Proben unter freiem Himmel - wie hier beim Chor "ProChoLi" der Eintracht Leihgestern im September - sind im Winter kaum möglich. Nach Ende des Lockdowns brauchen die Gesangvereine geeignete Probenräume. Einige Kommunen stellen sich dabei jedoch quer. 		ARCHIVFOTO: CON
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Proben unter freiem Himmel - wie hier beim Chor »ProChoLi« der Eintracht Leihgestern im September - sind im Winter kaum möglich. Nach Ende des Lockdowns brauchen die Gesangvereine geeignete Probenräume. Einige Kommunen stellen sich dabei jedoch quer. ARCHIVFOTO: CON

Perspektiven für 2021 fehlen

  • VonPatrick Dehnhardt
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Die Winterzeit haben die Chöre bereits abgeschrieben. Auch die Aussichten für das kommende Jahr sind düster. »Uns fehlt die Lobby«, sagt Andrea Eller. Von der lokalen Politik fühlt sich die Szene mitunter alleingelassen.

In der Chorszene herrscht Frust. Während im Sommer Proben im Freien stattfanden und die Chöre sich Gedanken über Hygienekonzepte für die kalte Jahreszeit machten, scheint aus Sicht vieler Akteure dies auf politischer Ebene versäumt worden zu sein. »Der Chorszene fehlt leider die nötige Lobby«, sagt Andrea Eller vom Chattia-Sängerbund.

Einer der Betroffenen ist der Licher Philipp Langstroff. Er arbeitet als Chorleiter für mehrere Ensembles in der Region. Beim ersten Lockdown im Frühjahr gab es Finanzhilfen für zahlreiche Branchen - die Chorleiter aber gingen leer aus. Dass es nun im November anders laufen soll, er zumindest 75 Prozent der Einnahmen des Vorjahresmonats erhalten soll, findet er zwar gut. »Es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was ist mit März bis Oktober und den kommenden Monaten?«

Langstroff hat sich in den Krisenmonaten mit einem Tretautoverleih ein zweites Standbein geschaffen. Zudem haben ihm einige Vereine weiterhin einen Teil des Gehaltes gezahlt, sodass er über die Runden kam. Das jedoch sei keine Dauerlösung, sagt Langstroff, da ohne Einnahmen durch Konzerte und Auftritte die finanziellen Reserven der Chöre endlich sind. »Dies lässt sich seitens der Vereine nicht unbegrenzt fortführen«, bestätigt Klaus Kummer vom Sängerbund Hüttenberg-Schiffenberg.

Im Sommer starteten viele Chöre wieder einen Probenbetrieb - meist im Freien. Die Sängerbünde unterstützten dabei: »Wir hatten unsere Mitgliedsvereinen recht früh Tipps und Beispiele für geeignete Hygienekonzepte weitergegeben«, sagt Kummer.

Langstroff berichtet, wie Chöre auf freien Plätzen probten, mit mehreren Metern Abstand zwischen den Sängern. Mit seinem Gießener Chor Aqueerious sei er auch einmal in eine Kirche gegangen, um dort zu üben. »Das war eine Vollkatastrophe.« Durch den starken Hall sei es »einfach nur laut« geworden, mit Gesang habe dies wenig zu tun gehabt. Mit der Garbenteicher Liederblüte konnte er zwischenzeitlich in der Dorf-Güller Klosterwaldhalle proben, bis man aufgrund der gestiegenen Inzidenz vorsorglich den Betrieb einstellte.

Doch nicht überall durften die Sänger in die Dorfgemeinschaftshäuser und Hallen. Beim Chattia-Sängerbund ist man darum über das Verhalten einiger Kommunen verärgert. »Man kann nicht verstehen, dass Sportvereine die Hallen nutzen durften und Chöre nicht. Hart erarbeitete Hygienekonzepte wurden zum Teil noch nicht einmal angesehen«, sagt Eller. Die Nutzung der Räumlichkeiten werde den Sängern mit Verweis auf die Aerosole verwehrt. »Sportler verbreiten offensichtlich während eines Trainings keine Aerosole«, kommentiert die Vorsitzende ironisch.

Die Winterzeit hat man gesangstechnisch nun abgeschrieben. »Es steht derzeit zu befürchten, dass es ein gesanglich trauriges Weihnachten wird«, sagt Kummer. Einige Chöre hätten sich zwar auf Weihnachtsveranstaltungen im Freien vorbereitet. Da nun erneut keinen Proben mehr möglich sind, dürfte es aber wohl für Auftritte nicht mehr reichen. Langstroff sagt: »Es wird definitiv ein Weihnachten ohne Chorgesang.«

Wenn im Frühjahr die Fallzahlen sinken und Proben wieder möglich sein sollten, erwartet Langstroff einen Neustart fast bei Null: »Das ist wie bei einer Bundesligamannschaft, die ein Jahr lang nicht spielen durfte.« Er vermutet, dass mindestens 70 Prozent der Sänger zurückkehren werden. »Ich gehe davon aus, dass die Chöre, die bis zuletzt gesungen haben, wieder starten.« Der Gruppenzusammenhalt spiele dabei eine große Rolle. Jedoch: »Die Chöre, die bis zuletzt nichts gemacht haben, werden dann auch nicht wieder starten.« Eller hält »die weiterhin perspektivlose Zukunft für 2021« für schlimmer als den erneuten Lockdown. Kummer pflichtet dem bei: »Es fehlen jegliche Ziele für die nächsten Monate. Derzeit kann niemand sagen, wann und in welcher Form überhaupt Veranstaltungen möglich sind.«

Die Sängerbünde hätten ihre Probleme gerne den Verantwortlichen geschildert. Ein Termin am 3. November mit der Landrätin wurde jedoch abgesagt. »Ich hätte mir sehr gewünscht, dass man sich zu einer Online-Konferenz entschieden hätte«, sagt Eller.

Die Kommunen müssten geeignete Räume freigeben, in denen der Probenbetrieb unter möglichst idealen Hygienebedingungen stattfinden kann, fordert Kummer. Zudem müssten die nach den jeweils geltenden Regeln entwickelten Hygienekonzepte auch akzeptiert werden.

Eller sagt: »Wir müssen unbedingt über die Zukunft diskutieren. Die Gesangvereine brauchen eine Perspektive für das kommende Jahr - und nicht nur die Gesangvereine. Wir müssen dringend damit beginnen, in eine Zukunft mit Corona zu blicken. Sonst wird die Kulturlandschaft bald nicht nur um die Chorszene ärmer sein.«

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