_1LOKSTADT19-B_143740_4c
+
Das Amtsgericht sitzt in der Ostanlage.

Sprung auf die Motorhaube

Langgönser vor Gericht: Neuen Freund der Ex angefahren - »Ich hätte nie gedacht, dass er einfach weiterfährt«

  • vonStefan Schaal
    schließen

Ein 25 Jahre alter Mann aus Langgöns muss sich seit gestrigem Dienstag vor Gericht verantworten, weil er den Partner seiner ehemaligen Freundin auf offener Straße angefahren hat. Das Opfer hat mit den Folgen der Verletzungen ein Jahr nach der Tat schwer zu kämpfen - und wendet sich mit einer deutlichen Forderung an das Gericht.

War es Eifersucht? Blinde Wut nach mehreren Gläsern Alkohol? Oder gar Fremdenhass? Die Frage nach dem Motiv treibt die Beteiligten eines Gerichtsverfahrens am Gießener Amtsgericht um, nachdem ein Langgönser den neuen Partner seiner Ex-Freundin auf offener Straße angefahren und fast getötet hat. Dieser wurde so schwer verletzt, dass er seine bisherige zum großen Teil handwerkliche Tätigkeit nicht wieder ergreifen und nie wieder seinen Sport als Handballer ausüben kann. »Ich leide mein ganzes Leben darunter«, sagte das 25 Jahre alte Opfer.

Langgönser vor Gericht: Drei bis vier Gläser Apfelwein getrunken

Der Angeklagte hat den Ablauf der Tat am ersten Verhandlungstag am Dienstag zu weiten Teilen eingeräumt. Am frühen Nachmittag des 16. April vergangenen Jahres war er auf der Straße zwischen Oberkleen und Niederkleen unterwegs, als er auf der Gegenfahrbahn den Wagen des Freundes seiner Ex entdeckte. Er drehte um und nahm die Verfolgung auf. Immer wieder fuhr er dicht auf. Dass im Auto vor ihm seine ehemalige Freundin mit zittrigen Händen und nicht deren Partner am Steuer saß, habe er nicht gewusst, erklärte er vor Gericht. Er habe kurz zuvor auf einer Geburtstagsfeier drei bis vier Gläser Apfelwein getrunken, sagte er.

Die Ex-Partnerin war auf dem Weg zu ihrem neuen Freund, um ihn von der Arbeit abzuholen. Als sie in Oberkleen auf das Firmengelände fuhr, ließ der Angeklagte von der Verfolgung ab und machte über einen Wendehammer kehrt. Auf der Straße stand dann allerdings gestikulierend der neue Freund der Ex.

Langgönser vor Gericht: Sprung auf die Motorhaube

Zeugen berichten, dieser habe die Arme gehoben, um den Angeklagten im Auto zum Anhalten aufzufordern. Der Angeklagte berichtete hingegen vor Gericht, er habe sich provoziert gefühlt, der Mann auf der Straße habe die Hose hochgezogen.

Der Angeklagte fuhr mit 20 km/h auf den Mann zu, ohne den Wagen zu stoppen. »Ich hätte nie gedacht, dass er einfach weiterfährt«, sagte das Opfer, das vor Gericht als Nebenkläger auftritt. Daher habe er am Ende auch nicht mehr ausweichen können, erklärte der Mann. Er sprang stattdessen in letzter Not auf die Motorhaube.

Langgönser vor Gericht: „Ich war unter Schock“

In diesem Moment gab der Angeklagte Gas. Durch die Beschleunigung flog das Opfer gegen die Windschutzscheibe, krachend zersplitterte das Glas. Wie durch ein Wunder und mit Kraft und Geschick hielt sich das Opfer für mehrere Sekunden auf der Motorhaube, während der Wagen 20 Meter bergab fuhr. »Wäre ich unter das Auto geraten, wäre ich jetzt tot«, sagte der Mann. In einer Kurve wurde er dann auf den Straßenrand in einen Seitengraben geschleudert.

