Klein, größer, groß, Hauptsache elektromobil: Udo Liebich, Andreas Nau und Olaf Herde sind aufs E-Auto umgestiegen und haben diese Entscheidung nicht bereut. FOTO: PRIVAT
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Klein, größer, groß, Hauptsache elektromobil: Udo Liebich, Andreas Nau und Olaf Herde sind aufs E-Auto umgestiegen und haben diese Entscheidung nicht bereut. FOTO: PRIVAT

Ein neues Fahrgefühl

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Die Zahl der Elektrofahrzeuge im Landkreis hat sich im vergangenen Jahr zwar verdoppelt. Mit einem Anteil von 0,33 Prozent sind reine E-Autos aber immer noch eine kleine Minderheit. Udo Liebich, Andreas Nau und Olaf Herde haben den Umstieg gewagt und ihre Entscheidung nicht bereut.

Der eine ist beruflich ein Vielfahrer. Der andere pendelt in der Region. Der Dritte will bei Bedarf auch lange Strecken zurücklegen können. Die drei Männer aus Lich haben, wenn’s ums Autofahren geht, ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Aber eines ist ihnen gemein: Alle drei sind elektromobil. Damit gehören Olaf Herde, Udo Liebich und Andreas Nau zu einer (noch?) verschwindend kleinen Minderheit. Gut 700 Elektro-Autos sind momentan im Landkreis Gießen zugelassen, ihr Anteil am Gesamtfahrzeugbestand beträgt 0,33 Prozent. Die drei Licher sind also Vorreiter einer Entwicklung, die auch dank staatlicher Zuschüsse an Dynamik gewinnt. Keiner von ihnen hat seine Entscheidung fürs E-Auto bereut.

Als Erster aus dem Trio hat Andreas Nau den Umstieg aufs E-Auto gewagt. Privat beschreibt er sich als naturverbunden, beruflich ist der Ingenieur für Brandschutzplanung mit eigenem Fachbüro viel unterwegs. Zwischen Lich, dem Rhein-Main-Gebiet und Aschaffenburg kommen rund 20 000 Kilometer im Jahr zusammen. Die Entscheidung für einen E-Golf im Dezember 2017 fiel aus zwei Gründen: "Kostenoptimierung und grüner Hintergedanke", wie Nau es formuliert. Und wie sind seine Erfahrungen nach gut zweieinhalb Jahren? "Sehr gut", sagt der 50-Jährige. "Ich bin noch nie liegen geblieben."

Bei Udo Liebich liegen die Dinge ein wenig anders. Der Büroleiter der Landrätin nutzt seinen E-Smart für die tägliche Fahrt in die Kreisverwaltung. Der wendige kleine Flitzer hat im Sommer eine Reichweite von 150, 160 Kilometern, im Winter nur noch von 100. "Da geht er ziemlich in die Knie", weiß der 51-Jährige. Aber für Fahrten in der Region reiche das allemal. Nach Frankfurt wird’s allerdings schon schwierig. "Da muss man zwischenladen." Genau hier beginnt Liebigs Kritik. Seine App weist ihm zwar den Weg zur nächsten Ladesäule. "Aber ob die frei ist, zeigt sie nicht." Und vorbuchen könne man sie auch nicht. "Das wäre aber wichtig, wenn man aus der Region rauswill." Solange die Technik das nicht bieten kann, ist Familie Liebich weiter auf ein zweites Auto angewiesen, einen Verbrenner.

Probleme mit der Reichweite kennt Olaf Herde nicht. Der experimentierfreudige Apotheker wollte E-Mobilität einfach mal ausprobieren und hat sich im Dezember 2019 einen Tesla gemietet. Erst mal für eine Woche. Daraus wurde schnell ein Jahr und mehr. "Ich sah keinerlei Einschränkungen zu einem Benziner." Das ist dem eigenen Ladesäulen-Netz zu verdanken, das Tesla, der E-Auto-Pionier aus den USA, aufgebaut hat. "Es reicht vom Nordkap bis Istanbul und von Russland bis Portugal", erzählt Herde. Die längste Strecke, die er unter Strom zurückgelegt hat, ging über 1200 Kilometer. Dank Super-Charger war das mehrfache Nachladen zeitlich kein Problem. Für den 44-Jährigen ist klar: "Ich werde nicht wieder umsteigen."

Herde stellt eine einleuchtende Faustregel auf: "Beim Verbrenner tankt man, wenn er leer ist. Ein E-Auto lädt man, wenn es steht." Und das tun die meisten Wagen an 22 von 24 Stunden. Aber eben nicht nur daheim. "Die Lade-Infrastruktur ist der Flaschenhals. Sie muss ausgebaut werden", fordert der Apotheker aus Lich.

Udo Liebich sieht dabei nicht zuletzt die Arbeitgeber gefordert. Ladestationen auf dem Firmenparkplatz, eventuell verbunden mit dem Angebot, sie kostenfrei zu nutzen, könnten sogar ein Argument im Wettstreit um Fachkräfte sein, gibt er zu bedenken. Ansonsten gehörten Säulen dorthin, wo Autos eben stehen. Auf dem Supermarktparkplatz. In der Tiefgarage. Oder in der Nähe von Kinos. "So ein Film dauert zwei Stunden."

Herde, Liebich und Nau sind sich einig, dass Lich mit aktuell acht öffentlich zugänglichen Ladestationen gar nicht so schlecht ausgestattet ist. Auf Kritik stößt allerdings der Preis, den die Stadt für die Kilowattstunde nimmt: 38 Cent. "Bei mir in der Firma sind es 25 Cent", sagt Nau. Genau diese Unterschiede und die vielen Insellösungen sind nach Meinung Herdes der Grund, warum viele Verbraucher noch vor der Anschaffung eines E-Autos zurückschrecken.

Doch die drei Licher machen allen Mut, ihrem Beispiel zu folgen. Richtig sei, dass man seine Fahrten planen und sich gut organisieren müsse. Dafür werde man mit einem ganz anderen Fahrgefühl belohnt. "Im E-Auto ist Geiz wirklich geil", sagt Nau. Man könne schnell fahren, tue es aber nicht. Der Grund: Vorausschauendes Fahren wird durch Rekuperation belohnt, also die Rückgewinnung von Energie. "Nicht die PS sind entscheidend, sondern die Reichweite. Man unterbietet sich, wie sparsam man eine Strecke zurücklegen kann", beschreibt Herde den ganz speziellen Wettbewerb unter E-Auto-Fahrern.

Nau will perspektivisch alle Dienstfahrzeuge seines Planungsbüros auf E-Mobilität umstellen. Und auch Liebich kann sich vorstellen, künftig ganz auf einen Verbrenner zu verzichten und ein zweites E-Auto anzuschaffen. Dafür müssten aber die Preise für Wagen mit leistungsfährigen Akkus weiter sinken. "400 Kilometer Reichweite bräuchte ich schon."

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