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Günter Kröck - hier in seinem Garten in Treis - hat auch nach 35 Jahren noch Freude an seinem Ehrenamt.

Ortsgerichtsvorsteher seit 35 Jahren

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Seit 1986 leitet Günter Kröck das Ortsgericht in Treis. Zu seinen Aufgaben gehören Schätzungen, Sterbefallanzeigen und mehr. Was reizt ihn an dem Ehrenamt - und welche Voraussetzungen sollte man mitbringen?

Es gibt wohl kaum jemanden, der so viele Häuser in Treis vom Keller bis zum Dachboden kennt wie er: Günter Kröck hat in 35 Jahren bei ungezählten Schätzungsterminen Einblicke in Treiser Immobilien gewonnen. Es ist eine der Kernaufgaben des langjährigen Ortsgerichtsvorstehers für den Bezirk Staufenberg II, der deckungsgleich mit dem Stadtteil Treis ist.

Vor 35 Jahren sei er eher zufällig zu dem Amt gekommen, erzählt der 78-Jährige. Rudolf Herzberger, damaliger Ortsgerichtsvorsteher, habe ihn auf der Rückfahrt von einer Turnveranstaltung gefragt, ob er den Posten nicht übernehmen wolle. Er sagte zu, wurde von den städtischen Gremien bestätigt und schließlich vom Amtsgericht als Ehrenbeamter ernannt.

Während Kröck einige Leistungen allein erbringen kann, müssen in anderen Fällen mehrere Mitglieder des Ortsgerichts eingebunden werden. Das gilt unter anderem für Haus- und Grundstücksschätzungen, die laut Kröck immer zu dritt gemacht werden. Vor allem bei Erbfällen oder vor einem geplanten Verkauf seien solche Schätzungen gefragt, »manche können sich nicht auf einen Wert einigen, wollen es gern schriftlich haben.«

Man nehme die Häuser dann für einige Stunden genau in Augenschein, »wenn zum Beispiel der Keller fault, mindert das den Wert.« Anschließend, erzählt der gebürtige Treiser, rechne erst einmal jeder für sich, »danach treffen wir uns bei mir.« In die Schätzungen fließe viel mit ein - von der Brutto-Grundfläche bis zum Bodenrichtwert. »Das sind komplizierte Rechnereien, ich mache das einfach gern.«

Nach all den Jahren kann er auch Veränderungen auf dem Hausmarkt ausmachen: »Die Preise haben sich in den letzten Jahren enorm erhöht. Vor 15, 20 Jahren war die Schätzung oft höher als der Verkaufspreis.« Auch sei die Nachfrage nach Schätzungen in der vergangenen Dekade merklich gestiegen, »weil mehr verkauft wird.« Das ist aus Kröcks Sicht eine positive Entwicklung: »Es ist gut, dass verkauft wird - sonst würden die Häuser im Ortskern leerstehen.«

Mitunter entschuldigten sich Hausbesitzer bei den Terminen, dass die Wohnung nicht aufgeräumt sei - das spiele natürlich keine Rolle. Ab und an war Kröck aber schon verwundert über die Inneneinrichtung: »Einmal kam ich in ein Wohnzimmer, das bis zur Decke mit Holz vollgesetzt war.«

Ortsgerichte, erklärt Kröck, seien eine hessische Besonderheit, »aber ein guter Anlaufpunkt für die Leute.« Auch deshalb, weil Leistungen wie Unterschriftsbeglaubigungen dort zu deutlich günstigeren Gebühren erbracht würden als etwa bei einem Notar. Doch die Aufgaben des Ortsgerichts gehen über Beglaubigungen von Unter- und Abschriften hinaus. Es ist beispielsweise auch für Sterbefallanzeigen zuständig. Davon gebe es in Treis etwa 25 pro Jahr, schätzt Kröck.