Der Angeklagte fuhr danach weiter, ohne sich um das Opfer zu kümmern. Wenig später rief er bei der Polizei an. Er wolle gegen den Freund seiner Ex-Partnerin Anzeige erstatten, sagte er dem Beamten. Weil dieser die Windschutzscheibe seines Wagens zerstört habe.

»Ich war unter Schock«, versuchte der Angeklagte vor Gericht die Tat zu erklären. Er habe den 25-Jährigen auf der Straße links umkurven wollen, dieser aber habe gegen seine Stoßstange getreten und auch links habe jemand gestanden, er sei in Panik geraten und habe Gas gegeben. »Ich wollte aus der Situation weg, so schnell wie möglich.«

Langgönser vor Gericht: Eifersucht hat laut Angeklagtem keine Rolle gespielt

Während seiner Aussage auf der Anklagebank wandte sich der Langgönser direkt an das Opfer und setzte zu einer Entschuldigung an. »Es war nicht meine Absicht, dich zu verletzen«, sagte er. »Ich bin froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist.« Da aber unterbrach ihn der Rechtsanwalt des Opfers und setzt dem Versuch der Entschuldigung ein Ende: »Mein Mandant möchte nicht von Ihnen direkt angesprochen werden.«

Eifersucht habe keine Rolle gespielt, betonte der Angeklagte, er und seine Ex-Freundin hätten sich einvernehmlich getrennt. Dies erscheint allerdings wenig glaubwürdig, auch wenn die Trennung zum Zeitpunkt der Tat bereits mehr als anderthalb Jahre zurücklag. Knapp sieben Jahre lang waren er und die Frau ein Paar gewesen. Als er während der Beziehung im Herbst 2018 erfuhr, dass sie einen anderen - das spätere Opfer - geküsst hatte, zerstach er damals alle vier Reifen am Auto des Mannes. Ein halbes Jahr nach der Trennung schrieb der Angeklagte seiner Ex eine wütende Nachricht. Er sei bei ihr vorbeigefahren und habe das Auto des anderen vor dem Haus gesehen, schrieb er und bezeichnete diesen als »Kanaken«.

Langgönser vor Gericht: Spielte fremdenfeindliches Motiv eine Rolle?

Zweifel an den Aussagen des Angeklagten zum Motiv macht auch Staatsanwalt Thomas Hauburger deutlich. »Irgendetwas muss Sie doch aufgewühlt haben«, sagte er. »Sonst wären Sie gar nicht erst hinterher gefahren.« Streite er möglicherweise die Eifersucht nur ab, weil die neue Freundin des Angeklagten als Zuhörerin im Gerichtssaal sitze? »Nein«, antwortete der Angeklagte. »Ich kann es mir nicht erklären. Vielleicht war es der Alkohol.«

Für einen Moment kam am ersten Verhandlungstag zur Sprache, dass möglicherweise auch ein fremdenfeindliches Motiv eine Rolle spielen könnte. Die Ex-Freundin berichtete, der Angeklagte habe mit Freunden bisweilen »aus Spaß« Hakenkreuze auf Zettel gemalt und auch mal an eine Wand gesprüht.

Langgönser vor Gericht: „Ich erwarte Gerechtigkeit“

Welche schwerwiegenden Folgen die Tat hat, machte unterdessen der Nebenkläger deutlich. Er könne seine rechte Hand nicht mehr nach oben bewegen, berichtete er. Das Kahnbein sei vermutlich beim Aufprall mit der Windschutzscheibe zertrümmert worden. Er habe zahlreiche Operationen unter anderem auch an der Hüfte hinter sich, sei weiterhin krankgeschrieben. Er hoffe, er könne wenigstens irgendwann wieder joggen. »Sport war eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben«, sagte er.

Auch beruflich müsse er sich vermutlich umorientieren. Gegenüber dem Richter äußerte er eine deutliche Forderung: Der Angeklagte müsse verurteilt werden. »Ich erwarte Gerechtigkeit.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare