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In Biebertal denkt man darüber nach, zugleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Nämlich mit Carsharing ein E-Auto-Angebot zu machen. SYMBOLFOTO: DPA

Neuer Ansatz beim Carsharing

  • Rüdiger Soßdorf
    VonRüdiger Soßdorf
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Langgöns bekommt’s. Biebertal vielleicht bald auch. Wenn beim Carsharing die Gemeinde ihren Mitarbeitern das Buchen der Autos ermöglicht und die Bürger ebenfalls darauf zugreifen können, dann optimiert das die Auslastung. Ein Modell für weitere Kommunen?

Freitag, 8.15 Uhr: Der Biebertaler Bauamtsleiter Kais steigt in den kleinen Elektro-Renault und fährt nach Königsberg, um eine schadhafte Mauer unweit des Schlosses in Augenschein zu nehmen und mit Vertretern einer Baufirma zu sprechen. 10 Uhr: Der Verwaltungs-Azubi nimmt das soeben aus Königsberg zurückgekehrte Auto, um schnell noch Unterlagen fristgerecht zuzustellen. 11 Uhr: Bürgermeisterin Ortmann fährt mit dem kleinen Stromer nach Frankenbach zu einem 90. Geburtstag. Danach steht der Wagen - bis gegen 15.30 Uhr der erste Bürger den Schlüssel holt, um mit dem E-Auto nach Gießen zu fahren.…

Eine Vision? Noch. Aber das könnte schon bald Wirklichkeit werden. Denn in Biebertal wird derzeit ein Carsharing-Modell geprüft. Der Clou dabei: Die Gemeinde und ihre Mitarbeiter sowie die Bürger nutzen die Fahrzeuge gemeinsam. Denn so ist die Auslastung deutlich höher. Die Verwaltung benötigt ihre Fahrzeuge nur zu bestimmten Zeitfenstern. Insofern könnte eine Doppel-Nutzung der Autos durchaus funktionieren.

Wie funktioniert’s? Wer zu einer bestimmten Zeit fahren will, der registriert sich und bucht seine Zeiten übers Handy. Abgerechnet wird die tatsächliche Nutzung über eine App.

Biebertal ist die zweite Gemeinde im Kreis Gießen, die sich mit einem solchen Modell befasst. Carsharing galt bislang eher als eine Idee für Ballungsräume und Städte wie Gießen; weniger für den ländlichen Raum.

Aber warum nicht? In Langgöns ist man sogar schon einen Schritt weiter. Da werden jetzt die Verträge mit einem Anbieter, der bayerischen Firma Mikar, geschlossen.

Das Unternehmen aus Deggendorf hat sich auf Carsharing in kleinen und mittleren Kommunen spezialisiert. Also auf jene, die eher im ländlichen Raum Zuhause sind. So wie in Langgöns hat Tina Krieger von Mikar jetzt auch in Biebertal das Konzept vorgestellt.

»Wir wollen als Klimakommune Angebote schaffen, die den Menschen helfen, ihr Nutzerverhalten zu ändern«, sagt die Biebertaler Bürgermeisterin Patricia Ortmann. Und hofft, dass mit einem Carsharing-Angebot in dem einen oder anderen Haushalt der Zweit- oder gar Drittwagen überflüssig werden könnte.

Mikar offeriert benzingetriebene Wagen ebenso wie Stromer. Für letztere kann sich die Biebertaler Bürgermeisterin vorstellen, dass eine Ladesäule beispielsweise am Rathaus steht. Oder aber im kommenden Baugebiet »Dreispitz« nahe Fellingshausen die Lade-Infrastruktur gleich mit eingeplant wird. Das Unternehmen bietet neben klassischen Pkw auch Kleinbusse mit bis zu neun Sitzplätzen an, die dann durchaus auch für Vereine, den großen Familienausflug, den Großeinkauf, den gelegentlichen Transport von sperrigen Dingen oder sogar für Unternehmen mit nur punktuellem Bedarf interessant sein könnten.. Einen solchen Bus hat nämlich nicht jeder vor der Tür stehen. Der Ansatz: Auch bei jenen Menschen das Interesse an Carsharing zu wecken, die sonst nie daran denken würden.

Benefit für die Verwaltung, wenn solche Autos über einen Dienstleister bereitgestellt werden: Für einen bestimmten Betrag im Monat ist alles erledigt: Steuer, Versicherung, Inspektionen, Reinigung, etc. Dieser Service erfolgt über ein Autohaus in der Region, mit dem der Carsharing-Anbieter einen entsprechenden Vertrag schließt..

Die Bürger, die sich ebenfalls einbuchen, zahlen nur das, was sie tatsächlich nutzen.

Ein weiteres Finanzierungsmodell: Werden (heimische) Firmen in ausreichender Anzahl als Werbepartner gewonnen, die ihre Logos auf die Fahrzeuge folieren lassen, dann kann das Angebot für die Kommune sogar ohne monatliche Grundgebühr funktionieren.

In Biebertal trägt man sich seit einigen Jahren mit dem Gedanken, Elektro-Autos für die Verwaltungsmitarbeiter anzuschaffen. Es gab in der Politik mehrere Vorstöße namentlich von SPD und Grünen - allein: Man ist in der Sache nicht so recht vorangekommen. Jetzt also könnte es werden, so hofft Bürgermeisterin Ortmann angesichts des Angebots, das eine bislang nicht bedachte Doppelnutzung möglich macht. Das könnte auch ein Modell für andere Kommunen sein.

Eine Entscheidung in Biebertal könnte gleich nach der Sommerpause fallen.

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