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Das Heinz-Ulm-Haus in Langgöns soll vor fünf Jahren für eine halbe Million Euro unter dem eigentlichen Wert verkauft worden sein.

Naiv oder kriminell?

  • VonStefan Schaal
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Der Verkauf des Heinz-Ulm-Hauses in Langgöns im Rahmen des AWO-Skandals steht weiterhin vor der juristischen Aufklärung. In wenigen Monaten soll der Deal vor einem Gericht in Darmstadt verhandelt werden. Auch der frühere Vorsitzende des AWO-Bezirksverbands Hessen-Süd, Willy Jost aus Buseck, muss sich mit dem Vorwurf der Untreue auseinandersetzen.

Eine gewisse Ruhe ist eingekehrt, wo vor einem guten Jahr noch Tohuwabohu und Aufregung herrschten. Als hier, bei der AWO Hessen-Süd, noch eine Task Force unter Leitung der ehemaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin Dokumente unter die Lupe nahm, dubiose Geschäfte hinterfragte und sich um Aufklärung im AWO-Skandal bemühte. Und als Teile des Vorstands sie regelrecht bekämpften - der damalige Vorsitzende Willy Jost soll Däubler-Gmelin einmal lautstark aus einer Sitzung mit dem AWO-Bundesverband hinausgeworfen haben.

Bald dürfte die aktuelle Ruhe allerdings weichen, wenn die juristische Aufarbeitung beginnt und damit auch ein verdächtiges Geschäft im Kreisgebiet wieder in die Schlagzeilen gerät: der Verkauf des Pflegeheims der AWO in Langgöns vor fünf Jahren.

Der Deal soll eine zentrale Rolle in einem bevorstehenden Gerichtsverfahren am Landgericht Darmstadt spielen. Der AWO-Bezirksverband Hessen-Süd hat Zivilklage eingereicht gegen frühere Verantwortliche sowie gegen ehemalige Vorstandsmitglieder, auch gegen den in Buseck lebenden, langjährigen SPD-Kommunalpolitiker Jost. Ein weiteres Gerichtsverfahren ist in Frankfurt zu erwarten, wo bereits seit 2018 staatsanwaltschaftliche Ermittlungen in der Angelegenheit laufen.

»Wir erwarten in Darmstadt Anfang kommenden Jahres Verhandlungstermine«, sagt Ulrich Bauch, der heutige Geschäftsführer der AWO Hessen-Süd. In aller Deutlichkeit fügt er dann hinzu, worum es in den Gerichtsverfahren aus seiner Sicht geht: »Was hier stattgefunden hat, ist der Versuch, einen Wohlfahrtsverband feindlich zu übernehmen.«

Der Vorwurf richtet sich insbesondere gegen einen früheren Verantwortlichen bei der AWO Hessen-Süd. Dieser soll sich und Geschäftspartner mit illegalen Deals bereichert haben. Der Abschlussbericht der Task Force, der der Redaktion vorliegt, lässt am Vorwurf krimineller Geschäfte wenig Zweifel. Eine Frage allerdings dürfte auch vor Gericht schwieriger zu beantworten sein: Welche Rolle hatte der Vorstand, der die Geschäfte abgesegnet hat? Haben die Ehrenamtlichen um Jost die mutmaßlich kriminellen Vorgänge aus Leichtgläubigkeit nicht verstanden? Haben sie darüber hinweggesehen? Oder waren sie gar involviert?

3,05 Millionen Euro sind im November 2016 beim Verkauf des Heinz-Ulm-Hauses der AWO an eine Kommanditgesellschaft (KG) geflossen. Die AWO hat das Gebäude daraufhin von dieser KG gemietet, allerdings zu offenbar ungünstigen Konditionen. »Es wurden derart schlechte Mietverträge abgeschlossen, dass eine sinnvolle Bewirtschaftung kaum möglich ist«, sagt Bauch.

