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Die Tage sind gezählt: Der öffentliche Fernsprecher in der Krofdorfer Hauptstraße soll demnächst abmontiert werden. FOTO: SO

Noch nicht mal ein Notruf

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In Krofdorf und Launsbach werden demnächst die letzten öffentlichen Fernsprecher abmontiert. In Zeiten nahezu unbegrenzter Mobiltelefonie sind sie überflüssig geworden.

Im Dorf meiner Kindheit stand das gelbe Häuschen direkt neben dem Dorfgemeinschaftshaus: Dort gab es den Kindergarten, die Gemeinschaftsgefrieranlage, einen Vereinsraum und eben die Telefonzelle. Und ja: Anfang der 1970er Jahre gab es noch eine ganze Reihe von Haushalten in dem 700-Seelen-Ort, die kein Telefon hatten. Beispielsweise der Installateur, der direkt gegenüber vom Dorf- gemeinschaftshaus wohnte. "Wenn wir wirklich mal telefonieren müssen, dann gehen wir über die Straße", sagte seine Frau. Und verwies darauf, dass sie so jede Menge Geld sparte. Telefonieren war damals teuer. Da war eine monatliche Grundgebühr zu bezahlen. Zudem wurde unterschiedlich abgerechnet, nach Orts- und nach Ferngesprächen. Abends wurden auch letztere deutlich günstiger. Also wurde die Oma im fernen Kassel einmal wöchentlich Punkt 22 Uhr angerufen.

Das Ortsgespräch kostete 20 Pfennig

In der Zelle kostete das Ortsgespräch 20 Pfennig, wenn ich mich recht erinnere. Später wurden es 30 - für acht Minuten. Und an der Scheibe prangte der Aufkleber "Fasse Dich kurz!". Damit eben auch andere zum Zuge kamen. Doch wer genügend Groschen dabei hatte und so das Gespräch mit dem oder der Liebsten verlängerte zog, der durfte gewiss sein, sich den Zorn der draußen Wartenden zuzuziehen.

Dazu der unvergessliche Geruch nach kaltem Rauch und nach leicht klammem Papier der dort aushängenden gelben Telefonbücher, bei denen immer just die Seite fehlte, die man brauchte. Wer nichts zu Schreiben hatte, der riss das Blatt raus. In jeder Telefonzelle war zudem ein Aschenbecher installiert. Nur: Dass die mal gereinigt wurden, das habe ich als Kind zumindest nie gesehen.

Übrigens war all das kein deutsches Spezifikum. Auch in anderen Ländern war das Telefonieren aus den Häuschen üblich: In Italien etwa gings aber nicht überall mit Bargeld. Da musste man zuvor etwa am Kiosk an der Uferpromenade des Lago Maggiore Telefonmünzen kaufen. Es brauchte die "gettone telefonico", wenn man den Lieben daheim mitteilen wollte, dass man gut angekommen und das Wetter schön ist.

Später, in den 1980ern, als meine damalige Freundin in Fulda studierte, klemmte es mit dem Telefonanschluss in ihrem Studentenwohnheim nahe der FH. Aber es gab ja Telefonzellen ganz in der Nähe. Sogar eine anrufbare! Wie lang das her ist? Gerade mal eine Generation.

Die gelben Häuschen sind ohnehin schon lange Geschichte. Sie wichen ab den 1990ern silbernen Modellen mit rosa Applikationen. Moderne Telekom eben und nicht mit die alte gelbe Post. Dazu wurden Münzen zunehmend durch Karten ersetzt. Aus den Häuschen wurden ab dem einen oder anderen Ort schließlich Basistelefone. Karge, funktionale Telefonstellen, die nicht mal mehr ein schützendes Dach gegen Regen über dem Kopf boten.

Unwirtschaftlich und überflüssig

Doch auch diese sind jetzt am Ende: In diesen Tagen sollen in Krofdorf-Gleiberg und in Launsbach die beiden letzten öffentlichen Fernsprecher demontiert werden. Der Grund: Kein Bedarf mehr.

Ein jeder von uns besitzt ein oder mehrere Mobiltelefone, bei der Festnetztelefonie wird seit Jahren von einer Vollversorgung der Republik gesprochen. Die Preise fürs Telefonieren sind günstig wie nie. Die Folge: Der Betrieb einer großen Anzahl öffentlicher Fernsprecher ist für die Telekom unwirtschaftlich und wird als überflüssig angesehen, berichtet Bürgermeister Thomas Brunner dieser Tage in der Wettenberger Gemeindevertretung.

So nimmt es nicht wunder, dass von den beiden Fernsprechern in der Krofdorfer Hauptstraße nahe der Bushaltestelle sowie in der Ludwig-Rinn-Straße in Launsbach in den vergangenen drei Jahren kein einziges Telefonat mehr geführt wurde. Noch nicht mal mehr ein Notruf wurde abgesetzt.

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