»Ich hatte schon oft den Fall, dass Leute beim Nachlassgericht angerufen und nach dem Testament gefragt haben«, sagt er. Doch bevor das Ortsgericht dorthin keine Mitteilung schicke, könne auch kein Testament eröffnet werden. In einzelnen Fällen sei er erstaunt, wie eilig es Nachfahren mit dem Testament haben. »Einer sagte mal: ›Beim Nachlassgericht ist ja noch nichts!‹ Da habe ich gesagt: ›Die Person ist doch erst vorgestern verstorben.‹ Er selbst warte stets ab, bis die Beerdigung stattgefunden hat. Nicht nur, aber gerade bei dieser Aufgabe des Ortsgerichts brauche es »ein gewisses Einfühlungsvermögen« und Fingerspitzengefühl - vor allem dann, wenn junge Menschen überraschend verstorben sind, etwa infolge eines Verkehrsunfalls.

Manchmal ist es mit der Sterbefallanzeige noch nicht getan, zum Beispiel dann, wenn zunächst keine Erben greifbar sind. »Dreimal musste ich nach Sterbefällen die Wohnung mit einem Klebestreifen und einem amtlichen Stempel versiegeln«, berichtet Kröck. In solchen Fällen ist für ihn mitunter Recherche vonnöten - er sucht Nachkommen, fragt sich in der Nachbarschaft durch.

Apropos: Für Nachbarschaftsstreitigkeiten ist Kröck in seinem Ehrenamt übrigens nicht zuständig. Darum kümmerten sich in den Staufenberger Stadtteilen Schiedsleute als Vermittler, erläutert er. Doch Kröck kennt viele Treiser, wird auch zu solchen Anliegen angesprochen. »Die Leute fragen oft, zum Beispiel zu herüberhängenden Ästen: ›Was ist denn deine Meinung?‹« Letztlich verweise er dann aber an den zuständigen Schiedsmann.

Zwar erhalten Kröck und seine Ortsgerichtskollegen für ihre ehrenamtlichen Dienste eine Aufwandsentschädigung, »aber reich wird man damit nicht«, sagt er. Das Aufkommen an Anfragen variiere, erläutert er, »es gibt auch mal zwei Wochen, wo niemand kommt«. Für Familie, Hobbies und weitere Ehrenämter bleibt ihm nebenher genügend Zeit. Kröck ist auch stellvertretender Vorsitzender der Treiser Natur- und Vogelfreunde und Wanderwart beim TV Treis. Immer dienstags ist er mit den »Radwandersenioren« unterwegs, verbringt viel Zeit mit Wandern und Radfahren. Von 1984 bis 2020 war er Jahr für Jahr mit seinem langjährigen Freund Karl Heinz Leinweber auf zwei Rädern in Deutschland oder Europa unterwegs.

Dass er das Amt des Ortsgerichtsvorsitzenden so viele Jahre ausüben würde, konnte sich Kröck 1986 noch nicht vorstellen. Was hat ihn damals an dieser Tätigkeit gereizt? »Ich war beim Arbeitsamt beschäftigt«, sagt er. Auch dort müssten viele Informationen abgeklärt, Formalia beachtet werden, »das hat schon mit reingespielt«. Nach wie vor sei er gern Vorsteher des Ortsgerichts: »Ich habe ein gutes Verhältnis zu vielen Leuten, sie kommen gern zu mir.« Und wo er könne, helfe er auch unbürokratisch weiter, gebe etwa einen Rat in Behördenangelegenheiten.

Was muss ein Ortsgerichtschef aus seiner Sicht mitbringen, worauf kommt es an? »Auch Geduld, man muss die Leute aussprechen lassen. Ich lasse mir da schon Zeit, plane für Termine mindestens eine halbe Stunde ein.« Wichtig sei auch, den Menschen immer auf Augenhöhe zu begegnen - so habe er es auch im Beruf gehalten, zuletzt als Hartz IV-Sachbearbeiter.

»Bis zum 65. Lebensjahr bewirbt man sich für zehn Jahre, danach für fünf«, erläutert Kröck. Er ist kürzlich für weitere fünf Jahre bestätigt worden - bis zum 1. September 2026. Für ihn steht fest: »Dann bin ich 83, dann reicht’s.« Seine vorläufige Amtsbilanz fällt positiv aus. »Ich bin immer gut mit den Leuten ausgekommen - es lief eigentlich alles ziemlich glatt ab.«

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