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Viele Kinder können nicht sicher schwimmen, doch die Wartelisten für Schwimmkurse sind lang. Durch die Pandemie dürfte sich das Problem noch einmal verschärfen. SYMBOLFOTO: DPA

Nichtschwimmer-Alarm

  • Lena Karber
    vonLena Karber
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Etliche Kinder können nicht richtig schwimmen. Die Pandemie hat das Problem weiter verschärft. Doch auch wenn die Bäder bald wieder öffnen, sei nicht mit schneller Abhilfe zu rechnen, sagt Michael Schad. Der Schwimmmeister im Familienbad Biebertal und hessischer Geschäftsführer im Bundesverband seiner Zunft nennt mehrere Gründe für die Misere.

Nicht einmal die Hälfte der Kinder kann laut der Deutschen Lebens- und Rettungsgesellschaft (DLRG) beim Verlassen der Grundschule sicher schwimmen. Gerade der Schwimmunterricht scheint trotz gesetzlich geregeltem Auftrag häufig zu kurz zu kommen: Nur 27 Prozent der Kinder haben demnach in der Schule das Schwimmen gelernt. Im Zuge der Pandemie dürfte sich das Problem noch verschärft haben. »Inzwischen geistern bei den Fachverbänden Zahlen von über 100 000 Kindern herum, die wegen der Pandemie nicht schwimmen gelernt haben oder keine sicheren Schwimmer sind - und zwar allein in Hessen«, betont Michael Schad, Hessischer Geschäftsführer im Bundesverband Deutscher Schwimmmeister mit Sitz in Hungen.

Dass Schwimmvereine und Schwimmschulen nach der Pandemie kurzerhand die Kapazitäten hochfahren und die Versäumnisse rasch aufholen, erscheint kaum möglich. Denn bereits davor war die Nachfrage vielerorts höher als das Angebot. »Es gab schon vorher überall ellenlange Wartelisten«, sagt Schad, der Schwimmmeister im Familienbad in Biebertal ist. Dafür gebe es zwei Gründe: das Bädersterben und den Fachkräftemangel - und zwar sowohl bei den Fachangestellten für Bäderbetriebe als auch in den Schwimmschulen.

»Wir erwarten viel zu viel von unseren jungen Leuten«, sagt er und verweist auf Durchfallquoten von 60 bis 70 Prozent in der Ausbildung. Was dem Fachkräftemangel entgegenwirken könnte? »Eine vernünftige Bezahlung und eine vernünftige Ausbildung«, meint Schad.

Stattdessen war die Aus- und Weiterbildung angesichts geschlossener Bäder im Zuge der Pandemie zuletzt eingeschränkt. »Ich habe als Verbandschef mein eigenes Schwimmbad in Biebertal angemietet«, erzählt Schad. Hessenweit sei das Bad für die Fachkräfte bis vor Kurzem die einzige Möglichkeit gewesen zu trainieren und ihre Rettungsfähigkeit nachzuweisen. Inzwischen habe sich zwar ein Bad in Baunatal angeschlossen, sodass es jetzt auch in Nordhessen eine Möglichkeit gebe. Dennoch: »Einige unserer Schwimmmeister haben seit über einem Jahr kein Wasser gesehen«, sagt Schad.

Was ihn außerdem ärgert, ist, dass viele aus der Branche bisher nicht geimpft seien. »Wie soll man denn eine Reanimation mit Mund-zu-Mund-Beatmung machen, wenn man nicht geimpft ist?«, fragt er und hofft in einem ersten Schritt nun zudem auf Trainingsmöglichkeiten für die Fachkräfte. »Es ist wichtig, dass das Personal, das uns noch bleibt, entsprechend geschult und fit ist«, sagt er im Hinblick auf die bevorstehenden Schwimmbadöffnungen und die Freiluft-Badesaison.

Das Grundproblem, dass viele Kinder nicht sicher schwimmen können, ist nach Ansicht des Biebertaler Schwimmmeisters auch eine Folge davon, dass Kinder heutzutage weniger Zeit beim Spielen auf der Straße und mehr Zeit vor dem Bildschirm verbringen als früher. »Die motorischen Fähigkeiten unserer Kinder haben in den vergangenen Jahren erheblich nachgelassen - gerade die Augen-Hand-Koordination«, sagt er. Das zeige sich etwa auch beim Fangen eines Balls. Doch gerade beim Schwimmen können die Folgen verheerend sein: 23 Kinder im Vorschul- und Grundschulalter sind laut DLRG 2020 in Deutschland im Wasser ums Leben gekommen. Insgesamt ertranken mindestens 378 Menschen.

Um der Entwicklung, die sich durch die Pandemie verschärft haben dürfte, entgegenzuwirken, ist laut Schad für die kommenden Monate ein Projekt mit der Hessischen Staatskanzlei unter der Schirmherrschadt von Volker Bouffier geplant. »Bäder oder Betriebe, die sich bei der Schwimmausbildung hervortun, sollen mit Preisen ausgezeichnet werden«, sagt er, denn Schwimmkurse seien nicht nur wegen der fachlichen Kompetenz der Übungsleiter sinnvoll und wichtig.

Schad weiß das aus eigener Erfahrung: Obwohl er mehr als 7500 Kindern das Schwimmen beigebracht habe, habe er einen seiner Söhne an einen Kollegen übergeben, erzählt der Biebertaler Schwimmmeister: »Bei eigenen Kindern fehlt dann häufig der nötige Abstand und die Autorität.«

Dennoch sieht Schad auch die Eltern in der Pflicht. »Geht mit euren Kindern ins Schwimmbad und habt Spaß«, sagt er. Ballspiele und andere Aktivitäten im Wasser, bei denen die Freude an der Bewegung im Mittelpunkt stehen, können aus seiner Sicht ein Schlüssel sein, der dann auch das Schwimmenlernen erleichtert. »Die Eltern müssen auch mal selbst den Hintern hochkriegen und etwas für ihre Kinder tun, statt sie einfach nur abzuliefern«, sagt er.

Das gelte auch, nachdem das Kind zehn Schwimmstunden absolviert habe und möglicherweise das Seepferdchen auf seiner Hose trage. »Denn da fängt die eigentliche Arbeit erst an, die Kinder müssen die Möglichkeit haben, ihre erlernten Fähigkeiten zu festigen.« Daher sei es wichtig, dass die Eltern mit den Kindern auch anschließend regelmäßig ins Schwimmbad gehen und dem Kind Bewegung im Wasser ermöglichen. »Wir reden hier davon, dass ein Kind sicher schwimmen lernt und nicht davon, dass es sich mit Ach und Krach eine Bahn lang über Wasser halten kann«, betont er. Ein Indikator dafür könne das Jugendabzeichen in Bronze sein.

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