"Vox Mirabilis" nennt Laubachs katholischer Priester Wunderle mit einem Augenzwinkern seinen Online-Auftritt. Aus der Marienkapelle der Heilig-Geist-Kirche zelebriert er täglich eine heilige Messe, live zu sehen auf YouTube. SCREENSHOT: TB
+
"Vox Mirabilis" nennt Laubachs katholischer Priester Wunderle mit einem Augenzwinkern seinen Online-Auftritt. Aus der Marienkapelle der Heilig-Geist-Kirche zelebriert er täglich eine heilige Messe, live zu sehen auf YouTube. SCREENSHOT: TB

Corona-Krise

Pfarrer im Kreis Gießen nutzen neue, digitale Wege

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
    schließen

Als Beitrag zur Eindämmung der Corona-Pandemie müssen jetzt auch die Kirchenbänke leer bleiben.Viele Pfarrer beschreiten neue, digitale Wege. Der Laubacher Priester Wunderle zelebriert hl. Messen auf YouTube.

So hat die Corona-Krise wenigstens etwas was Gutes", sagt Clemens Matthias Wunderle. Um Missverständnissen sogleich zu begegnen: Was der Seelsorger der katholischen Pfarrgruppe Laubach-Grünberg damit meint, sind einzig und allein die Online-Gottesdienste, die er seit Wochenbeginn hält. Und mit denen er eben auch jene erreicht, die nicht mehr in der Lage waren, die Kirche zu besuchen: Alte, Gebrechliche, Kranke.

Wunderles Idee darf als Beispiel kreativen Umgangs mit der Krise gewürdigt werden. Die nicht nur das Verbot herkömmlicher Gottesdienste erfordert, sondern sämtlicher Veranstaltungen, Zusammenkünfte von Gruppen, Gremien und Kreisen.

Vor einer Woche hatte die Anordnung des Bistums Mainz auch die Pfarrgruppe Laubach-Grünberg, zu der noch die Gemeinden Weickartshain und Merlau gehören, erreicht: "Aufgrund der Gefährdung durch SARS-CoV-2 dürfen ab sofort keine Gottesdienste mehr stattfinden."

Stellvertretend für alle Glieder der Gemeinden zelebrierte Wunderle zunächst am Samstag und Sonntag privat eine Heilige Messe, trug dabei die Bitte um Beendigung der Krankheitsphase vor Gott.

Täglich live auf YouTube: "Vox Mirabilis"

Bereits am Montag ertönte dann erstmals in den sozialen Medien die Stimme Wunderles - oder die "Vox Mirabilis", wie der Lateiner sagt und auf der Homepage zu lesen ist. Werktags um 17 Uhr und sonntags um 10 Uhr lädt der 44-Jährige fortan zum Besuch seines Online-Gottesdienstes ein. Auf diesem Weg will er in der Krise, da es nicht möglich ist, auch physisch verbunden zu sein, doch gemeinsam die Heilige Messe feiern. Für ihn ist es ein Weg, trotz Corona seinem Seelsorgeauftrag nachzukommen. "Das ist auch für mich völlig neu, ein guter Freund hat mich darauf gebracht", gesteht Wunderle im Gespräch mit dieser Zeitung.

Auf dem für ihn neuen virtuellen Weg erreicht er erstmals Gläubige, die bislang nicht mehr in seine Kirche kamen, weil sie zu alt oder zu gebrechlich sind. Aber erreicht man diese Altersgruppe überhaupt im Netz? Wunderle zeigt sich optimistisch, schließlich gebe es doch inzwischen fast in jeder Familie einen PC oder Laptop. Seine Hoffnung ist nun, dass alle Nutzer des YouTube-Angebotes, egal ob Alt oder Jung, Freude an den Gottesdiensten haben. "Dass sie sich mit mir so verbunden fühlen wie ich mit ihnen."

Der zwar nicht jüngste, doch neueste "YouTuber" im Gießener Ostkreis muss sich dabei an die Regeln der katholischen Kirche halten. Da in den Gottesdiensten Sakramente gespendet werden, dürfen sie etwa nicht aufgezeichnet werden. Zum Live-Streaming vor dem geweihtem Altar der Marienkapelle sind zudem nur zwei Personen zugelassen.

