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Neuerung beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst

(no) Die Bevölkerung muss sich zum Jahresbeginn auf eine Neuerung beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst einstellen, die allerdings weniger gravierend ausfällt als zunächst vermutet. Ein Überblick.

Biebertal wird Gießen zugeschlagen. Lich, Linden, Lollar und Grünberg haben Bestand. Vom 1. Januar an gilt überall in Stadt und Kreis die (bundesweit gültige) Rufnummer 116 117, mit der man von hier aus die Dispo-Zentrale in Kassel ereicht. Die Gießener Allgemeine Zeitung sprach mit den heimischen ÄBD-Obleuten Gisela Behrens-Gutberlet (Gießen) und Dr. Joachim Magnus (Mittelhessen) über die letzte der fünf Umsetzungsphasen der ABD-Reform in Hessen.

ÄBD-Obmann Dr. Magnus zu den Regelungen im Gießener Land

Vom 1. Januar "immer erst die Telefonnummer 116 117 anrufen, ohne Vorwahl", wenn man außerhalb der gewohnten Praxis-Sprechzeiten einen Arzt aufsuchen muss oder den Hausbesuch eines Arztes für nötig erachtet.  Dr. Joachim Magnus, Facharzt für Allgemeinmedizin in Linden und Bereitschaftsdienst-Obmann bei der KV Hessen für den Kreis Gießen (ohne Gießen und Gleiberger Land), sieht der ÄBD-Reform zum Jahreswechsel relativ gespannt entgegen. Die zentrale Nummer sei wichtig; ansonsten ändere sich für die Patienten nicht viel, sagte er im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung.

Die Kassenärztliche Vereinigung hat den Ärztlichen Bereitschaftsdienst mit Wirkung zum 1. Januar 2015 neu geordnet. Wie gravierend sind die Änderungen im Gießener Land? Dr. Joachim Magnus: Der ÄBD Mittelhessen mit seinen Zentralen in Lich, Linden, Lollar und Grünberg muss mit dieser Reform keine wesentlichen Veränderungen vollziehen, da wir wesentliche Schritte schon in unserem System verwirklicht haben. Beispielsweise arbeiten viele Ärztinnen in unserem ÄBD, und immer werden Arzt oder Ärztin durch eine qualifizierte Assistenz unterstützt. Die Veränderungen halten sich also in Grenzen. Lokale Differenzen gibt es nur in den sogenannten Pufferzeiten, von 7 bis 8 und von 18 bis 19 Uhr sowie mittwochs und freitags von 13 bis 14 Uhr. Diese Zeiten werden aber auch von der Dispozentrale in Kassel abgedeckt. Deshalb sollten Patienten immer erst 116 117 anrufen, ohne Vorwahl.

Kennen sich die Diensthabenden in Kassel mit den geografischen Verhältnissen im Gießener Land aus oder bedienen sie sich bei der Organisation der Arzt-Hausbesuche lokaler Kompetenz? Magnus: Über Kassel werden die Hausbesuche und die Praxisbesuche mithilfe der erfahrenen Notdienstzentrale der Johanniter-Unfall-Hilfe Linden organisiert. Die Beschäftigten in Kassel wurden aber in die örtlichen Gegebenheiten eingeweiht.

Wie viele Ärzte sind es denn in Gänze, die den Bereitschaftsdienst für den ÄBD Mittelhessen im Gießener Land bestreiten? Magnus: Im Bezirk Mittelhessen sind zwischen zwei und vier Ärzte im Einsatz. Diese Anzahl wurde entsprechend der Inanspruchnahme evaluiert.

Wie trennscharf ist die Abgrenzung zum Rettungsdienst 112? Magnus: Unseres Erachtens sollte, wenn der vertraute Arzt nicht erreichbar ist, immer erst die 116 117 angerufen werden. Die Organisation erfolgt von dort. Den Rettungsdienst 112 sollte man unmittelbar nur im hochakuten Notfall anrufen, also beispielsweise bei Herzinfarkt, Schlaganfall, einem schweren Unfall oder bei einer Vergiftung. Diese Telefonnummer 112 sollte nicht missbraucht werden.

