Als in Heuchelheim die ersten Immunisierungen vorgenommen wurden, war die Nachfrage groß, doch der Impfstoff rar. Inzwischen ist es umgekehrt.
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Als in Heuchelheim die ersten Immunisierungen vorgenommen wurden, war die Nachfrage groß, doch der Impfstoff rar. Inzwischen ist es umgekehrt.

Corona-Pandemie

Impfzentrum in Heuchelheim geschlossen: Ist es zu früh? Wie geht es weiter?

  • Lena Karber
    VonLena Karber
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Das Impfzentrum in Heuchelheim im Kreis Gießen ist Geschichte. Ebenso wie alle anderen 27 hessischen Impfzentren, hat es zum Monatswechsel geschlossen. Doch zuvor wurde Bilanz gezogen.

Heuchelheim/Gießen – Da war der Mann, der mit einer Gasmaske durch das Impfzentrum lief, weil er sich angeblich Gedanken über die Luftqualität machte, dann aber verschwand, als die Mitarbeiter eigens für ihn eine Impfung an der frischen Luft organisieren wollten. Da war eine ältere, taubstumme Frau, die nach Heuchelheim gekommen war, um einen Termin zu vereinbaren, weil sie das am Telefon nicht konnte, und dann vor Freude Tränen in den Augen hatte, als sie spontan geimpft wurde. Da waren »Querdenker« und Impfgegner, aber auch dankbare Senioren, die den Mitarbeitern frischen Kuchen mitbrachten.

Es sind schöne und weniger schöne Geschichten, die die Mitarbeiter des Impfzentrums in Heuchelheim nach 252 Tagen Betrieb erzählen können - und ein paar von ihnen wurden am Donnerstag im Rahmen eines Abschlussgespräches herausgeholt, bei dem Bilanz gezogen wurde. Der Anlass: Zum Monatswechsel haben alle 28 hessischen Impfzentren auf Anweisung des Landes den Betrieb eingestellt.

Kreis Gießen: Impfzentrum brachte 7000 Liter Corona-Impfstoff in die Oberarme

In Heuchelheim wurden bis dato rund 7000 Liter Impfstoff unter die Bevölkerung gebracht. Im hessenweiten Ranking liegt das Gießener Impfzentrum mit 224 000 Impfungen somit auf Platz drei. Das ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Heuchelheim zu den sechs Zentren gehörte, die bereits am 19. Januar geöffnet hatten, dadurch wurden bis zur Inbetriebnahme der restlichen 22 hessischen Impfzentren auch Menschen aus den benachbarten Landkreisen in Heuchelheim geimpft. Dennoch zeigten sich die Verantwortlichen stolz, dass man »einer der aktivsten« Landkreise gewesen sei - gerade im Hinblick darauf, dass die Plätze eins und zwei mit der Stadt Frankfurt und dem Landkreis Offenbach von zwei Ballungsräumen belegt werden.

Tausende aus dem Kreis Gießen kennen dieses Bild: Das große Warten im Impfzentrum in Heuchelheim.

Die Kosten, die für den Betrieb des Impfzentrums angefallen sind, belaufen sich laut Impfzentrums-Leiter Mario Binsch auf über 13 Millionen Euro, wovon mit 82 Prozent der Löwenanteil auf Personalkosten für die über 500 Mitarbeiter entfalle. Damit bewegt man sich etwas unter den Durchschnittskosten von rund 1,8 Millionen Euro im Monat für Aufbau und Betrieb, die das Land in einer vorläufigen Grobkostenschätzung pro Impfzentrum angesetzt hat.

Bezüglich der Diskussion um die Wirtschaftlichkeit der Impfzentren machten die Gießener Verantwortlichen ihrem Ärger über die Äußerungen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Luft, die bemängelt hatte, dass Impfungen in den Impfzentren deutlich teurer seien als beim Hausarzt. Binsch gab an, dass die von der KV behaupteten Kosten sich für Heuchelheim nicht bewahrheitet hätten: 60 Euro habe hier eine Impfung im Schnitt gekostet, die höheren Kosten für mobile Impfungen miteinberechnet.

Kreis Gießen: Vorzeichen im Impfzentrum in Heuchelheim haben sich umgekehrt

Das mag zwar mehr sein als beim Hausarzt, aber hier kommen noch weitere Faktoren zum Tragen: Etwa, dass der Impfstoff zu Beginn bei Minus 70 Grad gelagert werden musste, was in den Hausarztpraxen nicht leicht zu bewerkstelligen gewesen wäre. Zudem, so Schneider, sei es wegen der Priorisierung aus logistischer Sicht wichtig gewesen, die Anmeldungen zentral abzuwickeln. »Deshalb war es damals aus meiner Sicht die richtige Entscheidung, die Impfzentren aufzubauen«, sagte sie. »Aber inzwischen sind wir in einer anderen Situation.«

Wie diese aussieht, ist klar: Genug Impfstoff, zu wenig Impfwillige. »Jetzt würden wir uns den Run von Januar noch einmal wünschen«, sagt Schneider. So lag der Schnitt der täglichen Impfungen in Heuchelheim bei 889, den Spitzenwert verzeichnete man mit 2200 Impflingen im Mai. Abgesehen vom letzten Öffnungstag, der noch einmal ein paar Leute anzog, kamen zuletzt jedoch nur noch etwa 350 bis 420 Impflinge pro Tag zusammen.

Doch rechtfertigt das die Schließung? Schließlich ist noch keine Herdenimmunität in Sicht, und es stehen Auffrischungsimpfungen an, während Hausarztpraxen saisonbedingt bald stärker ausgelastet sein werden. Schneider findet die Entscheidung »okay«, da Land und Bund weiterhin die Kosten für Impfaktionen tragen. Daher werde man das Impfen im Kreis nun auf verschiedenen Wegen vorantreiben. Dazuzählen mobile Impfungen, etwa in Pflegeheimen, wo bereits über 2400 Auffrischungsimpfungen durchgeführt wurden, sowie Sonderimpfaktionen, über die bislang mehr als 2700 Dosen verimpft wurden, davon 409 auf dem Gießener Wochenmarkt.

Zudem eröffnet am kommenden Montag die Impfambulanz in Gießen, die gerade für Menschen, deren zweite Impfung noch aussteht, eine Anlaufstelle sein soll. Ab Mitte Oktober wird dann auch ein Impfbus die Kommunen des Landkreises anfahren. Binsch: »Es ist ein Werben und Buhlen um jeden Oberarm.« (Lena Karber)

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