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Volle Einkaufskörbe auf der Fußmatte: Wer derzeit nicht selbst in den Einkaufsmarkt gehen kann, findet vielerorts Hilfsangebote von Ehrenamtlichen, die dies übernehmen. FOTO: TI

Nächstenliebe in Krisenzeiten

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Lebensmittelgeschäfte dürfen weiterhin öffnen. Doch gerade alte Menschen sollen die Läden meiden, Kranke oder unter Quarantäne Stehende kommen erst gar nicht hin. Was tun? Hilfsangebote, wie sie gerade vielerorts entstehen, sind die Antwort. In Buseck hat Pfarrer Thomas Leimbach die Organisation in die Hände genommen.

Es heißt, in Krisenzeiten zeigt sich eine Gesellschaft von ihrer ehrlichsten Seite - und die hat gerade verschiedene Gesichter. Zum einen spielten sich in Supermärkten bis vor Kurzem unvorstellbare Szenen im Kampf um die letzten Klopapier- oder Nudelpackungen ab. Auf der anderen Seite werden die häufig verpönten sozialen Medien ihrer tatsächlichen Rolle gerecht, denn vielerorts organisieren sich im Netz Hilfsangebote. Eines davon hat der Alten-Bu- secker Pfarrer Thomas Leimbach am Wochenende über Facebook ins Leben gerufen. Mit erfreulicher Resonanz.

30 Personen haben sich bisher gemeldet und ihre Hilfsbereitschaft erklärt. Täglich werden es mehr. Vom Schüler bis zum Rentner sind alle Altersgruppen dabei. Auch Berufstätige, die ihr Engagement nach Feierabend anbieten. In vier von fünf Ortsteilen gibt es bereits Helfer, nur für Oppenrod werden noch Personen gesucht.

"Buseck hilft" heißt die Initiative, die ab sofort im Einsatz ist. Wer als älterer Mensch, Betroffener einer Risikogruppe oder unter Quarantäne Stehender keine Einkäufe tätigen kann und in einem der fünf Busecker Ortsteile lebt, kann sich an den Pfarrer wenden, telefonisch oder per E-Mail. Leimbach vermittelt den Menschen dann einen seiner "Einkaufshelden", wie er die Ehrenamtlichen nennt.

Einzig die Nachfrage fehlt noch. "Nur eine Seniorin hat sich bisher gemeldet", sagt Leimbach. Doch er ist davon überzeugt, dass sich das ändern wird. Auch wenn die hierzulande oft noch intakten dörflichen Strukturen vielerorts ein solches Angebot nicht erfordern, weil sich Nachbarn oder Familien untereinander helfen, hält Leimbach es für wichtig. Für all jene, die nicht auf ein soziales Netzwerk zurückgreifen können. "Es geht mir darum, die Grundversorgung der Menschen sicherzustellen", sagt Leimbach.

In der Praxis funktionieren wird das so: Lieschen Müller wendet sich an den Alten-Bu-secker Pfarrer, der gibt ihren Kontakt an einen "Einkaufshelden" weiter, der die Seniorin aufsucht. Die legt Einkaufsliste und Geld auf die Fußmatte vor der Haustür, der Ehrenamtliche nimmt beides an sich. Der Verzicht auf Körperkontakt sei dabei ganz wichtig, betont Leimbach. Im Idealfall sehen sich Helfer und Hilfsbedürftiger nur aus der Ferne. Gleiches gilt für die Übergabe der Einkäufe. "Es soll schließlich niemand gefährdet werden."

Die Idee für das Hilfsangebot kam Leimbach, als er dieser Tage die Berichterstattung über die Situation in Italien im Fernsehen verfolgte und ein Bild besonders im Kopf behielt: eine junge Frau, die einem Opa an der Haustür eine Milchflasche überreicht. "Das ist wahre Nächstenliebe in Krisenszeiten", fand der Pfarrer und dachte sich: "Das können wir als Kirchengemeinde auch tun."

Gedacht, getan: Leimbach startete den Aufruf bei Facebook. Zunächst für Alten-Buseck und Trohe, mittlerweile hat er das Angebot auf ganz Buseck ausgeweitet und die Gemeindeverwaltung darüber informiert. Auch Rödgen wird von "Buseck hilft" versorgt. Um auf das Angebot aufmerksam zu machen, nutzt er alle zur Verfügung stehenden Kanäle. Neben Veröffentlichungen auf Facebook, in den Lokalzeitungen und im Blättchen wird es Aushänge geben. Flyer sollen an den Kassen der Supermärkte erhältlich sein.

Über die Organisation von "Buseck hilft" hinaus hat Leimbach gerade nicht besonders viel zu tun. Der Kirchenvorstand hatte bereits am Sonntag beschlossen, dass sämtliche Gottesdienste und Veranstaltungen auf unabsehbare Zeit ausfallen. Auch die Angebote, zweimal pro Woche die Kirche jeweils eine Stunde zu öffnen und dienstagnachmittags eine offene Seelsorgesprechstunde anzubieten, sind seit gestern Abend Geschichte. Telefonisch wird Leimbach aber weiter für seine "Schäfchen" erreichbar sein.

Was die jüngsten von der Bundesregierung angeordneten Maßnahmen angeht, hat der Alten-Busecker Pfarrer eine ganz klare Meinung: "Wenn wir die Infektionskette unterbrechen wollen, müssen wir diese Einschränkungen jetzt in Kauf nehmen." Leider hielten sich viele Menschen noch nicht daran. Es fehle häufig das Bewusstsein. Aber: "Wenn jetzt auch die Geschäfte schließen, wird die Mehrheit verstehen, wie ernst die Lage ist."

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