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Plötzlich Landrätin

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Die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Das ist der Sinn der Aktion "Seitenwechsel", bei der Menschen mit und ohne Behinderung ihren Arbeitsplatz tauschen. Eine besondere Erfahrung. Lebenshilfe-Mitarbeiterin Fabienne Faust zum Beispiel, die normalerweise in Garbenteich Tierfutter abfüllt, saß gestern am Schreibtisch von Landrätin Schneider.

Die Landrätin hat sich bewusst für ein legeres Outfit entschieden: Jeans und Turnschuhe. "Heute gehe ich mal richtig arbeiten", hat sie am Morgen zu ihrem Mann gesagt. "So mit den Händen." Ein paar Stunden lang hat Anita Schneider gestern in der Limeswerkstatt der Lebenshilfe in Garbenteich Tierfutter abgefüllt. Auf ihrem Platz im Chefinnenzimmer der Kreisverwaltung nahm stattdessen Lebenshilfe-Mitarbeiterin Fabienne Faust Platz.

Die Lebenshilfe Gießen feiert in diesem Sommer ihr 60-jähriges Bestehen. Zu den zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen im Rahmen dieses Jubiläums gehört auch der "Seitenwechsel". An insgesamt sechs Terminen tauschen Menschen mit und ohne Behinderung für einen Tag die Rollen. Auch Anita Schneider und Fabienne Faust bilden ein solches Paar.

Der Rollentausch beginnt mit einem kurzen Treffen auf dem Hof der Kreisverwaltung. Dort entsteigt Fabienne Faust gegen 9 Uhr einem Bentley, der unter lautem Dröhnen vor Haus F vorgefahren ist. An ihrer Stelle nimmt nun Landrätin Schneider im Fond hinter Reinhard Schade, dem Mann am Steuer, Platz. "Bringen Sie mal alles schön in Ordnung", ruft sie ihrer Rollentausch-Partnerin noch zu. Dann rollt der Bentley Richtung Garbenteich davon, und für Fabienne Faust wird es ernst. "Zeit zum Regieren", sagt Udo Liebich, der Persönliche Referent der Landrätin, der den Gast den ganzen Vormittag lang begleiten wird.

Bei der Seitenwechsel-Aktion der Lebenshilfe sollen sich Menschen mit und ohne Behinderung auf Augenhöhe begegnen und ihren Alltag für ein paar Stunden auf besondere Art teilen. Auch die Landrätin macht da gerne mit. "Ich bin gespannt, was mich erwartet." Dass sie mitmacht, konnte auf dem kurzen Dienstweg klargemacht werden; Lebenshilfe-Vorstand Dirk Oßwald war nicht umsonst bis Ende 2016 Hauptamtlicher Kreisbeigeordneter.

"Ich lasse den Tag auf mich zukommen und bin neugierig, was die Landrätin für Aufgaben hat", sagt Fabienne Faust. Sie hat mittlerweile in Schneiders Eckbüro auf dem Chefinnensessel Platz genommen und checkt mit Udo Liebich den Terminkalender. "Wir besprechen jeden Morgen, was ansteht", erläutert Liebich. Um 12 Uhr wollen sich die beiden Seitenwechslerinnen zum Gedankenaustausch in Garbenteich treffen. Bis dahin hat Fabienne Faust gut zu tun. Zunächst bekommt sie eine Einführung in die Aufgaben der Landrätin und die Strukturen der Kreisverwaltung. Später stehen ein Außentermin in der Zulassungsstelle am Bachweg sowie Gespräche mit Gerhard Greilich, dem Schwerbehindertenvertreter der Kreisverwaltung, auf dem Kalender.

Während die Landrätin in Garbenteich Tierfutter abfüllt, verschiedene Abteilungen der Limeswerkstatt kennenlernt und Gespräche mit Mitarbeitern führt, hinterlässt ihre Seitenwechslerin in der Kreisverwaltung Spuren. Vom Schwerbehindertenvertreter erfährt sie zum Beispiel, dass es immer wieder Probleme mit zugestellten Behindertenparkplätzen gibt. Fabienne Faust hat eine Idee. Wenn die Stellplätze künftig nicht nur mit einem kleinen Schild, sondern mit einem unübersehbaren großen Symbol auf dem Pflaster gekennzeichnet sind, dann geht diese Markierung auf ihre Anregung zurück. "Landrätin Schneider hat die Idee gleich aufgegriffen", berichtet Udo Liebich, der den Seitenwechsel als "super interessant" erlebt hat und voll des Lobs ist über seine Interims-Chefin. "Eine tolle Person und sehr pragmatisch aufgestellt."

Höchst angetan war aber auch die Landrätin von ihrem Abstecher zur Lebenshilfe, von dem sie nach ihrer Rückkehr in die Kreisverwaltung am Nachmittag ausführlich erzählt hat. Die Aufgeschlossenheit der Mitarbeiter sei ihr besonders angenehm aufgefallen, berichtet Liebich. "Sie hatten keinerlei Scheu und haben sie sehr direkt angesprochen." Beeindruckt habe sich Schneider aber auch über die Sensibilität geäußert, mit der die Mitarbeiter bei der Lebenshilfe angeleitet und ermutigt werden.

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