Mindestens bis zum 4. Mai sind gemeinsame Gebete in Moscheen wegen des Coronavirus bundesweit ausgesetzt. SYMBOLFOTO: DPA
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Mindestens bis zum 4. Mai sind gemeinsame Gebete in Moscheen wegen des Coronavirus bundesweit ausgesetzt. SYMBOLFOTO: DPA

Leere Moscheen beim Freitagsgebet

Wie muslimische Gemeinden im Kreis Gießen mit Corona umgehen

  • vonStefan Schaal
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In der Corona-Krise sind auch die Moscheen im Kreis geschlossen. Islamische Vereine und weitere religiöse Gruppen im Gießener Land versuchen, mit kreativen Angeboten zu improvisieren. Wegen fehlender Spenden geraten Moscheen unterdessen in finanzielle Nöte.

Stille herrscht im Gebetsraum der Moschee in Hungen. Normalerweise knien hier jeden Freitagabend etwa 50 Muslime auf dem ockerfarbenen Teppich des Gebetsraums. Doch der Gebetsraum ist an diesem Freitag leer, die Moschee ist wie sämtliche Versammlungshäuser der Kirchen, religiösen Gruppen und Gemeinden im Gießener Land wegen Corona geschlossen - und bleibt dies vorerst bis zum 4. Mai nach einer Entscheidung der Bundesregierung am Mittwoch.

"Die Beschränkungen treffen viele Gemeindemitglieder. Dass man sich nicht sehen kann, ist traurig", sagt der Imam Serdar Basali. Schließlich sei die Moschee nicht nur Gebets-, sondern auch Begegnungsstätte. Texte des Freitagsgebets stelle er aber ins Internet. Kindern und Jugendlichen gebe er Islam-Unterricht per WhatsApp. Für seelsorgerische Fragen ist der Imam telefonisch weiterhin erreichbar. "Einige berichten von ihren Sorgen und von ihrer wirtschaftlichen Situation."

In Lollar ist die Moschee der Gemeinde der guten Sitten ebenfalls geschlossen, der Gebetsraum ist desinfiziert. Für organisatorische Angelegenheiten und Fragen der Verwaltung setzt man dort seit mehreren Tagen auf Videokonferenzen, wie der Vorsitzende Sahin Ülay berichtet. Verabreden sich die Mitglieder auch zum Freitagsgebet online per Stream? "Einige schauen sich online Predigten des Landes- und des Bundesvorstands der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüs im Livestream an", sagt Ülay. Doch Gebete, religiöse Inhalte und überhaupt das Gefühl von Gemeinschaft seien per Internet nur schwer zu transportieren, ergänzt Murat Firat, der ebenfalls der Gemeinde angehört.

"Durch die ganzen Einschränkungen haben wir mehr Zeit dafür, uns Gedanken über Gott und die Welt" zu machen, versucht Ülay, der Corona-Krise etwas Positives abzugewinnen. Die Islamische Gemeinde in Lollar sei weiter aktiv. Mitglieder des Vorstands sind vor wenigen Tagen durch den Ort gefahren und haben bei 60 älteren Mitgliedern Essenspakete vor die Tür gestellt. Das Ziel der Aktion: Zeigen, dass sie nicht allein sein. Und dass das Leben weitergeht.

"Wir haben ihnen dringend geraten, daheim zu bleiben", sagt Ülay. "Und den Gemeindevorstand zu kontaktieren, falls sie etwas benötigen."

Das Gottesdienstverbot stellt die Moscheegemeinden, die meist von den Spenden ihrer Mitglieder leben, unterdessen vor ernsthafte finanzielle Herausforderungen. "Spendenaufrufe während der Freitagsgebete, zum Beispiel für Bauprojekte, bringen in einer Moschee an ein, zwei Freitagen schnell die Gesamtsumme zusammen", hat kürzlich der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, erklärt. Er befürchtet für viele Moscheen infolge der Corona-Krise das Aus.

Vor allem Gemeinden auf dem Land, denen nicht allzu viele Mitglieder angehören und daher Mitgliedsbeiträge in eher geringer Höhe erhalten, sind teilweise existenziell bedroht, weil sie ihre Miete nicht zahlen können. Auch Ülay in Lollar räumt ein, dass sich der Vorstand "ernsthafte Sorgen" mache.

Hasan Gündüz flucht. "Eine Scheißkrankheit", sagt der Heuchelheimer, der normalerweise regelmäßig die Moschee der Ditib-Gemeinde in Gießen besucht. "Aber wir müssen das Kontaktverbot akzeptieren." Kommende Woche beginnt am Donnerstagabend der Fastenmonat Ramadan - allerdings ohne das gemeinsame Fastenbrechen nach Sonnenuntergang mit Nachbarn, Freunden oder in den Räumen der Moschee. "Das tut mir im Herzen weh", sagt Gündüz.

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