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  • VonSascha Jouini
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Zwei Herren im Anzug

Zwei Herren im Anzug

Manchmal bedarf es tiefer Einschnitte, um nahe Verwandte dazu zu bringen, miteinander zu reden. Der oberbayerische Gastwirt und Bauer Pankraz und sein Sohn Semi sind sich völlig fremd, erst nach der Beerdigung der Frau und Mutter Theres 1984 kommt es zu einer Aussprache. Sie lassen ihr Leben Revue passieren; Rückblenden werden abwechselnd aus der Sicht des Vaters und Sohns erzählt.

In der Verfilmung seines Romans »Mittelreich« beleuchtet Regisseur Josef Bierbichler nicht allein fein differenziert die Familiengeschichte zurück bis zum Anfang des Jahrhunderts. Viel mehr bettet er den biografischen Kern ein in den sozialen Kontext, angefangen von stark verwurzelter provinzieller Frömmigkeit bis hin zum Klima, in dem Antisemitismus und Nationalsozialismus keimen.

Da ist etwa Pankraz’ älterer Bruder Toni, der infolge einer Hirnverletzung im Ersten Weltkrieg von judenfeindlichen Paranoia befallen und aus der Bahn geworfen wird. Pankraz sieht sich gezwungen, das Gasthaus fortzuführen, der Traum von der Gesangskarriere ist geplatzt.

Wie sich herausstellt, verdrängt der Wirt düstere Erfahrungen. Gravierendes Fehlverhalten beispielsweise zu seiner Soldatenzeit im Zweiten Weltkrieg wirft Schatten auf seine christliche Gesinnung. Seinen Sohn lehnt er ab und steckt ihn mit zwölf Jahren ins Internat. Später bringt ihn dessen mangelnder Gehorsam gar dazu, ihm die Erbschaft zu verweigern.

Doch rücken nicht nur Generationenkonflikte in den Fokus, sondern auch Ehestreitereien zwischen Pankraz und Theres über Erziehungsfragen; sie glaubt, er sei Semi kein Vorbild. Dann sind da noch Konflikte mit den Schwestern des Gastwirts, die ebenso sittenstreng wie beschränkt wirken.

In der Nachkriegszeit muss Pankraz Flüchtlinge mit in sein Haus aufnehmen. Den grotesken Höhepunkt bildet ein gesellschaftlich bunt gemischtes Maskenfest mit Preisausschuss, das sich zwischen ausgelassener Stimmung und überholten Ressentiments bewegt. Ein just in dieser Nacht wütender Sturm steigert die Spannung noch.

Interessant machen den von Josef Bierbichler verkörperten Wirt gerade die Widersprüche zwischen katholischen Wertvorstellungen und unmoralischer Lebensweise. Die Inkonsistenz droht ihn innerlich zu zerreißen.

Gleichermaßen authentisch spielt Simon Donatz den jungen Pankraz sowie Semi. Martina Gedeck glänzt als Theres, die mit mütterlicher Fürsorglichkeit dem Sohn näher steht als dem Mann. Auch die Nebendarsteller hinterlassen einen hervorragenden Eindruck.

Zu loben ist auch, wie raffiniert der Regisseur die Erzählfäden zu einem großen Ganzen verwebt. Trotz Überlänge reißt der dramatische Bogen nie ab. Hintersinnig verwendet Bierbichler zudem zum Nachdenken anregende motivische Querbezüge. Dazu zählt das Stilmittel, bewegende Momente fotografisch festzuhalten, quasi als Sinnbild dafür, wie die aufrüttelnde Begegnung dem mangelnden Gedächtnis des Wirts auf die Sprünge hilft. Am meisten prägt sich indes das immer wiederkehrende Motiv des Untergehens im See ein. Sascha Jouini

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