Nachhilfe für Gastro-Azubis

Ausbildung in Corona-Zeiten ist an sich schon äußerst undankbar. Mit am härtesten trifft es angehende Köche und Restaurantfachfrauen und -männer. In wenigen Monaten stehen für den Abschlussjahrgang die Prüfungen an. Doch die nötige Praxiserfahrung fehlt den meisten. Auf Burg Gleiberg erhalten Auszubildende aus der Region momentan einen 15-tägigen Crashkurs.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Axel Horn nutzt die Corona-Zwangspause, um Inventur zu machen oder wahlweise den Frühjahrsputz. Auf einem der Tische der Nassauer Stube auf Burg Gleiberg hat Restaurantchef Horn mehrere Dutzend Gläser gestellt. Biergläser, Weingläser, Cocktailgläser, auch ein geripptes Apfelweinglas ist dabei. Der Tisch nebenan ist voll mit diversem Besteck.

Doch was Horn alles auf den Tischen drapiert hat, dient einem ganz anderen Zweck: Insgesamt 16 angehende Köche und vier Restaurantfachleute belegen seit vergangenem Montag auf Burg Gleiberg einen Praxiskurs für Auszubildende im Gastgewerbe. Im Mai haben sie ihre Prüfungen. Doch die Pandemie hat Lehrlinge in diesem Gewerbe besonders hart getroffen. Die meisten büffeln seit Monaten nur noch Theorie. Die Praxis kommt zu kurz oder fällt gar ganz hinten runter, bei manchen schon seit dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr. Wie soll eine Ausbildung auch funktionieren, wenn viele Restaurants seit Monaten geschlossen sind, manche Lokale auch kein Essen »to go« anbieten?

Im Seminar bei Horn und seinem Team auf Burg Gleiberg sollen sie nun die Rückstände aufholen. So weit das eben in drei Wochen möglich ist. Organisiert hat den Kurs der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Hessen (DEHOGA), mit Unterstützung der Industrie- und Handelskammern. Der Lehrgang ist für die Azubis kostenlos, finanziert wird er mit 930 000 Euro aus dem Sondervermögen »Hessens gute Zukunft sichern«.

»Ich gehe nicht davon aus, dass es einen normalen Restaurantbetrieb geben wird, bis die Prüfungen anstehen. Es wird wieder Ende Mai werden, wie vergangenes Jahr auch. Das ist für die Auszubildenden dann schon zu spät«, sagt Restaurantchef Horn. Und so hat er in den ersten drei Tagen versucht, seine Schützlinge auf ein einigermaßen gleiches Theorie-Niveau zu bringen, bevor es dann an die Kochtöpfe ging.

Im praktischen Teil des Kurses lernen die Köche die Basics, die auch für die Prüfung relevant sind: Grundsoßen etwa, Salate und Vorspeisen, aber auch Fleisch- und Fischverarbeitung. Am letzten Seminartag wird ein Abschlussmenü gekocht, so wie es die Auszubildenden in der Prüfung zubereiten müssen. Für die vier Restaurantfachfrauen steht derweil der gastronomische Service auf dem Programm. Wann man welches Glas oder welches Besteck einsetzt, müssen sie aus dem Effeff beherrschen.

Einer von Horns Kursteilnehmern ist Pascal Julien Dörr aus Haiger. Der 22-jährige angehende Koch absolviert die Ausbildung im Restaurant seines Vaters, der »Villa Busch«. Weil dort aktuell Essen zum Abholen angeboten wird, »bleibt man in der Übung«, sagt Dörr. Trotzdem fand er das Angebot der DEHOGA und das Seminar auf Burg Gleiberg »sensationell«. Eine halbe Stunde, nachdem die E-Mail mit der Einladung kam, hatte er sich bereits angemeldet. Berufsschule ist das eine, sagt Dörr, doch »durch Homeschooling kann man das Kochen nicht lernen, das kann die Praxiserfahrung nicht aufwiegen«.

Ähnliches sagen auch die anderen Auszubildenden, Sophie Wisker etwa. Sie erlernt den Beruf der Köchin beim Studentenwerk in Gießen. Auch ihre Chefs hätten sich bemüht, zumindest ein wenig Praxis zu ermöglichen. Einmal pro Woche haben sie dann geübt, einen Warenkorb zusammenzustellen oder eben Prüfungssituationen simuliert. Aber das ersetzt eben keinen normalen Alltag. »Es ist schon gut, dass wir jetzt hier sind und das aufholen können«, sagt Wisker. Durch den Kurs sei das Sicherheitsgefühl für die bevorstehende Prüfung »auf jeden Fall da«.

Nun ist die Prüfung aber nur der Anfang, mindestens ebenso interessant ist es für die Auszubildenden, wie es danach weitergeht. Und eines lässt sich wohl jetzt schon sagen, die Aussichten sind nicht allzu rosig. Das jemand übernommen oder neu eingestellt wird, sei »sehr, sehr schwierig«, schätzt Horn. »Ich bin sehr weit vernetzt, ich weiß von vielen großen Hotels und Betrieben, die komplett alle Leute entlassen oder in Kurzarbeit geschickt haben. Da muss man mal schauen, wie sich die Gastronomie überhaupt weiterentwickelt.« Horn geht davon aus »dass wir anderthalb Jahre brauchen werden, bis wieder alles normal ist. Und ob alle Leute eine Anstellung finden, das ist eine andere Frage.«

Auch die jungen Seminarteilnehmer wissen, dass ihre berufliche Zukunft unsicherer ist als einst angenommen. »Die Insolvenzwelle wird garantiert kommen«, sagt Dörr. Doch zumindest eines macht ihnen Hoffnung: Mit dem Kurs bei Horn und seinem Team steigen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt ein wenig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare