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Unter anderem mit morgendlichen Fahrten von Hungen nach Gießen bereitet sich Carsten Butteron auf die Langstreckentrips vor.

Ohne Schlaf durch das ganze Land

  • Lena Karber
    VonLena Karber
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Am Wochenende will Carsten Butteron auf dem Rennrad einmal durch Deutschland fahren - und zwar von Nord nach Süd, von Flensburg nach Garmisch-Patenkirchen. Feste Nahrung und Schlaf sind dabei höchstens sporadisch eingeplant. Um durchzuhalten, hat der 60-jährige Hungener daher eineinhalb Jahre lang Powernaps trainiert - und noch weitere Tricks auf Lager.

Carsten Butteron braucht ein Ziel vor Augen. Eines, auf das er hintrainieren kann. Nachdem er im vergangenen Jahr coronabedingt 24 Stunden lang nonstop in die Pedale seines Spinning-Rades getreten hat, geht es für ihn in diesem Jahr zurück auf die Straße: Am morgigen Freitag um 8.26 Uhr wird er sich in Flensburg auf den Sattel seines Rennrades schwingen, um im Rahmen des »Race Across Germany« bis Sonntag einmal längs durch Deutschland bis nach Garmisch-Patenkirchen zu fahren - 1100 Kilometer weit. »Man kann sich damit für das Brutalste qualifizieren, was es im Langstreckenradsport gibt: das Race Across America«, sagt Butteron und es klingt ein bisschen schwärmerisch als er erzählt, was das bedeuten würde: Rund 5000 Kilometer von West nach Ost in zwölf Tagen. »Das strebe ich aber nicht an«, schiebt er allerdings rasch hinterher.

Vor einigen Jahren war das noch anders. »Ich war so was von vernarrt in dieses Race Across America«, erzählt der Hungener rückblickend. Doch angesichts der hohen Kosten und der gesundheitlichen Belastung, die damit verbunden sind, sieht er das heute etwas anders - zumal er inzwischen 60 Jahre alt ist. »Ich glaube, das ist nicht nur nicht gesund, sondern ungesund«, sagt er.

Statt an der Marke von 53 Stunden, die eine Qualifikation bedeuten würde, orientiert sich Butteron daher an den 58 Stunden, innerhalb derer er die Strecke laut Reglement geschafft haben muss, um nicht disqualifiziert zu werden. Trotz seiner Erfahrung mit Langstreckentouren hat er vor der Aufgabe Respekt. »Ich habe bei meinen Trainingsfahrten gemerkt, wie viele Zeitdiebe es gibt«, sagt Butteron. Jede rote Ampel koste wertvolle Minuten, jedes Mal neu Anfahren Kraft. Deswegen habe das Zeitmanagement oberste Priorität. »Jede Fünf-Minuten-Pause muss optimal genutzt werden.«

Deshalb wird der Hungener am Wochenende von einem sechsköpfigen Supportteam in einem Pkw und einem Wohnmobil begleitet - gänzlich andere Bedingungen als bei der längsten Tour, die Butteron bisher gefahren ist: die Strecke Brest-Paris-Brest, bei der so etwas nicht vorgesehen war. Die 1200 Kilometer sei er damals in 50 Stunden gefahren, habe aber insgesamt 68 gebraucht, erzählt Butteron- Viereinhalb Stunden habe er geschlafen, der Rest sei für das Auffüllen der Trinkfalsche, Toilettenbesuche, Duschen und Co. draufgegangen da er oft anstehen musste.

Das wird dieses Mal ganz anders laufen - selbst Zeit zum schlafen ist nicht wirklich eingeplant. Dazu hat er eineinhalb Jahre lang kurze Powernaps trainiert. »Genau in dem Moment, in dem man einschläft, muss die Zeit vorbei sein«, sagt der Langstreckenfahrer. Sonst fahre der Körper zu sehr in den Ruhemodus. »Eigentlich müsste ich einen Schlüssel in die Hand nehmen und aufstehen, sobald er mir runterfällt.« Nach 16 bis 18 Stunden im Sattel könnte das erste Powernap fällig sein, schätzt er. »Das ist ein Test, ich habe das noch nie gemacht.«

Auch auf feste Nahrung will der 60-Jährige weitgehend verzichten. »Der Körper kann auf diese Distanz nicht mehr richtig verdauen, weil das Blut in den Muskeln benötigt wird und der Magen rebelliert«, sagt er. Daher gehe es darum, Kalorien, Elektrolyte und Co. vor allem flüssig zu sich zu nehmen und genug zu trinken, damit die Nieren trotz des Schwitzens durchgespühlt werden. Sein Richtwert: 750 Milliliter pro Stunde, bei Hitze noch mehr. Doch irgendwann falle der Griff zur Flasche schwer und nichts schmecke mehr, erzählt Butteron.

Manchmal verlange der Körper dann auch etwas ganz anderes - wie bei seiner Fahrt von St. Bonnet nach Hungen. »Da hätte ich ein Königreich gegeben für ein Bier«, sagt der 60-Jährige, der sich prompt auf die Suche machte.

Zur Motivation will sich der Hungener ein Schild mit der Aufschrift »Schmerzen vergehen, Aufgeben bleibt« auf den Lenker kleben. »Und mein zweiter Trick ist, dass ich es herausposaune«, sagt Butteron und lacht. Das Öffentlichmachen erschwere das Aufgeben.

Allerdings, sagt er, wolle er den Radmarathon auch nicht um jeden Preis durchziehen. »Natürlich geht es darum, zu kämpfen und die Komfortzone zu verlassen - und das ziemlich weit.« Doch die Gesundheit stehe an erster Stelle, und wenn der Arzt in seinem Supportteam Bedenken habe, müsse Schluss sein. »Ich persönlich würde es als größere Stärke empfinden, dann fünf Kilometer vor dem Ziel aufzuhören«, sagt Butteron.

Die Platzierung ist ihm nach eigener Aussage egal. »Mein einziger Feind ist die Zeit. Ich möchte in 57 Stunden und 59 Minuten angekommen sein, dann ist alles fein«, betont er. Doch was, wenn am Ende doch die Qualifikation für das »Race Across America« herausspringen würde, will er dann wirklich nicht teilnehmen? »Es würde locken, aber das kann ich meiner Frau nicht zumuten«, sagt Butteron mit einem Augenzwinkern. »Ich glaube, dann hätte ich sie vertrieben.«

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