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ÄBD-Obfrau Behrens-Gutberlet zur Situation in Gießen und Biebertal

"Für die Stadt hat sich nicht viel verändert", sagte Gisela Behrens-Gutberlet, Fachärztin für Allgemeinmedizin in Gießen und Bereitschaftsdienst-Obfrau bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen für Gießen, auf die Frage nach Veränderungen, die die zum 1. Januar greifende Reform des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) für Patienten mit sich bringt. Wer außerhalb der Öffnungszeiten seiner gewohnten Praxis einen Arzt brauche, habe sich zunächst an die Dispositionszentrale in Kassel zu wenden, erreichbar unter Telefon 116 117.

Die Öffnungszeiten der ÄBD-Zentrale in Gießen würden um den Mittwoch- und den Freitagnachmittag von 14 Uhr an erweitert. Montags, dienstags, und donnerstags sei die Zentrale im Uniklinikum (Hauptgebäude, Klinikstraße 33) von 19 bis 24 Uhr geöffnet. "Die durchgängigen Öffnungszeiten an Wochenende, Feiertagen und Brückentagen bestehen wie bisher."

Geschlossen werde indes die ÄBD-Zentrale Lahn-Bieber, die bisher am Wochenende geöffnet und für das Gleiberger Land zuständig war. Der Bezirk gehöre von Jahresbeginn an zum ÄBD-Bezirk Gießen. Hinsichtlich der Bereitschaftsdienstzeiten unterstrich Behrens-Gutberlet, in Gießen setze man die von der KV vorgegebenen Zeiten um; diese würden von der jeweiligen Notdienstgemeinschaft abgestimmt.

Wie trennscharf ist die Abgrenzung zum Rettungsdienst unter der Rufnummer 112? Die Gießener Ärztin sieht hier kein Problem. Wenn die Patienten die 116 117 anriefen, würden sie von der Dispozentrale "ihrem Krankheitszustand entsprechend weitergeleitet". Wer mobil sei, dem nenne man die zuständige Bereitschaftsdienstzentrale. Brauche jemand einen Hausbesuch, werde der zuständige Hausbesuchsdienst aktiviert. "Wenn es sich um einen Notfall oder einen so schweren Krankheitszustand handelt, der einen sofortigen intensiven Rettungsteameinsatz erfordert, muss die 112 gerufen werden." Der ärztliche Bereitschaftsdienst sei nämlich ausschließlich für die allgemeinmedizinische hausärztliche Versorgung zu Zeiten zuständig, in denen die Hausarztpraxen geschlossen sind. "Die Aufgabenbereiche sind meiner Meinung nach klar abgesteckt."

Und die Ortskenntnis der in Kassel Beschäftigten? Behrens-Gutberlet betonte, unlängst mit Jens Groos, dem Organisatorischen Leiter des ÄBD Gießen, in der Dispositionszentrale in Kassel gewesen zu sein, um die Mitarbeiter dort an ihrem Arbeitsplatz persönlich kennenzulernen und um sich ein eigenes Bild von den technischen Voraussetzungen zu machen. "Die Ausstattung hat uns überzeugt und die Gespräche mit den Mitarbeitern waren sehr effektiv." Außerdem finde regelmäßig ein telefonischer Austausch über regionale Gegebenheiten und Besonderheiten statt, so dass die Dispo-Zentrale umfassend über Gießen informiert sei. "Wie’s dann läuft, werden wir sehen. Wir sind gut vorbereitet, Kassel ist gut vorbereitet. Es müsste klappen."

Die Anzahl der diensthabenden ÄBD-Ärzte während der Woche entspricht nach Aussagen der Obfrau der seitherigen Ziffer für Gießen und Biebertal. "An Wochenenden ist ein Arzt mehr für Hausbesuche im Dienst", womit der Hausbesuchsdienst für das Gleiberger Land verstärkt werde.

Zu der von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen kürzlich genannten Begründung, die Reform sei unter anderem wegen mangelnder Einsatzbereitschaft jüngerer Mediziner nötig, äußerte sich Behrens-Gutberlet zurückhaltend. Die schwierige Situation der ärztlichen Versorgung auf dem Land sei durch schlechte und erschwerte Arbeitsbedingungen ohne entsprechende finanzielle Anreize erklärbar – unter anderem. Aber es sei "völlig kontraproduktiv, der Bevölkerung in der Presse ein negatives Bild der jungen Kollegen zu präsentieren. Damit schaffen wir ein Klima, das keinem guttut."

Nicht Teil der Reform sei der Kinderärztliche Bereitschaftsdienst in Gießen. "Der läuft genauso weiter wie bisher. Er kann selbstverständlich telefonisch auch über die Nummer 116 117 erreicht werden."

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