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Die andere Seite der Hoffnung

Die andere Seite der Hoffnung

In seiner neuen Tragikomödie beleuchtet Regisseur und Drehbuchautor Aki Kaurismäki aktuelle politische Missstände, scheut dabei nicht vor scharfer Kritik an der Europäischen Union.

Mechaniker Khaled (Sherwan Haji) schildert der Angestellten der Helsinkier Einwanderungsbehörde eindringlich seine Flucht aus der nordsyrischen Stadt Aleppo. Dabei erlitt er Gewalt, verlor zudem seine Schwester, die einzige Überlebende seiner Familie, aus den Augen. So schockierend dies klingt, Asyl erhält er dennoch nicht. Direkt danach sieht man Fernsehbilder vom bombardierten Aleppo; sie widerlegen die Einschätzung der finnischen Beamten, die Lage sei ungefährlich. Vor der drohenden Abschiebung gelingt es Khaled unterzutauchen. Eher zufällig begegnet er wenig später dem Restaurantbetreiber Waldemar Wikström (Sakari Kuosmanen), wird von ihm als Putz- und Küchenhilfe eingestellt.

Im zweiten Erzählstrang rückt der Gastwirt und einstige Hemdenhändler in den Fokus. Als sich der Anfang-Sechziger von seiner alkoholabhängigen Frau trennt, haben sich die beiden nichts mehr zu sagen. In einer Schlüsselszene nimmt das Paar wortlos Abschied, Wikström legt den Ehering auf den Küchentisch und sucht das Weite. Wie oft lässt hier Kaurismäki die feine Mimik und Gestik der Darsteller für sich sprechen. Trotz sparsamer Dialoge gewinnt man so ein Gespür von deren psychischer Befindlichkeit. Der Regisseur erreicht gerade durch die schlichte, aufs Äußerste reduzierte Inszenierung, den Blick des Zuschauers aufs Wesentliche zu lenken; die Kulisse wirkt karg, gleichwohl verströmen die Bilder in Bann ziehende Atmosphäre.

Als charakteristisch erweist sich die nüchtern-abgeklärte Perspektive. Khaled ist kaum zu beneiden, wird er doch in Helsinki wieder verfolgt und muss sich vor rechtsextremen Schlägern in Acht nehmen. Wenig besser ergeht es seinem irakischen Kumpel Mazdak (Simon Hussein Al-Bazoon), der schon seit einem Jahr in Flüchtlingsheimen wohnt.

Bei aller Bitterkeit gibt es viele zum Schmunzeln reizende Szenen mit dem für Kaurismäki typischen lapidaren, bissigen Humor. Köstlich etwa, wie der in der Gastwirtschaft unerfahrene Wikström das Speisenangebot nach Empfehlung seiner Angestellten wechselt, als die Gäste ausbleiben, mutig mit Sushi experimentiert und japanische Touristen nicht lang auf sich warten lassen...

Zum starken Gesamteindruck trägt die differenziert verwendete Hintergrundmusik bei. Melancholische Lieder unterstreichen die Trostlosigkeit und spielen teils auf die Situation der Protagonisten an. Fast scheint es, als ob die armen Straßen- und Kneipenmusiker – auch sie auf der Schattenseite der Gesellschaft – mit ihren Auftritten gegen ihr eigenes düsteres Schicksal anzukämpfen, sich Gehör zu verschaffen suchen. Unterm Strich hinterfragt Kaurismäki künstlerisch stimmig soziale Stereotype und regt den Zuschauer zum Nachdenken über die brisante Thematik an. Sascha Jouini

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