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Mit ihrer Musik wollen sie Klangbrücken zwischen den Kulturen bauen und so einen Beitrag im Kampf gegen Ausgrenzung und Rassismus leisten. Am 14. März konzertiert das Avram-Ensemble in Lich. FOTO: ARTHUR WIENS

"Mut machen in einem Klima der Angst"

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Über ihr Alter spricht sie grundsätzlich nicht, dafür aber über ihre Mission. Sängerin Schirin Partowi will mit ihrer Musik Klangbrücken zwischen den Kulturen bauen und kämpft so auf ihre Art gegen Ausgrenzung und Rassismus. Am 14. März ist sie mit dem Avram-Ensemble, zu dem Christen, Juden und Moslems gehören, zu Gast in Lich. Was die Solistin mit Coco Chanel und dem Medicus verbindet, erzählt sie im Interview.

Frau Partowi, wo erreichen wir Sie gerade?

In Bonn, wo ich lebe und verankert bin, obwohl mein Kulturstandort eigentlich das Ruhrgebiet ist, wo vor zehn Jahren die Geschichte des Avram-Ensembles begann.

Aufgewachsen sind Sie aber im Sauerland, wo Sie regelmäßig ihre Familie besuchen. Was bedeutet Heimat für Sie?

Für mich ist es der Ort, an dem ich meine Wurzeln geschlagen habe, wo ich auf gewachsen bin, der mich kulturell geprägt hat. Ich liebe das Sauerland.

Ihre kulturelle Prägung hat sie zu der Musik geführt, die sie mit Avram machen. Jüdische, christliche und islamische Traditionen weden vereint. Ziel ist ein tolerantes Miteinander. Lässt sich das von der Bühne auf die Gesellschaft übertragen?

Das ist unser Ziel. Kunst, Musik und Kultur sind dabei ein ganz wichtiges Medium. Denn wenn ich die Kultur eines anderen erlebe, kennenlerne und mitfeiere, beispielsweise in einem Konzert, ist das ein großer Schritt in Richtung Begegnung, die sich im sozialen, im gesellschaftlichen Rahmen weiterentwickelt.

Ihre Konzerte besuchen aber vor allem Menschen, die fremden Kulturkreisen ohnehin offen begegnen. Wie erreichen Sie die anderen, oder ist das eine aussichtslose Mission?

Nein. Natürlich können wir mit Kultur die Welt nicht sofort verändern, aber einen kleinen Beitrag dazu leisten. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich stark zu positionieren. Wir tun es mit unserer Musik, andere tun es in anderen positiven, kraftvollen Bewegungen. Nur so ist es möglich, den finsteren Machenschaften unserer Zeit entgegenwirken.

Kultur spielt also eine zentrale Rolle im Kampf gegen Populismus und Rassismus?

Genau. Und Bildung natürlich. Je stärker beide um sich greifen und Menschen dazu bringen, sich ihren eigenen Standpunkt zu bilden, desto besser. Wir möchten mit unseren Konzerten Vertrauen geben und Mut machen in einem Klima der Angst.

Warum ist ihnen das eine solche Herzensangelegenheit?

Weil ich mit zwei Kulturen aufgewachsen bin. Meine Mutter ist evangelische Christin, mein Vater war Perser.

Wie war das?

Sehr natürlich, liebevoll, geprägt von Achtung und Respekt. Persische Geschichten gehörten ebenso dazu wie die christliche Kultur. Wir lebten wie selbstverständlich in diesem ständigen Austausch. Freiheit hatte einen hohen Stellenwert. Man lehrte uns, dass jeder seinen eigenen Standpunkt vertreten und seinen eigenen Weg finden muss.

Ihrer ist die interkulturelle Musik. War das von Anfang an klar?

Nein. Ich habe zunächst eine klassische Konzertlaufbahn als Solistin eingeschlagen und mich lange darauf ausgeruht (lacht). Erst, als vor etwa 20 Jahren Anfeindungen global zunahmen, Ablehnung und Ausgrenzung massiver wurden und sich immer mehr Menschen radikalisierten, wurde mir klar, dass ich mich dazu äußern muss.

Gab es eine Art Initialzündung?

Nein. Es war einfach eine Zeit, in der die ganze nahöstliche Welt pauschal verurteilt und unter Verdacht gestellt wurde. Da habe ich mich auf den Weg gemacht, persische und orientalische Musik erforscht, mich mit dem Islam und Judentum beschäftigt und dabei einen reichen Schatz gehoben.