Begeistert von der Resonanz

Von der Resonanz schon nach dem ersten Online-Gottesdienst zeigt sich der Mittvierziger geradezu begeistert. Schon am Montagabend habe er etliche Anrufe, Mails und Whatsapps erhalten, sogar von weit her. Viele Familien, gerade mit älteren Menschen hätten sich dankbar gezeigt.

"Ausgerechnet jetzt", so aber mag sich der eine oder andere der gut 2000 Katholiken in den 42 Ortschaften der Pfarrgruppe sagen, "muss unser Priester gehen."

In wenigen Wochen nämlich wechselt Wunderle im Rahmen des "Bistumsprozesses", wie Mainz die Restrukturierung der Gemeinden in Zeiten des Priestermangels und rückläufiger Mitgliederzahlen nennt, nach Südhessen. Genauer nach Gernsheim, nicht weit von seiner alten Heimat entfernt.

Seine letzten "Amtshandlungen" sollten die Feiern der Erstkommunion am 19. und 26. April sein. Die aber sind abgesagt, vermutlich auf den Sommer verschoben worden. Mithin fällt auch die Verabschiedung in einem - nach 14 Jahren Dienst in Laubach und acht in Grünberg - sicher von Wehmut geprägten Gottesdienst flach, vorgesehen im Mai. Also wird es nichts mit einem "Lebwohl mit physischen Kontakt", bedauert Wunderle. Er freut sich aber, dass er - nicht zuletzt dank eines starken WLAN in Laubachs Kirche - auf virtuelle Art Kontakt zu seinen Schäfchen halten kann.

Und so macht er am Ende des Gespräches, von einem Schmunzeln begleitet, auf diesen Nebeneffekt seiner virtuellen Präsenz aufmerksam: Dank der Live-Streams, in denen Wunderle natürlich auch die gesungenen Teile der Messe übernimmt, "kann keiner sagen, ich machte mich sang- und klanglos aus dem Staub".

*

Pfarrer Wunderle zelebriert die Heilige Messe-online werktags um 17 Uhr und sonntags um 10 Uhr. Der Link zum Livestream auf YouTube: https://www.youtube.com/ channelUCr3QRX8pFZB4odaUzv6 wjw

Weitere digitale Angebote

Digitale Formen des Gottesdienstes gibt es natürlich nicht nur in der katholischen Pfarrgruppe Laubach-Grünberg. Und das auch schon länger. Beispielhaft erwähnt sei die ev. Gemeinde Hungen. Vor dem Hintergrund des Verbots "analoger" Gottesdienste wird Pfarrer Marcus Kleinert von Sonntag an gemeinsam mit Vikar Simon Bellmann nun des Öfteren auf ein erprobtes Format zurückgreifen: Eine interaktive Form des Online-Gottesdienstes, können doch die Gläubigen nicht nur am PC oder Tablet die Feier via YouTube verfolgen, sondern auch - ähnlich einer SMS - ihre Gedanken übersenden. Morgen werden die beiden Geistlichen unter der Überschrift "40 Tage in der Wüste" auch erzählen, wie sie diese Zeit der Corona-Krise erleben. Alle können mithilfe des Interaktionssystems live mitreden, Fragen, Kommentare und Gebetsanliegen übermitteln, die auch live aufgegriffen werden. Termin: Sonntag, 9.30 Uhr, Link: https://sublan.tv.

Als Bestandteile des "digitalen Dreiecks" im Ostkreis sei ferner der Licher Pfarrer Lutz Neumeier erwähnt, der fortan täglich um 12 Uhr eine Andacht oder ein Mittagsgebet auf YouTube streamt. Link: https://www.youtube. com/user/neumedier/live.

Sein Laubacher Kollege Jörg Niesner gehört dem erst im Februar gestarteten evangelischen Contentnetzwerk "yeet" an. Als "sinnfluencer" ist er auf mehreren Social-Media-Plattformen unterwegs. Unter anderem unterbreitet er auf Instagram Gebetsangebote. Niesner sieht in den digitalen Formen große Chancen, mahnt jedoch vor dem Hintergrund der Pandemie: "Wir dürfen den diakonischen Auftrag der Kirche nicht vernachlässigen. Digital erreichen wir nicht unbedingt die, die uns jetzt besonders brauchen.tb

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare