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Die Kicker des SV Utphe aus dem Gründungsjahr 1930.

Elf neue Stolpersteine

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Wetterhahn, Kuttner, Löb. Drei Namen, drei jüdische Familien. Gelebt haben sie in Utphe und Bellersheim, die einen sind vor den Nazis geflohen, die anderen wurden deportiert. Seit gestern erinnern in den beiden Dörfern elf Stolpersteine an ihre Schicksale.

Eine fremde Melodie erklingt in der Bellersheimer Ortsmitte, gespielt wird sie von einem Klarinettisten. Um ihn haben sich rund 50 Menschen versammelt, die der Hatikvah lauschen. Die Nationalhymne des Staates Israel bedeutet Hoffnung, und die ist an diesem Morgen verbunden mit der Erinnerung. Die Erinnerung an drei Hungener Familien, die Opfer der Nationalsozialisten wurden. Dass sie einmal im Raum Hungen gelebt haben, ist seit gestern für jeden sichtbar. Elf Stolpersteine erinnern an ihre Schicksale - sechs in Bellersheim, fünf in Utphe. Der Künstler Gunter Demnig hat sie verlegt.

Berthold Wetterhahn soll ein begeisterter Fußballer gewesen sein. Als der beliebte Sport aus England Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Deutschland immer mehr Menschen begeisterte, war es der damals 30-Jährige, der in Utphe gemeinsam mit anderen eine Mannschaft bildete. Und weil der altehrwürdige Turnverein einen Zusammenschluss ablehnte - der erfolgte erst 20 Jahre später -, gründeten die Kicker 1930 einfach einen eigenen Sportverein mit Berthold Wetterhahn an der Spitze. Dass dieser jüdischen Glaubens war, störte damals niemanden. "Auf dem Platz war es egal, welcher Religion man angehörte, entscheidend war wie heute, dass das Runde ins Eckige muss", sagte 90 Jahre später ein Nachfolger Wetterhahns, der Vorsitzende des TSV Utphe, Sven Möser, anlässlich der Stolpersteinverlegung in Utphe.

Doch nur ein paar Jahre später sollte es nicht mehr egal, sondern von entscheidender Bedeutung sein, ob man zum Gottesdienst in die Kirche oder Synagoge ging. Wetterhahn, der in der Weedstraße 12 (damals Hauptstraße) mit seiner Frau Paula einen Gemischtwarenladen und einen Viehhandel betrieb, bekam die Haltung der Nationalsozialisten zu spüren. Ab 1934 boykottierten sie sein Geschäft, sein Sohn Alfred wurde in der Schule verspottet und verprügelt und später in einem Kinderheim in Dietz Opfer einer pogromartigen Aktion. Paula Wetterhahn litt an nervösen Angstzuständen und massiven Schlafstörungen.

Schließlich verkaufte die Familie ihren Besitz in Utphe und zog 1936 nach Frankfurt, wo man sich in der Anonymität der Großstadt Erleichterung versprach. Vergebens. Paula Wetterhahn fand keine angemessene Arbeit, hielt die Familie mit Putzstellen über Wasser. Zu ihren Angstzuständen kam eine Asthmaerkrankung hinzu. An einer Auswanderung in die Vereinigten Staaten führte für die Wetterhahns kein Weg mehr vorbei.

Doch die Bemühungen verliefen zunächst wenig erfolgreich. Lediglich Berthold Wetterhahn konnte 1937 einen Dampfer nach New York nehmen. Erst sieben Monate später gelang es ihm, die Bürgschaften für den Rest seiner Familie und die Einreisegenehmigung zu bekommen. 1938 flohen Mutter, Frau und Kinder nach Amerika und fanden in Hartford, Connecticut, eine neue Heimat.

Die Hungener AG Spurensuche hatte die Geschichte der Wetterhahns recherchiert, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Utphe gelebt hatten. 1933 gehörten Berthold Wetterhahn, seine Frau Paula, seine Mutter Friederike und zwei Kinder, Beatrice und Alfred, dazu. An ihr Schicksal erinnern seit gestern im Pflaster vor dem ehemaligen Wohnsitz der Wetterhahns fünf Messingtafeln, die übrigens alle über Spenden finanziert wurden. Vereine, Privatpersonen und ortsansässige Firmen hatten sich beteiligt. Der TSV Utphe übernahm die Kosten für jene Messingtafel, die an den ehemaligen Ersten Vorsitzenden erinnert.

Erinnern, niemals vergessen - das war auch das Thema von Bürgermeister Rainer Wengorsch. 37 Stolpersteine wurden in den vergangenen Jahren in Hungen verlegt. Seit gestern sind es elf mehr. "Die AG Spurensuche kommt Haus für Haus voran", erklärte Wengorsch und gab angesichts des zunehmenden Populismus und Anschlägen wie den auf die Synagoge in Halle seiner Hoffnung Ausdruck, dass man auch "von Kopf zu Kopf" vorankomme. Die Steine holten die Geschichte in den Alltag zurück, seien ein stetiges Zeichen der Erinnerung. Diese Arbeit werde vor allem deshalb immer wichtiger, weil es kaum noch Zeitzeugen gebe, die an die "historische Schuld" erinnerten. Wengorsch betonte: "Die Wetterhahns waren Bürger von Utphe."

So wie die Kuttners und Löbs Bürger von Bellersheim waren. Hier hatte sich während des Dorfjubiläums im vergangenen Jahr eine eigene Arbeitsgruppe gegründet, die sich auf Spurensuche begeben, eine Broschüre zusammengestellt und im November eine Gedenkveranstaltung abgehalten hatte (die GAZ berichtete ausführlich). Während die Familie Kuttner 1941 zunächst ins Judenhaus nach Inheiden umziehen musste und später nach Treblinka beziehungsweise Theresienstadt deportiert wurde, hatte Familie Löb - ebenso wie die Wetterhahns - die Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt. Siegfried Löb wanderte 1933 nach Palästina aus und konnte später seine Eltern nachholen.

In 1265 Kommunen Deutschlands und in 21 Ländern Europas hat Gunter Demnig bislang seine Stolpersteine verlegt. Er erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Messingtafeln anbringt. Der Gedanke, der hinter dieser Kunstaktion steht, stammt aus dem Talmud: "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist."

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