Die Welt ist nicht besser geworden. Ablehnung und Ausgrenzung nehmen weiter zu. Es kommt immer wieder zu rassistischen Anschlägen, zuletzt in Hanau. Was empfinden Sie dabei?

Das ist der Gipfel des Grauens und tief schockierend. Ich verstehe alle, die Angst haben. Eigentlich hatte ich gedacht, dass so etwas in unserem entwickelten Wohlstandsland nicht mehr passieren kann.

Aber es geschieht. Warum?

Ich glaube, das sind Wellenbewegungen, die es immer wieder gibt. Menschen, die sich verführen lassen, Positionen einzunehmen, die eigentlich nicht ihre sind. Aber wo viel Finsternis ist, ist auch viel Licht.

Es wird also alles gut?

Ich hoffe sehr, dass wir bald wieder in der Mitte ankommen. Es zeigt sich gerade, dass große Teile der Bevölkerung aufstehen und gegensteuern. Ich hoffe, dass das Gewicht derjenigen sich verstärkt, sich die Rechte immer mehr selbst entlarvt und die Menschen wieder zur Besinnung finden.

Wurden Sie selbst aufgrund Ihrer Herkunft schon einmal ausgegrenzt?

Nein, noch nicht oder zumindest nicht bewusst. Aber Freunde von mir schon und das ist absolut schockierend.

Berichten Sie uns davon.

Na, da kommt jemand mit einem Musiker-Koffer daher, der als solcher nicht gleich erkennbar ist. Der Mensch ist dunkelhäutig und hat einen schicken Vollbart. Der wird dann von der Polizei rausgepickt und erstmal gefilzt.

Wie fühlt man sich da

Gedemütigt. Und das ist nicht zu unterschätzen. Das erzeugt wirklich Wut und im Extremfall auch Hass, und genau das wollen wir mit unserer Musik verhindern.

Ihr neues Programm heißt Karewan. Was bedeutet es?

Es ist das persische Wort für Karawane, die als Symbol für Aufbruch steht, das beherzte Zugehen auf Neues und Fremdes, das sich Orientieren und Haltung finden in Zeiten, in denen man sich zunehmend auf das Eigene zurückzieht und ausgrenzt. Wir wollen mit unserer Musik dazu beitragen, dass Menschen wieder aufeinander zugehen, vor allem auf das Neue und Fremde. Ganz besonders in einer Zeit großer Probleme, auf die unsere Politik keine Antwort hat.

Ihre musikalische Arbeit geht weit über die Musik mit Avram hinaus. 2013 arbeiteten Sie beispielsweise am Soundtrack für den Kinofilm Der Medicus mit. Wie kam es dazu?

2004 habe ich angefangen, erste interkulturelle und interreligiöse Performances zu gestalten. Bei einem der Konzerte hat mich ein Manager des ersten Medicus-Regisseurteams gehört. Er sprach mich an und fragte, ob ich Lust dazu hätte.

Und dann?

Kam lange Zeit nichts und ich dachte, die haben jemand anderen gefunden. 2013 erhielt ich plötzlich einen Anruf aus Berlin und wurde gefragt, ob ich mitmachen will. Ich war ziemlich verblüfft aber natürlich total begeistert.

Hatten Sie auch ein Angebot für eine Rolle?

Nein. Das war sehr schade, ich hätte gerne mitgespielt. Aber der Film war damals schon so gut wie im Kasten.

2016 haben Sie ein großes Konzertprojekt zu Biografie und künstlerischem Umfeld von Coco Chanel realisiert. Das passt irgendwie so gar nicht zu Ihrem künstlerischen Schaffen.

Ich habe ja verschiedenartigste Konzertprojekte in unterschiedlichsten Konstellationen gemacht, unter anderem in Frankreich. Dort hatte eine Veranstalterin das Gefühl, ich müsste ihrer Idee zu Coco Chanel einen musikalischen Rahmen geben.

Wie war das?

Unglaublich spannend, aber auch ein sehr großes, aufwendiges Projekt. Ich habe allein ein halbes Jahr zur Person Coco Chanel und ihrem Umfeld recherchiert. Wegen eines Wechsels im Management des Hauses Chanel in Paris haben wir es letztlich nur einmal aufgeführt. Das fand ich sehr schade.

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