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Chorleiter Torsten Schön gibt sich alle Mühe, um Stimmung und Niveau bei der ersten Präsenzprobe der »TeuTonia« Nordeck seit Monaten hochzuhalten.

Neustart bei den Chören

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Nach monatelanger Corona-Pause können Chöre im Kreis nun wieder in einem Raum gemeinsam proben, unter anderem in Nordeck. Es gelten strenge Auflagen für den Infektionsschutz, doch die Freude über den Neustart ist groß.

Vor dem Singen kommt das große Stühlerücken. Eine Handvoll Sängerinnen und Sänger des gemischten Chores der »TeuTonia« Nordeck steht am Montagabend mit Masken im großen Saal des Nordecker Bürgerhauses zwischen einem weiten Stuhlkreis und überlegt gemeinsam: Reichen die Abstände aus? »Manches ist ein bisschen Auslegungssache«, sagt Simone Benz, zweite Vorsitzende des Gesangvereins. mit Blick auf die Auflagen, die zu erfüllen sind. »Wir haben uns selbst auferlegt: Nicht mehr als 15 Leute in einer Probe.« Alle sind aktuell auf Corona getestet oder durchgeimpft, auch das gehört zum Hygienekonzept, das die Chorprobe ermöglicht.

Nach monatelanger Pause kommt der Chor erstmals wieder in Präsenz zusammmen, wenn auch in Gruppen aufgeteilt. Auch für viele andere Chöre im Kreis kehrt nun wieder ein großes Stück Normalität zurück, wobei die Auflagen auf Landesebene teils für Verwirrung sorgen (siehe Kasten). Für den altersmäßig sehr gemischten, laut Homepage »leistungsorientierten« Nordecker Chor war der jüngste Lockdown allerdings keine völlig probenfreie Zeit. Per Online-Konferenz haben sich die Sängerinnen und Sänger seit Februar virtuell getroffen und an ihrem Klang gefeilt. Optimale Bedingungen für Musiker waren das freilich nicht.

Torsten Schön, der als professioneller Chorleiter unter anderem auch für die Nordecker Sängergruppe verantwortlich ist, hatte Audio-Aufnahmen für die einzelnen Stimmgruppen vorbereitet, an denen sie sich beim Üben zu Hause orientieren konnten - auch deshalb blieb der Chor in Kontakt, muss nun nicht bei Null anfangen. Gerade einige Ältere hätten das spannend gefunden, berichtet Schön, und man habe während des Lockdowns sogar neue Mitglieder gewonnen. Andererseits sind einige wenige abgesprungen. »Eine hat in dieser Zeit nicht mitgemacht, sie hat keinen Internet-Zugang«, verrät Benz.

Kurz vor 20 Uhr trudeln weitere Chormitglieder mit Mund-Nase-Schutz im Bürgerhaus ein. Die Freude über das Wiedersehen ist offensichtlich groß, es wird viel gelacht. »Online war es zwar gar nicht so schlecht, ich habe jetzt auch mehr gelernt, wie man mit dem Laptop umgeht«, betrachtet ein älterer Sänger die digitalen Proben im Rückblick. »Aber es ist unheimlich schön, die Leute nicht nur auf dem Laptop, sondern direkt zu sehen.«

Trotz des heiteren Wiedersehens geht es zügig zur Sache, die drei Männer und neun Frauen nehmen Platz. Schön hat sich für den Neustart mehrere Titel vorgenommen. Er postiert sich am Klavier, spielt mit einer Hand, dirigiert mit der anderen. Doch die Anweisungen, welche Stimmgruppe gerade welchen Part intonieren soll, kommen nicht immer an. »Ich singe halt auch selten mit acht Metern Abstand«, bittet er um Verständnis, während das Metronom klickt. »Damit haben wir schon gemerkt, wo die Hauptschwierigkeit liegt - nicht im Singen, sondern im Hören.«

Vor Corona hat der Chor im kleinen Raum nebenan samt Schallschutzdecke geprobt, nun sind größere Abstände vonnöten - und der große Saal produziere eher »Kathedralen-Klang«, findet Schön. Die Tür zur Straße hin steht während der Chorprobe zwecks Belüftung offen. Auf einmal durchbricht das knatternde Motorengeräusch eines Traktors den Gesang. Die Rahmenbedingungen sind nicht optimal, aber immerhin könnnen sie nun wieder in einem Raum proben. Zu den Vorsichtsmaßnahmen, die das ermöglichen, gehört auch die Aufstellung eines grün leuchtenden Stabes in der Mitte des Raums, der zum Glück nicht auf Rot umspringt. Er reagiert nicht etwa auf schiefe Töne, sondern ist eine Ampel für erhöhte Kohlenstoffdioxid-Werte - und dient als indirektes Messgerät für Aerosole.

Die Männer klingen anfangs noch etwas schwach auf der Brust, sie könnten ein paar Mitstreiter gebrauchen. Doch Schön gibt sich alle Mühe, den Chor zu motivieren, um mehr aus sich herauszugehen, die noch spürbare leichte Anspannung abzulegen.

Allmählich steigt die Stimmgewalt, sitzen die Töne. Wer vermutet hatte, dass die Sängerinnen und Sänger in den vielen Wochen ohne Präsenz das Singen verlernt haben, wird eines Besseren belehrt. An der Rückseite des Klaviers, im Blickfeld der Sängerinnen und Sänger, prangt der »Chor-Kalender 2020«. Er erinnert an ein für den traditionsreichen und renommierten Gesangverein schwieriges Jahr, wie Schön im Gespräch erläutert: »Mit dem ersten Lockdown sind wir ins Bodenlose gefallen. Wir hatten ein Probenwochenende, eine Art Trainingslager für einen Wettstreit« - doch der habe dann nicht mehr stattgefunden. Der Chorleiter lebt von der Musik, »für mich war das Jahr ein Wechselbad, da sitzt man zwischen allen Stühlen«. Der Verein habe ihn zum Glück weiter bezahlt. Laut Vorstandsmitglied Benz ging das Jahr 2020 finanziell an die Substanz, gerade wegen ausgefallener Veranstaltungen und somit fehlender Einnahmen.

Der Chor stimmt nun ein Lied auf Afrikaans an, wenig später ist die erste Präsenzprobe auch schon vorüber. Die Zeit drängt, im Anschluss trifft sich die zweite Teilgruppe. Nächsten Montag muss der Chor in eine Scheune ausweichen, weil die Stadtverordneten im Bürgerhaus tagen. Die »TeuTonia« wird womöglich noch häufiger im Exil proben müssen - aber zumindest wieder gemeinsam.

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