Berge von Plastikmüll laufen durch Sortieranlagen. Doch es geht auch anders, wie ein Beispiel aus Biebertal zeigt. SYMBOLFOTO: DPA
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Berge von Plastikmüll laufen durch Sortieranlagen. Doch es geht auch anders, wie ein Beispiel aus Biebertal zeigt. SYMBOLFOTO: DPA

Plastikärmer im Gleiberger Land

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Plastikarm leben, regional und umweltbewusst einkaufen? Kann das auch in ländlichen Strukturen klappen? Ja, meint die Initiative "Nachhaltiges Gleiberger Land". Auch wenn es etwas mehr Aufwand bedeutet.

Der Weihnachtsbaumständer aus recyceltem Kunststoff ist dieser Tage wieder auf dem Kellerregal verstaut worden. Danach schnell die Finger gewaschen - mit einem Stück Seife, und nicht mit flüssiger aus dem Spender. Ans Müsli zum zweiten Frühstück kommt selbstverständlich Milch oder Joghurt aus Pfandflaschen…

Der Möglichkeiten gibt es viele, im heimischen Haushalt auf Kunststoff zu verzichten. Um Ressourcen zu schonen sowie den Müllberg zu reduzieren. Wer kennt nicht die Bilder von den ungeheuren Mengen von Plastik, die die Weltmeere versauen und unheilvoll später wieder in unserer Nahrungskette auftauchen?

Seit gut einem Jahr gibt es in Biebertal die Initiative "Nachhaltiges Gleiberger Land". Eine der Zielsetzungen der Aktiven: Das Alltagsleben plastikfreier zu gestalten. Die Idee: Mit Informationen das Bewusstsein ändern, aber bitte ohne erhobenen Zeigefinger.

Dazu gibt es einen Mail-Verteiler und eine Facebook-Präsenz sowie seit September regelmäßige Veröffentlichungen in den lokalen Mitteilungsblättern oder im "Biebertaler Bilderbogen", einer Bürger-Mitmach-Plattform. Kommuniziert werden Geschenktipps zu Weihnachten, lokale Einkaufsmöglichkeiten, die Herstellung von Haushaltsreinigern.

Wobei Corona die Arbeit der engagierten Initiative in den vergangenen Monaten teils ausgebremst hat: Die Kleidertausch-Party musste abgesagt werden, ebenso die Tauschbörse für Weihnachtsdekoration oder das Angebot eines Reparaturcafés. Der Infostand auf dem Fellinghäuser Wochenmarkt ist ebenfalls noch nicht gelaufen. Und die Börse zum Werkzeugtausch ist bislang nur eine Idee. Aber eine gute. Denn mal ehrlich: Muss jeder einen kleinen Anhänger haben? Oder einen Holzspalter? Kann man sich doch teilen, oder?

"Mit den Einschränkungen etwa der Gastronomie hat das ›Essen to go‹ deutlich zugenommen", hat Stefanie Plüschke, eine der Initiatorinnen, beobachtet. Und damit eben auch die Menge an Einwegverpackungen, in denen die Gasthäuser und Restaurants ihre Leckereien ausliefern.

Im Lebensmittel-Einzelhandel ist das erste zarte Pflänzchen nicht weiter gediehen: Das Nutzen von Mehrweg-Dosen etwa, in die sich die Kunden Wurst und Käse an den Supermarkt-Theken einpacken lassen konnten, sei aus Hygienegründen wieder abgeschafft, wird seitens der Initiative beklagt. Dabei sind Mehrweg-Pfandsysteme für Take-Aways möglich, weiß man aus Erfahrungen andernorts. In Frankfurt werben Unternehmen, die dies bieten, mit einem Aufkleber im Schaufenster dafür.

Auch in Biebertal denkbar? Gespräche mit den lokalen Marktleitern von Edeka und Rewe stehen zeitnah an. Denn dass vieles klappen kann, das zeigen Beispiele wie der Unverpackt-Laden oder die Unverpackt-Ecke im "Klatschmohn" in Gießen. Dort kann man ebenfalls größere Mengen ordern, aber das ist organisatorisch aufwändig, so die Erfahrung von Plüschke und ihren Mitstreiterinnen. Deshalb der Ansatz, die nachhaltigeren Strukturen vor Ort, in der Fläche auf den Weg zu bringen.

Wobei die Initiative einräumt: Bewusstes Einkaufen unter Beachtung ökologischer Aspekte bedarf etwas mehr an Aufwand und damit mehr Zeit. Insbesondere dann, wenn man dezentral zum Einkauf unterwegs ist: Beim Hofladen Stroh in Wißmar für Fleisch, Käse und Gemüse, beim Bauern March in Rodheim-Bieber mit Eiern, in Bubenrod, um Wild zu kaufen, in Martins Hofladen in Waldgirmes. Die kleine Aufzählung ohne Anspruch auf Vollständigkeit zeigt aber: Die Angebote regionaler und zugleich nachhaltiger Produkte, die überdies verpackungsarm eingekauft werden können, sind da. Man muss sie nur nutzen.

Unterstützung durch die lokale Politik erfährt die Initiative "Nachhaltiges Gleiberger Land" ebenso. Prominentes Mitglied im Verteiler ist Bürgermeisterin Patricia Ortmann. Die Biebertaler Politik hat überdies auf Initiative der Freien Wähler, denen auch Plüschke angehört, eine Idee der engagierten Bürger aufgenommen: Nachgedacht wird über Mitfahrbänke, um unkompliziert Mitfahrgelegenheiten zwischen den Dörfern zu schaffen. Allerdings ist das noch in der Prüfung.

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