Anita Schneider, Landrätin
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Anita Schneider, Landrätin

Ein Platz im Mittelfeld

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Der Landkreis Gießen steht im Regionalranking des Instituts der Deutschen Wirtschaft im Mittelfeld. Platz 227 von 401 Kreisen. Was das bedeutet, dazu äußern sich Landrätin Anita Schneider (SPD) und der FDP-Kreisvorsitzende Dennis Pucher.

Platz 384 von 401 ist nicht unser Anspruch", kommentiert der FDP-Kreisvorsitzende Dennis Pucher eine von 14 Kennziffern des "Regionalrankings 2020". Dies hat das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) vorgelegt. Das private Wirtschaftsforschungsinstitut hat mit der Studie die ländlichen Regionen in Deutschland in den Blick genommen - und da kommt der Landkreis Gießen nach erster Einschätzung der FDP nicht in allen Punkten gut weg.

Der Platz 384 betrifft einen Teilaspekt: Die Dynamik bei der Ansiedlung und Gründung von Unternehmen.

Verglichen werden vom Institut Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarktzahlen und Lebensqualität in 401 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland. Insgesamt 14 Indikatoren werden dabei in den Blick genommen und bewertet. In der Gesamtschau landet der Kreis Gießen auf Platz 227 im Mittelfeld.

FDP-Mann Pucher zeigt sich "besorgt, dass der Landkreis Gießen den Anschluss an die Dynamik der übrigen hessischen Kreise verliert". Platz 384 sei "wenig schmeichelhaft". In Hessen sei der Landkreis Gießen damit nahezu das Schlusslicht. Auch die strukturell annähernd vergleichbaren mittelhessischen Nachbarkreise stünden in diesem Kontext teilweise deutlich vor dem Gießener Land: Der Lahn-Dill-Kreis auf Platz 285, Marburg-Biedenkopf auf 114 und der Vogelsberg auf 268.

Die Flächen-Frage

Auch im Kreishaus werden die Zahlen der IW-Studie mit höchstem Interesse registriert. Die Forschungsinstitute Prognos und IWAK, die in der jüngeren Vergangenheit ebenfalls Studien vorgelegt haben, "haben uns in Sachen Dynamik immer gute Noten gegeben", wundert sich Landrätin Anita Schneider. Und Manfred Felske-Zech, Leiter der Wirtschaftsförderung beim Kreis, verweist auf Ansiedlungs-Nachfragen aus dem Rhein-Main-Raum, die ein ganz anderes Bild vermitteln: Gerade Hightech-Unternehmen schauen sich im Kreis Gießen um. Allerdings, so räumt er gemeinsam mit der Landrätin ein: Es scheitert nicht selten an unzureichend erschlossenen oder fehlenden größeren Gewerbeflächen. Vor diesem Hintergrund, so die Landrätin, strebt die Regionalversammlung an, dass künftig größere Gewerbeflächen interkommunal entwickelt werden sollen. Denn: "Wir wollen versuchen, mehr Unternehmen anzusiedeln, die Zukunftsfähigkeit atmen", sagt Anita Schneider. Davon erwartet sie sich Impulse und Innovation - auch und gerade in der Verzahnung mit der THM und der Uni.

Dabei geht es für Schneider um die Frage, welche Ansiedlungen Folge-Ansiedlungen auslösen und so hochqualifizierte Arbeitsplätze schaffen. Auch dies sind Indikatoren, die die IW-Studie zur Dynamik bei Ansiedlungen unterstellt.

Der von der FDP herausgegriffene Einzelfaktor "Dynamik bei Unternehmensansiedlungen" adressiere zudem an die Kommunen. Denn nicht der Landkreis, sondern die Kommunen verfügen über Gewerbeflächen. Der Landkreis kann bei der Ansiedlung von Unternehmen jedoch unterstützen, bieten Felske-Zech und Schneider an. Etwa durch das Einwerben von Fördermitteln wie bei der Erschließung des interkommunalen Gewerbegebietes zwischen Ebsdorfergrund und Staufenberg.

Insgesamt liegt der Landkreis in der Kategorie Wirtschaftsstruktur mit Rang 194 noch in der oberen Hälfte, bei der Lebensqualität auf Rang 247 und beim Arbeitsmarkt auf Rang 285. Letzteres ist seit Längerem im Blick: Da ist etwa die Beschäftigungssituation von Frauen ein Thema.

Gerade in der Stadt Gießen gibt es einen hohen Anteil an Mini-Jobberinnen und nicht sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, was die eigentlich ordentliche Bilanz eintrübt. Eine Studie hat diese Beschäftigungsverhältnisse, etwa Studentinnen in der Gastronomie, schon einmal thematisiert. Schneider: "Wir wissen darum".

Was die Lebensqualität anbetrifft, so sieht Schneider den Kreis bei Aspekten wie Betreuung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht schlecht aufgestellt. Er war Pilot beim "Pakt für den Nachmittag", in den Kitas werden Betreuungsangebote von 7 bis 17 Uhr mittlerweile in der Fläche unterbreitet. Auch andere Aspekte wie Ärztedichte oder die Anzahl und Geschwindigkeit von Baugenehmigungen zeigen Spitzenwerte auf. Warum die IW-Studie einen eher negativen Wanderungssaldo bei den 25- bis 50-Jährigen ausmacht, das kann man sich im Kreishaus ohne näheren Blick auf Zahlen und Quellen, die zugrunde liegen, nicht erklären. Der Demografieatlas, der beim Kreis selbst detailscharf erarbeitet wurde, sieht unterm Strich keine Ab-, sondern vielmehr Zuwanderung.

Auch FDP-Sprecher Pucher sieht den Kreis eigentlich gut positioniert: "Der Landkreis Gießen verfügt mit hervorragenden Hochschulen, Weltmarktführern und Hidden Champions, guten Verkehrsanbindungen und Breitbandanschlüssen sowie einer außerordentlichen Gesundheits- und Sozialarchitektur über eine gute Basis. Das Ökosystem stimmt". Die Zahlen könnten jedoch nicht zufriedenstellen. Sie zeigten, "dass wir als Politik jetzt die nächste Stufe zünden und unsere Hausaufgaben machen müssen". Der FDP-Chef im Kreistag, Harald Scherer, kündigt einen neuen Anlauf für organisatorische Veränderungen in der Wirtschaftsförderung an.

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