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Pensionärin als Bildungsexpertin

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30 Jahre lang hat Anne Wagner deutsche Gundschulkinder unterrichtet, seit einem Jahr ist sie pensioniert. Nun hat sie ihre Erfahrung als ehrenamtliche Expertin in Südafrika eingebracht. Der Blick auf ihre Heimat hat sich dadurch verändert.

Seit Anne Wagner aus Südafrika zurückgekehrt ist, sieht sie manches in ihrer Heimat mit anderen Augen: "Wo zeigen Kinder in Deutschland heute noch Leidenschaft und Enthusiasmus? Unterm Weihnachtsbaum beim Auspacken!" Ihr falle nun häufiger auf, wie vieles hier selbstverständlich genommen werde, sagt sie. Auch im eigenen Alltag versucht die 67-jährige Pohlheimerin nun manches zu ändern: "Ich gucke mir keine Klamotten-Prospekte mehr an, die ins Haus flattern." Und nach Shoppen stehe ihr zurzeit auch nicht der Sinn.

Für dreieinhalb Wochen war Wagner in der südafrikanischen Metropole Durban. Sie hat dort Kindern das Lesen nähergebracht, auch deren Lehrer und Betreuer geschult - und nebenher eine Bibliothek aufgebaut. Seit knapp einem Monat ist sie wieder zu Hause.

Bis vor einem Jahr hat Wagner an einer Grundschule unterrichtet. Für sie war klar, dass der Ruhestand nicht nur von Ruhe geprägt sein soll. "Ich habe selbst vier Kinder groß gezogen und war 30 Jahre im Beruf. Jetzt bin ich frei und kann in den Entwicklungsdienst gehen - das wollte ich schon als Studentin machen!", verrät sie.

Bis sich die Gelegenheit bot, hat es nun doch ein paar Jahrzehnte länger gedauert. Zustande gekommen ist ihr ehrenamtliches Auslandsengagement über die Organisation Senior Experten Service, kurz SES (siehe Infokasten). Darauf aufmerksam geworden war sie per Zufall - "durch ein Plakat in der WG meiner Tochter in Bremen". Das war vor ein paar Jahren, "ich habe gesagt: ›Wenn ich pensioniert bin, mache ich da mit‹".

Gesagt, getan: Im November 2018 registrierte sich Wagner bei SES, und schon bald folgte eine Anfrage für das dreiwöchige Engagement in Südafrika. Der Auftrag: Die Lesefähigkeit von Kindern fördern und deren Lehrer coachen. Die Pohlheimerin musste nicht lange überlegen. Bereits im April weilte sie dort, gemeinsam mit ihrer Tochter, die für eine Weile in Mosambik war.

Vor Ort haben sich ihr Eindrücke geboten, die so ganz anders waren als das, was sie aus ihrer Zeit im Schuldienst in Deutschland kennt. Sie hat in Durban Kinder an einer staatlichen, aber chtistlich orientierten Grundschule unterrichtet, die bis zur siebten Klasse geht. "Morgens wird erstmal gebetet. Die Kinder werden dort im christlichen Glauben erzogen - es war faszinierend, zu erleben, wie gläubig sie sind." Wagner hat in Deutschland auch Religion unterrichtet, sei selbst aber kaum in der Kirche, erzählt sie. Doch die mit Fröhlichkeit gepaarte Religiosität in Südafrika hat sie berührt. Und überall werde gesungen - in der Schule, im Taxi. "Sogar die Putzfrau auf der Toilette schwingt ihren Mopp und singt."

Deutlich anders fällt der Eindruck der Seniorin von den Lehrmethoden vor Ort aus: "Der Schulunterricht ist alles andere als lebendig, es ist frontal wie bei uns in den 60er Jahren", sagt sie. "46 Kinder sitzen in einer Klasse sechs Stunden lang in engen Reihen und schreiben von der Tafel oder vom Buch ab." Sie habe unter anderem angeregt, auch mal draußen zu unterrichten, Aufgaben in Gruppen zu erledigen, die Kinder generell zu mehr Eigeninitiative zu ermutigen.

Zwar gebe es in Durban auch schöne Strände, doch dafür habe sie keine Zeit gehabt, berichtet Wagner. "Ich habe richtig Gas gegeben!" Und auch ein eigenes Projekt verwirklicht: Im Waisenhaus hat sie eine Bibliothek aufgebaut, "ich wollte etwas hinterlassen". Die bisherigen Bestände im Haus seien teils vermodert und nicht geordnet gewesen. Wagner suchte einen passenden Raum und brachte ihn mit Helfern auf Vordermann. Sie klapperte Buchhandlungen ab, investierte aus eigener Tasche rund 300 Euro, katalogisierte die Bücher. Nun hat die neue Bibliothek einen Grundstock - und Wagner hofft, dass er weiter ausgebaut wird und ihre Initiative "nicht verpufft".

Ob im Bildungssystem, in Fragen der wirtschaftlichen oder auch kulturellen Entwicklung: "Wenn die Nichtregierungsorganisationen nicht da wären, wäre es ein Desaster", so Wagners Eindruck. "Die Entwicklungshilfe ist ganz wichtig - ohne würde vieles nicht funktionieren." Und noch immer seien die Folgen der Kolonialisierung und vor allem des Apartheid-Regimes spürbar. Es sei ihr so vorgekommen, "dass die Weißen das ein bisschen runterspielen". Diese wohnten in Prachtvillen, die Bediensteten seien stets Schwarze. Armut sei auf den Straßen offensichtlich. Ein Erbe, das das Land noch lange beschäftigen dürfte.

Für Anne Wagner soll es nicht der letzte Auslandsaufenthalt dieser Art gewesen sein. Wenn sie wieder angefragt wird, dann werde sie das gern annehmen, sagt sie - und hofft, dass auch andere Senioren das tun: "Es gibt so viele Menschen, die mit 67 nicht nur putzen, kochen und sich um den Garten kümmern wollen." Für die könne solches Engagement im Ausland eine echte Bereicherung sein, findet die Pohlheimer Seniorin.

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