Dass einer der früheren Verantwortlichen der AWO Hessen-Süd an dieser KG selbst beteiligt war, sie mit Geschäftspartnern aus seinem Umfeld gegründet hatte, ist fragwürdig genug. Hinzu kommt allerdings, dass das Gebäude in Langgöns, wie der heutige AWO-Geschäftsführer Bauch betont, weit unter Wert verkauft worden sein soll, um 550 000 Euro zu wenig. Das Ziel eines der früheren Verantwortlichen soll gewesen sein, das Heinz-Ulm-Haus für sich und seine Geschäftspartner gewinnbringend zu einem höheren Preis zu verkaufen.

Tatsächlich war die AWO Hessen-Süd damals in einer finanziellen Notlage, sie hatte Verbindlichkeiten in Höhe von 37,1 Millionen Euro. Durch den Verkauf des Heinz-Ulm-Hauses war der Verband wieder liquide, steckte dann aber in einem ungünstigen Mietverhältnis. Der Mann, gegen den sich die Vorwürfe hauptsächlich richten, soll diese Situation für den eigenen Profit ausgenutzt haben. Beim Verkauf soll der AWO in Aussicht gestellt worden sein, das Heinz-Ulm-Haus zu einem deutlich günstigeren Preis zurückkaufen zu können. Im Vertrag wurden diese Versprechen allerdings nicht festgesetzt.

Dass dahinter möglicherweise eine Masche steckt, verdeutlicht ein nahezu identischer Deal ein Jahr zuvor beim Verkauf des Gebäudes eines AWO-Pflegeheims in Bruchköbel, auch in diesem Fall an eine Kommanditgesellschaft unter Beteiligung eines der früheren Verantwortlichen bei der AWO. Dort betrug der Verkaufspreis 4,6 Millionen Euro. Vier Jahre später verkaufte die KG das Gebäude weiter - für 10,1 Millionen Euro.

Die AWO Hessen-Süd hat sämtliche Geschäftsbeziehungen mit dem Mann, gegen den sich die Vorwürfe maßgeblich richten, gekappt - mit wenigen Ausnahmen, in denen noch Hürden existieren. So ist das Heinz-Ulm-Haus noch heute in Besitz der Kommanditgesellschaft, an der dieser beteiligt ist.

Offen bleibt die Frage, welche Rolle der Vorstand der AWO Hessen-Süd bei den Geschäften, die er unterzeichnet hat, gespielt hat. Der AWO-Bundesverband hat in einer Anzeige gegen Unbekannt, die die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in Frankfurt ausgelöst hat, den Vorwurf der Untreue erhoben, »mindestens durch grobe Fahrlässigkeit«.

Ehemals Verantwortliche, sagt Bauch, hätten die AWO Hessen-Süd »in einer Mischung aus Gier und Unfähigkeit in einen beklagenswerten Zustand geführt und sich gegen jede Aufsicht abgeschottet«. Bauch sagt: »Die damaligen Führungsverhältnisse hatten Ähnlichkeit mit Nordkorea, nur ohne Straflager.« Vor diesem Hintergrund sollen deutlich überhöhte Gehälter und Honorare ausgezahlt worden sein.

Vorstandsmitglieder haben allerdings auch profitiert, mit Privatkrediten zu ungewöhnlich hohen Zinsen von bis zu 6,5 Prozent. Jost hat gegenüber dem Hessischen Rundfunk eingeräumt, dass er einen Privatkredit für zwei Jahre über 100 000 Euro gegeben hat und damit als Ehrenamtler 12 000 Euro Zinsgewinn eingestrichen hat. Es sei darum gegangen, Liquiditätslücken bei der AWO zu schließen, erklärt Jost. Der Busecker ist seit November vergangenen Jahres nicht mehr Vorsitzender der AWO Hessen-Süd. Freiwillig ist er allerdings nicht gegangen. Er wurde durch ein Schiedsgericht des AWO-Bundesverbands seines Amts enthoben. Zu den Vorwürfen will sich Jost auf Nachfrage dieser Zeitung nicht äußern. Der neue Vorstand und der Geschäftsführer, sagt er nur, brächten Dinge vor, »die es nicht gibt.«

Bauch ist seit September 2020 neuer Geschäftsführer. Eine neue Kultur sei eingezogen, sagt er. Transparenz stehe im Mittelpunkt. »Und mit dem neu gewählten Bezirksvorstand gibt es etwas, was es in den vergangenen Jahren de facto nicht gab: eine Aufsicht.«

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