Janina Gerschlauer legt Nelken an der Gedenktafel in Laubach ab. An den Stelen auf dem Rosenplatz in Allendorf werden sechs Jahreszeitkerzen entzündet, ein jüdischer Brauch zum Jahrestag des Todes von Familienangehörigen. In Watzenborn-Steinberg werden die Stolpersteine aufgesucht und in Lich gedenkt man an der Marienstiftskirche (von oben nach unten). FOTOS: DIS, VH, NAB, PM
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Janina Gerschlauer legt Nelken an der Gedenktafel in Laubach ab. An den Stelen auf dem Rosenplatz in Allendorf werden sechs Jahreszeitkerzen entzündet, ein jüdischer Brauch zum Jahrestag des Todes von Familienangehörigen. In Watzenborn-Steinberg werden die Stolpersteine aufgesucht und in Lich gedenkt man an der Marienstiftskirche (von oben nach unten). FOTOS: DIS, VH, NAB, PM

Den Opfern zu Ehren

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Am 9. November 1938 brannten überall in Deutschland Synagogen, wurden jüdische Geschäfte demoliert. Die sogenannte Reichspogromnacht liegt jetzt rund drei Generationen zurück. Doch sie steht unverändert mahnend für böse Jahre der Ausgrenzung und Verfolgung, der Entrechtung und des Verlusts von Freiheit. Menschen wurden systematisch verfolgt: Wegen ihres Glaubens, wegen ihrer politischen Einstellung, ihrer sexuellen Orientierung oder wegen psychischer oder physischer Erkrankungen. Ab 1933 wurden Menschen Schritt für Schritt aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgegrenzt. Aus Nachbarn und Vereinskameraden wurden - Juden. Am Ende stand die Deportation, der Mord an sechs Millionen Menschen. Der 9. November 1938 steht dabei für den Übergang von der Verfolgung zur Vernichtung des deutschen und des europäischen Judentums.

Mit Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Pogromnacht mahnen alljährlich Menschen, das Geschehen der NS-Zeit in unseren Dörfern und Städten weiter aufzuarbeiten. Das Anliegen: Das düsterste Kapitel deutscher Geschichte nicht der Vergangenheit anheimfallen zu lassen, sondern erinnernd lebendig zu halten. Auch wenn die wenigsten der heute Lebenden persönliche Schuld auf sich geladen haben, so stehen sie, stehen wir doch in der besonderen Verantwortung, gegen das Vergessen zu arbeiten. Um daraus für Gegenwart und Zukunft zu lernen. Damit Geschichte sich nicht wiederholt. so

In Allendorf/Lumdaführte der Mahngang von der evangelischen Kirche zu den Gedenkstelen am Rosenplatz. Auf dem Kirchenvorplatz erinnerte Pfarrer Stefan Schröder "an die Mitbürger, die hier waren, die ein ganz schwieriges Schicksal erfahren haben". Brigitte Heilmann, Vorsitzende des Sozialausschusses, verwies auf die Bedeutung des Erinnerns. Voriges Jahr habe es in Deutschland über 2000 antisemitisch motivierte Straftaten gegeben, eine Rekordzahl. Antisemitismus sei nie verschwunden. Aktuelle Verschwörungsmythen im Internet beschrieben die Juden als Verursacher der Corona-Pandemie. Der Mahngang führte vom Kirchenvorplatz über die Kirchstraße hinab zum Rosenplatz mit den Gedenkstelen. Die Teilnehmer verlasen die Namen der ermordeten Allendorfer Bürger jüdischen Glaubens. Heilmann erinnerte an die Schicksale der jüdischen Familien in Allendorf zwischen 1933 und 1942. Hetze, Hass und Gewalt seien nicht gestoppt worden. vh

In Krofdorf-Gleibergladen Kirchengemeinde und bürgerliche Gemeinde seit 2008 zum Gedenken in den Kirchgarten ein. Dort erinnert eine Tafel an der Kirchhofsmauer an die verfolgten, vertriebenen, ermordeten Mitglieder der Familien Rosenthal, Süßkind und Simon. Gedacht wird darüber hinaus weiterer Opfer der unmenschlichen Nazi-Diktatur. Eingebunden sind stets Schüler der Gesamtschule Gleiberger Land sowie Krofdorf-Gleiberger Konfirmanden, die die Schicksale der Opfer darlegen. Sie lasen zudem die "Todesfuge", ein Gedicht von Paul Celan. Bürgermeister Thomas Brunner unterstrich: "Wenn sich Geschichte zu wiederholen droht, dann ist Erinnern umso wichtiger". Pfarrer Christoph Schaaf dankte rund 40 Besuchern für ein würdiges Gedenken - "mit Abstand, aber nicht im Geist". Jugendreferentin Lea Rompf und der Pfarrer luden ein, an der Gedenktafel eine Kerze zu entzünden, einen Stein abzulegen oder in Stille zu gedenken. Dabei läutete die Totenglocke. Dr. Gregor Kuhn begleitete die Veranstaltung mit Klezmer-Musik. so

In Laubachhatte sich am Montag eine aus Gründen des Infektionsschutzes überschaubare Anzahl von Teilnehmern zur Gedenkveranstaltung an der ehemaligen Synagoge in der "Lippe" eingefunden. Janina Gerschlauer, Vorsitzende der Friedenskooperative Grünberg-Laubach-Mücke, legte an der mit Kerzenlicht erleuchteten Bronzetafel weiße Nelken nieder und erinnerte an die jüdischen Mitbürger, die in der Nacht des 9. November 1938 sowie den folgenden Jahren Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Pfarrer i. R. Hartmut Mie-the las Verse aus Psalm 69. Im Anschluss verharrten die Anwesenden im stillen Gedenken. Gerschlauer dankte für die Teilnahme und das Einhalten der Sicherheitsabstände. dis

In Lichbetonte Vikarin Nena Baumüller von der ev. Marienstiftsgemeinde in ihrer Andacht: "Hinter der Geschichte stehen echte Geschichten. Diese rufen ganz laut in unsere Gegenwart hinein. Sie fordern auf, den Mund aufzumachen für all die Stummen und alle, die verlassen sind." Den Menschen, die das Wort Diktatur in den Mund nehmen, müssen wir etwas entgegensetzen, machte Vikarin Baumüller deutlich. Bürgermeister Dr. Julien Neubert betonte bei der Kranzniederlegung am Mahnmal, wie lebensnotwendig die Erinnerungskultur für das Funktionieren der Gesellschaft ist. "Wir müssen erinnern, um die Mitmenschlichkeit und die Demokratie zu schützen", sagte Neubert. Am Mahnmal wurden die Namen der jüdischen Familien verlesen. Zu den Namen gibt es auch Bilder. Anika Danielle Wagner hat eine Installation vorbereitet, die Fotografien der Licher Juden an die Scheiben des Kinos Traumstern projiziert. Noch in den nächsten Tagen werden diese zu sehen sein. nab

In Pohlheimgingen Mitglieder der Stolperstein-Initiative durch Watzenborn-Steinberg und Grüningen, entzündeten Kerzen an rund 30 Gedenksteinen und hielten in Stille inne. "Wir erinnern", schrieben sie mit Kreide auf die Gehwege und verschickten per Smartphone Fotos von den Stolpersteinen an Achtklässler der Arbeitsgemeinschaft "Erinnerungskulturen" an der Adolf-Reichwein-Schule, die so am Gedenken teilnehmen konnten. Gut 20 Menschen besuchten am Montag zudem eine Gedenkstunde mit Pfarrer Matthias Bubel vor der ev. Kirche in Holzheim. srs

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