Doris Tejkl und Wolfgang Stange steuern den Bürgerbus bei seiner Jungfernfahrt. FOTO: PAD
+
Doris Tejkl und Wolfgang Stange steuern den Bürgerbus bei seiner Jungfernfahrt. FOTO: PAD

Noch Plätze frei im Bürgerbus

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
    schließen

"Man muss die Bürger abholen und mitnehmen" - nicht nur beim Thema Verkehrswende wird dieser Satz oft beschworen. In Linden hat genau diese Aufgabe nun der neue Bürgerbus. Bei der ersten Fahrt bleiben allerdings noch fast alle Sitze frei.

Doris Tejkl dreht den Schlüssel um. Sofort springt der Motor an. Auf dem Kilometerzähler des Opel leuchtet eine 154 auf. Ein echter Neuwagen, der Bürgerbus von Linden. In wenigen Sekunden wird er nicht nur zur ersten Fahrt aufbrechen. Er soll damit auch ein neues Kapitel in Sachen Nahverkehr einläuten, zum Klimaschutz beitragen und gerade ältere Bürger sowie Menschen mit Handicap beim Einkaufen unterstützen. Viel Gepäck für ein einziges Fahrzeug. Zum Glück ist der Kofferraum so groß, dass selbst sechs Rollatoren darin Platz finden.

"Da ist das neue Schmuckstück", stellte Jörg König wenige Minuten zuvor fest. Der Lindener Bürgermeister freut sich über den Bus aus gleich mehreren Gründen. Zum einen sollen mit ihm die Lindener Bürger zu den heimischen Supermärkten, Drogerien und Geschäften gefahren werden. Das unterstützt somit nicht nur die heimische Wirtschaft, sondern ist auch ein Service für alle Bürger, die kein Auto besitzen, nicht mehr fahren wollen oder können.

Zum anderen wird der Bus quasi komplett durch ein Förderprogramm des Landes Hessen bezahlt. Die Diakoniestation Linden ist Trägerin, die Generationenbrücke kümmert sich darum, dass genügend Ehrenamtliche als Fahrer hinter dem Steuer Platz nehmen. "Wir haben sieben feste Fahrer plus einen Springer, die sich die Schichten aufteilen", erklärte Martina Stöhr. Sie koordiniert das Projekt.

Eine der ehrenamtlichen Fahrerinnen ist Doris Tejkl. "Ich fahre gerne Auto", erklärt sie augenzwinkernd, warum sie diese Aufgabe übernommen hat.

Neben ihr hat bei der Premierenfahrt Wolfgang Stange auf dem Beifahrersitz Platz genommen. Er faltet einen Stadtplan auseinander, auf dem die Route und die Haltestellen mit einem roten Stift eingezeichnet wurden. Auch er wird den Bus später steuern.

"Ich sehe die Notwendigkeit, dass die älteren Leute zum Einkaufen kommen", erklärt er, warum er mitmacht. "Es ist für mich eine emotionale Verpflichtung der älteren Bevölkerung gegenüber."

Die Ehrenamtlichen sind hoch motiviert. Das Wetter ist es zum Start weniger: Es nieselt. Und auch der Bus muckt erst einmal: Im Display erscheint die Anzeige, dass ein Sensor kaputt ist. "Bei einem fabrikneuen Fahrzeug", schüttelt Tejkl den Kopf. Da es sich jedoch um nichts sicherheitsrelevantes handelt, steht der ersten Tour nichts im Wege. "Jetzt geht’s los", freut sich Stange.

Niemand da

Doch nicht nur der Opel hat Startschwierigkeiten. An den ersten Haltestellen wartet niemand auf den Bürgerbus. "Das Angebot muss sich auch erst einmal herumsprechen", zeigt sich Stange optimistisch.

Zuerst dreht der Bus seine Runden durchs Stadtzentrum, dann geht es zu Netto. Tejkl und Stange fahren Haltepunkt um Haltepunkt an. Da noch niemand zusteigt, bleibt Zeit zu überlegen, wo der Bus stoppen kann, ohne den Verkehr zu behindern.

Dann winkt in der Goethestraße eine Dame am Fahrbahnrand. Wenige Augenblicke später nimmt Eveline Macik als erster Fahrgast im Bürgerbus Platz. "Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das läuft. Ich will das jetzt erst mal kennenlernen", erklärt sie. Ihre Tochter hat der 83-Jährigen aufgetragen, später genau davon zu berichten.

Stange erklärt das Konzept. Zweimal pro Woche soll der Bus seine Runden drehen. Auf der Hinfahrt fährt er zu bestimmten Uhrzeiten feste Treffpunkte an, auf dem Rückweg setzt er die Fahrgäste mit vollgepackten Taschen direkt vor deren Haustür ab. Das Angebot ist kostenlos.

Besonders, dass man direkt vor der eigenen Haustür abgesetzt wird, überzeugt die Großen-Lindenerin. "Wenn das so läuft, ist das ein gutes Angebot. Viele Ältere können ihre Einkäufe nicht mehr so weit schleppen."

Weiter geht es durch die Lindener Straßen. Es wird sich unterhalten, die Tour erinnert an eine Stadtrundfahrt. Macik steigt an der Drogerie im Lückebachtal aus, eine Uhrzeit zum Abholen wird vereinbart. Der erste Fahrgast des Bürgerbusses ist begeistert. Hoffentlich spricht sich das Angebot bald herum.

Der Lindener Bürgerbus fährt immer dienstags und donnerstags ab 9 Uhr durch Großen-Linden, ab 10 Uhr durch Forst, Mühlberg und Leihgestern. Neben Netto und Rewe werden das Kuhncenter und die Geschäfte im Lückebachtal angesteuert. Weitere Infos bei Stöhr unter Telefon 0 64 03/9 69 03 64.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare