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Das Vereinsleben steht seit Monaten still. In Steinbach ist nun auch die Zukunft des Seniorentreffs gefährdet.

Personalsorgen im Seniorentreff

  • Gabriele Krämer
    vonGabriele Krämer
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Normalerweise wäre der Einkaufszettel für das Heringsessen nach Aschermittwoch längst fertig; so manche Zutat längst besorgt. Nicht nur wegen der Corona-Pandemie ist im Steinbacher Seniorentreff Stillstand angesagt. Der Runde droht das Aus - es fehlt an »Machern«. Der einstige Organisator wagt einen letzten Vorstoß.

Ernst Schmid wird nicht müde, die Werbetrommel zu rühren - noch nicht. Ob und wie es weitergehen kann mit dem Steinbacher Seniorentreff, das wird sich vermutlich schon in wenigen Tagen zeigen: Der 77-Jährige hat sich den 1. März als Stichtag vorbehalten um mitzuteilen, ob die unter den älteren Ortsbürgern sehr beliebte monatliche Runde komplett eingestellt wird.

Sch mid selbst ist seit geraumer Zeit gesundheitlich angeschlagen, hat sich aus dem aktiven Leitungsteam des Seniorentreffs weitgehend zurückgezogen. Gemeinsam mit Marga Schäfer-von der Heyden und Inge Krämer konnte er »vor Corona« noch so manche Veranstaltung mit vorbereiten. Mit dem völlig unerwarteten Tod von Inge Krämer - seiner »rechten Hand«, wie Schmid freimütig bekennt - ist das personelle Vakuum seit Anfang Januar plötzlich riesengroß.

Schließlich hatte allen Vorhaben jeweils eine detaillierte Planung zugrunde gelegen. »Wir haben über so vieles gesprochen, nur nicht über das Sterben. So weit waren wir noch nicht gekommen«, merkt Schmid gegenüber der Gießener Allgemeinen sorgenvoll an und seufzt: »Mittlerweile droht dieser Haufen auseinanderzubrechen.«

»Dieser Haufen« hat mittlerweile über vier Jahrzehnte in der Regel einmal monatlich bis zu 70 Steinbacher im Alter ab 60 Jahren angezogen: Mit Dia-Vorträgen, Wissenswertem zu Alltagsthemen, mit Vorträgen rund um die Gesundheit, mit Busausflügen, Gesang und Geselligkeit bei Kaffee und Kuchen - oder eben mit dem Heringsessen am ersten Freitag nach Aschermittwoch, das in den vergangenen Jahren auch eingebunden war in einen Neujahrsempfang.

Für viele Ältere war die Zusammenkunft im evangelischen Gemeindezentrum eine Art Familientreffen: Hier konnte man sich austauschen, Neues aus dem Gemeindeleben erfahren, Kraft schöpfen. »Da kam viel Herz rüber, alle haben das gemerkt«, unterstreicht Schmid.

Nach dem vergnügten Heringsessen 2020 aber ging nichts mehr - die Pandemie legte das Geschehen im Seniorentreff lahm. Nicht nur der 1980 von Schmid gegründete Steinbacher Seniorentreff, der in den Anfangsjahren im Gasthaus »Zum Einhorn« stattfand, steht nun vor einer ungewissen Zukunft. Offen ist nämlich auch, wie sich dessen Personalnöte auf die künftige Arbeit des Fernwalder Seniorenbeirats auswirken. Seit 2006 waren alle »Macher« des Steinbacher Seniorentreffs auch Mitglied im gemeindlichen Gremium, das seit 1992 besteht. Rückblickend bezeichnet das Schmid heute stolz als »Fernwälder Weg«, einzigartig im Landkreis Gießen.

»Wir hatten damals schon erkannt, dass es schwierig sein würde, beide Institutionen personell zu besetzen«, erläutert Schmid. Dem achtköpfigen Seniorenbeirat gehören im Idealfall je drei Vertreter aus Annerod und Steinbach sowie zwei aus Albach an. Aus Annerod ist inzwischen niemand mehr dabei, und seit der Verabschiedung von Schmid und dem Tod von Inge Krämer fehlen nun auch zwei Steinbacher Mitglieder.

13 Jahre war Schmid Beiratsvorsitzender, bis ihn im Dezember 2019 eine Krankheit zum Rückzug zwang. Die Suche nach einem Nachfolger war bislang vergebens. Inzwischen wird der Beirat geschäftsführend von Bürgermeister Stefan Bechthold (SPD) geleitet. Die aktuelle Situation habe sich schon vor Jahren abgezeichnet, sagt Schmid. Er bedauert: »Man hat diese Entwicklung ignoriert.«

Wie es mit dem Seniorenbeirat der Gemeinde Fernwald weitergeht, darüber werde man sich nun in der Gemeindeverwaltung den Kopf zerbrechen müssen, sagt Schmid.

Natürlich weiß auch Bürgermeister Bechthold um die Problematik. »Wir müssen einen Neubeginn hinkriegen«, unterstreicht er auf Anfrage dieser Zeitung. Das aber sei schwierig zu einer Zeit, in der keinerlei Veranstaltungen stattfinden können.

Mit Kuchen allein ist es nicht getan

Der Seniorenbeirat könne - wie so viele andere Gremien - aktuell nicht tagen, sagt Bechthold. Dessen Mitglieder seien zudem im Hinblick auf die Corona-Pandemie hochgradig gefährdet. Fernwald verfüge über »unglaublich gute und große Vereinsstrukturen«, viele Senioren seien aktiv in die Vereinsarbeit eingebunden. Er persönlich werde alles daran setzen, dass die Seniorentreffs beibehalten werden: »Das war eine verschworene Gemeinschaft, die eine enorm wichtige Arbeit geleistet hat.«

Auch Schmid hat den Steinbacher Seniorentreff noch nicht ganz abgeschrieben: Rat und Tat wolle er gerne beisteuern, sollten sich Interessenten finden, denn: »Wenn nach so langer Zeit alles runtergefahren wird auf null, macht mich das traurig.« Mehrfach hat der 77-Jährige in den vergangenen Wochen einen Aufruf in den »Fernwalder Nachrichten« veröffentlicht. Jeder könne doch seinen Kuchen selbst zu den Zusammenkünften mitbringen, hatte man ihm daraufhin bedeutet. Mit Kuchen allein aber ist es nicht getan - »das Kaffeetrinken kommt erst in der zweiten oder dritten Position«, sagt Schmid und verweist auf die organisatorischen Aufgaben.

Der Senior hofft auf weitere Reaktionen. Wer steht überhaupt für diese Aufgabe bereit? Und warum sollte nicht etwa ein Duo die Fäden des Treffs in die Hand nehmen? Wenn sich bis Ende Februar niemand findet, ist aus seiner Sicht das Aus für diese Zusammenkünfte besiegelt. ARCHIVFOTO: IK

Ernst Schmid

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