"Da geht’s lang": Diakon Müller sorgt mit Zollstock und Papierpfeilen dafür, dass die vom Bistum angeordnete Abstands- und Einbahnregelung in Londorfs Kirche eingehalten und Sonntag erstmals wieder eine heilige Messe gefeiert werden kann. FOTO: TB
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"Da geht’s lang": Diakon Müller sorgt mit Zollstock und Papierpfeilen dafür, dass die vom Bistum angeordnete Abstands- und Einbahnregelung in Londorfs Kirche eingehalten und Sonntag erstmals wieder eine heilige Messe gefeiert werden kann. FOTO: TB

Coronakrise

Neustart für Gottesdienste: Balanceakt für Gemeinden

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Acht Wochen Abstinenz sind vorbei: Am Wochenende wollen im Kreis Gießen die ersten Kirchen zu Gottesdiensten einladen. Freilich nur ein erster, zaghafter Schritt zurück zur Normalität.

Die am Dienstag von der Landesregierung verkündete Lockerung der Vorschriften für die Feier von Gottesdiensten kam nicht unerwartet. Die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) etwa war seit Längerem im Gespräch mit Wiesbaden, hatte in der Vorwoche bereits ein "Eckpunktepapier" mit Hygieneregeln verfasst. "Dies wird nun Maßgabe für alle Gemeinden sein", betont Dr. Angela Stender, Öffentlichkeitsbeauftragte der evangelischen Dekanate Grünberg, Hungen und Kirchberg mit ihren knapp 70 000 Mitgliedern.

Die Eckpunkte orientieren sich im Wesentlichen an Vorgaben, die man mittlerweile aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens kennt. Etwa den Abstand von anderthalb Metern zum Nächsten, Desinfektionsmittel am Eingang oder Mund-Nasen-Bedeckung. Stender lakonisch: "Die Gottesdienste werden anders aussehen." Und sie werden sich auch anders anhören: Mit der Landesregierung abgestimmt ist nämlich ein Verbot von (lautem) Gemeindegesang. Wie die Verbannung von Gesangbüchern dient dies ebenso dem alles bestimmenden Ziel, die Übertragung des Virus zu vermeiden.

Maximale Gefahrenvermeidung

Trotz der allgemeingültigen Anweisungen liegt es doch im Ermessen der Kirchenvorstände, den Gottesdienst an die örtliche Situation anzupassen. Um etwa möglichst vielen Gläubigen eine Teilnahme zu ermöglichen, kann sich Stender vorstellen, dass die Feiern im größten Gotteshaus eines Kirchspiels konzentriert werden. In Grünberg etwa, zu dem auch Lehnheim und Stangenrod gehören, böte sich die Stadtkirche mit ihren regulär rund 600 Plätzen an. Hier wären ungleich mehr Platzmarkierungen möglich als in den kleinen Dorfkirchen.

"Wir freuen uns sehr, dass wir wieder gemeinsam Gottesdienst feiern, beten, uns sehen dürfen, doch wollen wir natürlich niemanden gefährden", stellt die Sprecherin der Dekanate-AG am Ende heraus. Und räumt ein: "schon ein Balanceakt". Den werden nun auch die Verantwortlichen der 69 Gemeinden in den Dekanaten Grünberg, Hungen und Kirchberg zu vollführen haben.

Was der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau die "Eckpunkte", das sind dem katholischen Bistum Mainz die ebenfalls mit dem Land abgestimmten "Anordnungen zur Feier der Liturgie".

Erste Priorität hat auch bei der katholischen Kirche, die Gefahr der Ansteckung mit dem Virus "maximal zu vermeiden." Die Anordnungen gelten für Sonntags- und Trauergottesdienste; aufgrund des engeren physischen Kontaktes dürfen dagegen Taufen, Erstkommunionfeiern, Firmungen und Hochzeiten auch weiterhin nicht stattfinden.

Für Markus Müller, seit über 25 Jahren Seelsorger in der Pfarrgemeinde St. Franziskus Londorf, zählt die Lektüre aus Mainz zu den neuesten Hausaufgaben, die ihm Covid-19 beschert. "39", antwortet er an diesem Mittwochmorgen auf die Frage nach der Zahl der Regeln. "Es sind aber auch welche darunter, die ich mir nicht merken muss." Etwa das Verbot von Wallfahrten, gibt es solche doch in den Diasporagemeinden im Lumdatal nicht.

Dafür steht Mathematik auf Müllers Plan: Denn nicht nur die anderthalb Meter Abstand sind einzuhalten, gemäß Anordnung Nummer 17 des Bistums ist zudem je zehn Quadratmeter Raumgröße nur eine Person erlaubt. Für seine Kirche hat Müller eine Obergrenze von 22 Gläubigen ausgerechnet, in Lollar - Teil der Pfarrgruppe - seien es immerhin 35.

Ähnlich wie bei den "Evangelischen" dürfen auch hier keine Gesangbücher ausgelegt werden, muss der Gemeindegesang zumindest im Grundsatz unterbleiben (Ausnahme beim Kehrvers und Hallelujah-Ruf zum Evangelium), sind beim Ein- und Ausgang Masken aufzusetzen.

Einbahnregelung im Gotteshaus

Eine weitere Aufgabe stellt sich dem Diakon aufgrund der abstandswahrenden Wegeführung. Vorgeschrieben ist eine "Einbahn-Regelung", was in der Londorfer Kirche dank zweier Zugänge relativ leicht umzusetzen ist. Auf dass sich niemand verläuft, hat er gelbe Papierpfeile auf den Boden geklebt. Ob aber die Gläubigen nach der langen Abstinenz im Anschluss an die Messe beim Klönen auf dem Pfarrhof Abstand wahren? "Hier ist die Verantwortung des Einzelnen gefragt", lautet da Müllers Appell.

Um keinen abweisen zu müssen, werden für den Messbesuch grundsätzlich Anmeldungen verlangt. Nicht aber bei dem "Neustart" an diesem Sonntag. Der Londorfer Seelsorger lädt diesmal persönlich ein, zuvörderst jene Gläubige, die sich besonders auf das Ende des "liturgischen Shutdowns" freuen. Müller fällt da sogleich jene "alte Dame" aus Rüddingshausen ein, die sich so sehr danach sehne, endlich wieder mal an einer Messe teilzunehmen.

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