus Erlanger & Söhne gefunden. »Oberhessische Eisenbahngesellschaft« war der Name des Konsortiums, das 1868 die Konzession für 99 Jahre in einem Staatsvertrag erhielt. Der Kostenvoranschlag betrug dann bereits 19,7 Millionen Gulden.

Minderwertiges Material verbaut

Nach drei Jahren sollte die komplette Strecke von Gießen nach Fulda fertiggestellt sein, stand in der Vereinbarung. Als Generalunternehmen wurde der Auftrag an eine Gesellschaft mit Sitz in Brüssel vergeben, die versuchte, so billig wie möglich zu bauen. Arbeiter aus Bayern, Polen, Kroatien und Italien wurden eingesetzt. Aktien wurden an Investoren ausgegeben, eine Rentabilität in Höhe von 3,5 Prozent den Aktionären in Aussicht gestellt. Die Eisenbahngesellschaft träumte von einer Verkehrsachse von London über Mittelhessen nach Wien (Orient-Bahn) - aber das alles war Spekulation.

Die ersten Abschnitte von Gießen bis nach Grünberg und Hungen wurden am 29. Dezember 1869 eröffnet. Nach Inbetriebnahme der restlichen Strecken 1870 wurden in den ersten fünf Jahren keine Gewinne erzielt. Die Kosten stiegen. Schon nach kurzer Zeit mussten billige unbehandelte Schwellen aus Tannenholz ausgetauscht werden. So kam es, dass bereits 1876 die Bahn in Staatseigentum des Großherzogtums Hessen überging - mitsamt Personal. Die Aktionäre erhielten eine Dividende von 525 Mark aufgrund der Zinsgarantie, und der Staat trug von da an das volle Betreiberrisiko.

Das Buch, das detailreich die Historie der Entwicklung der Bahn in der Region mit seinen Haupt- und Nebenstrecken auf 176 Kilometern abbildet, erzählt exemplarisch von der industriell-technisch-wirtschaftlichen Entwicklung in der Neuzeit. Es ist lesenswert nicht nur für Eisenbahnfreunde, sondern auch für Menschen, die sich für politisch-wirtschaftliche Zusammenhänge interessieren.

Das Buch kostet 29,50 Euro und ist in der Bahnhofsbuchhandlung oder Thalia in Gießen zu haben. Im Internet kann man es unter www.drehscheibe-online.de bestellen.

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