NABU kritisiert »Jagd als Regulativ«

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Gießen (pm). Mit Verwunderung hat der NABU-Kreisverband Gießen die jüngsten Äußerungen des Vorsitzenden des Jagdbeirates Gießen, Dieter Mackenrodt, zur Kenntnis genommen. »Der Jagdbeirat ist ein beratendes Organ der Kreisverwaltung«, erklärt der Naturschutzbund in einer Pressemitteilung. Allerdings kritisiere der NABU einige wissenschaftlich nicht vertretbare Inhalte und die Tendenz zu Lobbyismus.

Tiere der Natur zum Verzehr oder zur Verwertung zu entnehmen sei eine Landnutzungsform ähnlich Fischerei, Forst- und Landwirtschaft, die der NABU akzeptiere. »Wenn man Fleisch essen will, ist die Jagd auf Rehe und Wildschweine legitim - mehr bio geht nicht.«

Die Jagd als Regulativ sieht der Verband hingegen kritisch. Würden die geschossenen Tiere lediglich beseitigt, handele es sich allenfalls um »Wildtiermanagement«, dessen Wirksamkeit stets hinterfragt werden müsse. Hierbei würden auch ethische Fragen aufgeworfen; die althergebrachte Einteilung in schädlich und nützlich sei lange überholt. Viele Untersuchungen würden zeigen, dass das in der heutigen Kulturlandschaft stark veränderte biologische Gleichgewicht nicht mit der Waffe wiederhergestellt werden könne.

In diesem Kontext sei die Forderung, Elstern zu bejagen, völlig ohne Grundlage. »Elstern sind Nahrungsopportunisten, die alles fressen, was genießbar und zu erreichen ist, sowohl pflanzlichen als auch tierischen Ursprungs. In der Brutzeit gehören hierzu auch Eier und Vogeljunge. Die wichtige ganzjährige Funktion der Elstern als Aasfresser darf nicht ausgeblendet werden«, heißt in der Pressemitteilung.

Nach Ansicht des NABU halten zwei weitere Aussagen Mackenrodts einer wissenschaftlichen Betrachtung nicht stand. So könne die verstärkte Bejagung von Wildschweinen die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) nicht aufhalten. Der NABU-Kreisverband sieht Wareneinfuhren und Transitverkehr verbunden mit Abfällen entlang der Straßen als Ursache. »Nur eine dauerhaft verringerte Wildschweinpopulation könnte die Ausbreitung der ASP verlangsamen. Aber auf starke Bejagung reagiert die Population durch fehlendes stabiles Sozialgefüge mit ungehemmter Vermehrung, also wird eine nachhaltig verringerte Dichte nicht zu erreichen sein.«

Auch Schäden in Forst und Landwirtschaft ließen sich nicht durch die bloße Verringerung der Zahl von Rehen und Schweinen vermeiden. »Durch eine engagierte Jagd die Widerstandsfähigkeit der Wälder zu erhöhen und damit einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten«, das höre sich zwar gut an, sei aber sehr weit hergeholt. Es komme vielmehr darauf an, wann, wo und welche Individuen geschossen würden.

Zerstörte Sozialgefüge führten zu Unruhe und fehlender Geburtenkontrolle unter den Wildtieren. »Jäger sollten sich nicht von Waldbesitzern und Landwirten zu Schädlingsbekämpfern degradieren lassen«, so der NABU.

Erfreut sei man dagegen, dass viele Jäger ihren Auftrag als Anwälte und Heger des Wildes ernst nehmen. Wie die Jägerschaft fordert der NABU die Schaffung von Rückzugsräumen für die Tiere - vor allem vor dem momentan überbordenden Freizeitdruck, aber auch in Agrarlandschaften. Dies sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, denn auf Rückzugsräume müsse von den Menschen auch entsprechende Rücksicht genommen werden. So hatte auch Mackenrodt festgestellt, dass man den Problemen bei der Waldaufforstung und dem Strukturwandel der Landwirtschaft mit Bejagung nicht Herr werden kann, sondern dass es vonseiten der Politik dringend einer veränderten Herangehensweise bedarf. Dies, so heißt es in der Pressemitteilung, »unterstützt der NABU ohne Einschränkung«.

Der NABU erkennt ebenfalls an, dass sich innerhalb der Jägerschaft in den vergangenen Jahren auch Strömungen herausgebildet haben, die viel deutlicher Maßnahmen für den Naturschutz auch ohne unmittelbares Jagdinteresse unterstützen. »Das sollte unser gemeinsames Ziel sein: Lebensraumgestaltung zugunsten der gesamten Artenvielfalt. Dies müssen wir viel stärker gegenüber Politik und Gesellschaft vertreten.«

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