Sich Zeit für die Menschen nehmen, dazu haben Mitarbeiter in der Altenpflege oft wenig Zeit.
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Sich Zeit für die Menschen nehmen, dazu haben Mitarbeiter in der Altenpflege oft wenig Zeit.

Pflegeberufe

Pflege im Kreis Gießen: Was ist von der Wertschätzung geblieben?

Von den Balkonen und Fenstern aus wurden die Pflegekräfte zu Beginn der Pandemie vielerorts besungen und beklatscht. Doch wie sieht es in den Seniorenheimen im Kreis Gießen jetzt aus?

Kuchen, Süßigkeiten und viele dankbare Worte - darüber durften sich die Mitarbeiter des AWO-Pflegeheims in Lollar in den vergangenen Wochen und Monaten freuen. Eine Folge der Corona-Pandemie? Pflegedienstleiterin Natalie Hilz bejaht das.

»Ich finde, es hat sich von der Wertschätzung her sehr viel verändert«, sagt sie. Die Angehörigen seien viel aufgeschlossener und würden sich häufig für die gute Arbeit bedanken, die die Pflegekräfte leisten. »Ich würde mir wünschen, dass die Wertschätzung über die Pandemie hinaus so bleibt«, sagt Hilz. »Ich fürchte aber, dass es weniger wird, wenn wieder Normalität eingekehrt.«

Als die Gesellschaft im Frühjahr ganz weit weg von der Normalität war und das öffentliche Leben quasi stillstand, schien die Solidarität mit all jenen, die nicht einfach zu Hause bleiben konnten, groß: Menschen in sogenannten »systemrelevanten Berufen«. Vor allem diejenigen, die in der Pflege von Alten und Kranken an vorderster Front stehen, wurden von den Balkonen und Fenstern aus beklatscht und besungen. Und auch die altbekannte Diskussion um die Arbeitsbedingungen in der Pflegebranche wurde neu angefacht. Doch nun, einige Monate später, stellt sich die Frage: Bleibt etwas von dem Effekt oder verpufft er ebenso schnell wie es der Respekt vor dem Virus offenbar tut?

Pflege im Kreis Gießen: Öffentliche Wertschätzung abgeflacht

Helga Klauß, die Leiterin des Seniorenzentrums Hungen, teilt die Einschätzung ihrer Lollarer Kollegin. Auch sie spricht von einer gestiegenen Wertschätzung der Angehörigen. »Aber in der Öffentlichkeit«, sagt sie, »ist alles abgeflacht nachdem die Maßnahmen gelockert wurden.« Daran, dass sich auf politischer Ebene wirklich viel ändert, glaubt sie ohnehin nicht. Gerade in der Krise hat sie eher negative Erfahrungen gemacht, etwa als die Besuchsregeln gelockert wurden und die Pflegeheime innerhalb weniger Tage ein komplett neues Schutzkonzept erarbeiten und genehmigen lassen mussten. »Ich finde, da ist die Politik einfach zu weit weg vom Geschehen«, sagt sie. »Wir haben ja nicht mehr Personal, sondern nur mehr Aufgaben zu erfüllen.«

Als Bonus bekommen die hessischen Altenpfleger für ihre Leistung in der Pandemie-zeit eine Einmalzahlung von 1500 Euro. Doch der monetäre Aspekt ist das eine, mindestens ebenso wichtig sind Themen wie Arbeitsbedingungen und damit vor allem verbunden der Fachkräftemangel.

Pflege im Kreis Gießen: Was bringt die neue Ausbildung?

Um jene Berufe attraktiver zu machen, gibt es seit diesem Jahr eine neue generalistische Pflegeausbildung. Die bisherigen Ausbildungen der Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Kinderkrankenpflege werden zusammengeführt. Die Hungener Heimleiterin Klauß ist diesbezüglich allerdings skeptisch. Sie hält die Reform zwar für sinnvoll, weil sie glaubt, dass sich die fachlichen Kenntnisse der Pfleger so verbessern werden. »Aber ob dadurch die Bezahlung besser wird?«, fragt sie. Klauß zweifelt daran. »Die Arbeit wird dadurch jedenfalls auch nicht weniger«, sagt sie. Und dass es viele Stellschrauben gibt, an denen gedreht werden muss, um den Beruf des Altenpflegers attraktiver zu machen. »Es ist nicht nur das Geld. Es sind auch die vielen Dienste, die man machen muss und dass man nicht regelmäßig frei hat.«

Daniel Viale, der die AWO-Heime in Lollar, Wißmar, Heuchelheim und Biebertal leitet, kann das bestätigen. »Wir befragen unsere Mitarbeiter, was ihnen wirklich wichtig ist und das ist vor allem ein sicherer und frühzeitig vorgelegter Dienstplan. Und dass sie in Bezug auf freie Tage und Schichten ein Mitspracherecht haben.«

Was bei solchen Umfragen auch immer wieder zur Sprache kommt, ist das Bedürfnis der Pflegenden, sich mehr Zeit für die Heimbewohner nehmen zu können. Doch um das zu gewährleisten, braucht es wiederum mehr Personal. Es ist ein Teufelskreis.

Pflege im Kreis Gießen: Pflegedienstleiterin: »Total schöner Beruf«

Ob jene neue Ausbildung der Pflege letztlich mehr Fachkräfte zuführt, wird sich zeigen. Die Heimleiter im Kreis sind skeptisch. Fakt aber ist, dass es in den kommenden zehn bis 15 Jahren einen deutlich steigenden Bedarf an Arbeitskräften in der Altenpflege geben wird, sagt Johannes Paul, Pressesprecher der Bundesagentur für Arbeit in Gießen. Zum einen werde aufgrund der demografischen Entwicklung die Zahl der zu Pflegenden zunehmen, zum anderen sei die Altersstruktur unter den Pflegern gegenwärtig vielerorts sehr hoch - es werden also viele in den Ruhestand gehen. »Wir versuchen mit allen Mitteln, Menschen für den Beruf zu gewinnen«, sagt Paul. Etwa durch die Finanzierung von Umschulungen und die Ermöglichung berufsbegleitender Weiterqualifizierungen, aber auch durch Überzeugungsarbeit.

Neben einer Anpassung des Gehalts und des Pflegeschlüssels hält auch die Lollarer Pflegedienstleiterin Hilz das für enorm wichtig. »Ich würde mir wünschen, dass mehr Werbung dafür gemacht wird, dass es ein total schöner Beruf ist«, sagt sie. In den Medien höre man immer nur Negatives, die vielen schönen Aspekte bekämen die Leute hingegen nicht mit, sagt Hilz. Sie spricht vor allem von der Dankbarkeit und meint damit nicht das Klatschen während des Lockdowns. Das war schön, »von den Bewohnern aber bekommen wir immer sehr viel zurück«. Bei ihrem Berufsbild, sagt Hilz »geht es nicht nur ums Waschen, wir sind wie kleine Seelsorger.«

Pflege im Kreis Gießen: Info: Die neue Pflegeausbildung

Die Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflegeausbildung sind in einer generalistischen Ausbildung zusammengeführt worden. Erst im dritten Ausbildungsjahr besteht die Möglichkeit einer Spezialisierung. Auszubildende, die auch im dritten Jahr die generalistische Ausbildung weiterverfolgen, erlangen den Berufsabschluss »Pflegefachmann« oder »Pflegefachfrau«, der EU-weit anerkannt ist.

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