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Gemeinschaftliche Proben und Auftritte sind für Musikvereine seit einem Jahr unmöglich - noch ist unklar, ob und wie es weiter geht. Ensembles auch im Gießener Land bangen um ihre Zukunft. Der Hessische Musikverein schlägt Alarm.

Keine Auftritte

Musikvereinen im Gießener Land geht die Puste aus

  • Gabriele Krämer
    vonGabriele Krämer
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Keine Auftritte - keine Einnahmen. Blasorchester und Spielmannszüge leiden. Eine Spendenaktion des Hessischen Musikverbandes soll auch 17 Vereinen im Gießener Land zugute kommen.

Für Blasorchester und Spielmannszüge geht es ans Eingemachte: Weil sie seit rund einem Jahr nicht auftreten können, drohen massive Finanzengpässe. Eine groß angelegte Spendenaktion des Hessischen Musikverbandes soll auch 17 Vereinen im Gießener Land zugute kommen.

Proben »im stillen Kämmerlein«

Mit ihren Pauken und Trompeten hinterlassen sie bei jedem Auftritt reichlich Eindruck. Spielmannszüge und Blasorchester vermitteln ein Kulturgut und werden deshalb gern stolz als Aushängeschilder ihrer Heimatgemeinde oder musikalische Botschafter einer Region bezeichnet.

Doch seit nun schon über einem Jahr sind die markanten Instrumente in der Öffentlichkeit verstummt. Wegen fehlender Auftrittsmöglichkeiten aufgrund der pandemiebedingten Bestimmungen hängen die Uniformen der Spielleute bis auf weiteres am Haken. Auch Probenarbeiten finden längst nicht mehr in der Vereinsgemeinschaft, sondern notgedrungen einzeln und »im stillen Kämmerlein« statt.

Großveranstaltungen abgesagt

Mittlerweile sind die Finanzreserven der Blasorchester und Spielmannszüge massiv abgeschmolzen. Der Laubacher Jürgen Groh weiß nur z u gut um die aktuellen Nöte der Vereine, die er als Vorsitzender des Bezirks Mitte im Hessischen Musikverband (HMV) betreut. Allein im Landkreis Gießen sind das 17 Ensembles mit 828 registrierten Mitgliedern.

»Die Vereinslandschaft hat unter Corona stark gelitten. Im vergangenen Jahr konnten kaum Konzerte stattfinden. Sogar der Hessentag wurde abgesagt - das ist quasi die wichtigste Veranstaltung für uns«, bedauert Groh. Nach dem Landesfest 2020 in Bad Vilbel ist mittlerweile auch der Hessentag 2021 in Fulda gestrichen. Für das im Juni geplante Landesmusikfest in Büdingen ist das Aus ebenfalls längst beschlossen: »Die Vorbereitungen wären immens. Das kann man keinem Verein zumuten«, verweist Groh auf die nicht kalkulierbare Entwicklung der Pandemielage. Großveranstaltungen dieser Art aber seien für die Kostendeckung von Vereinen von essenzieller Bedeutung, unterstreicht Groh.

»Viertel nach 12« für Vereine

Er wirbt deshalb nach Kräften für die Crowdfunding-Kampagne »#viertelnach12«, mit dem der HMV auf die Probleme seiner 340 Vereine aus dem Bereich der Blasorcheste rund Spielleute mit insgesamt über 15 000 Musikern reagiert.

Das eingeworbene Geld soll den Ensembles wieder etwas finanziellen Spielraum verschaffen. Der wird vor allem zur Deckung der laufenden Kosten benötigt. Dazu zählen in erster Linie die Honorare der Dirigenten, für die in der Regel Jahresverträge abgeschlossen werden. Hinzu kommen beispielsweise Ausgaben für die Wartung vereinseigener Instrumente, für Notenmaterial oder den Unterhalt von Vereinsräumlichkeiten.

Finanzielles Aus in greifbarer Näher

Schätzung des HMV auf der Basis von Mitgliederbefragungen zufolge steht nahezu jeder zweite Mitgliedsverein im Jahr 2021 vor dem finanziellen Aus. »Einige Vereine haben bereits wiederholt ihre Mitglieder um Geldzuwendungen gebeten«, berichtet Verbandsgeschäftsführer Nicolas Ruegenberg. Es sei begrüßenswert und wichtig, dass Vereinsmitglieder auch in Krisenzeiten solidarisch zu ihrem Verein stehen. Dennoch sei klar, dass dieses Modell nicht beliebig oft wiederholt werden könne. Die Statistik lässt in der Tat nichts Gutes ahnen: Die Mitgliederzahlen beim HMV sind stark rückläufig. Das Minus im Vergleich zu 2019 wird mittlerweile auf eine Größenordnung zwischen 30 und 40 Prozent beziffert.

Besserung ab Jahresmitte?

Als Vorsitzender und Dirigent des Laubacher Jugendmusikvereines ist Groh mittendrin in der Materie. Der pensionierte Polizeibeamte musizierte schon als Sechsjähriger; in seinem Verein bildet er seit 20 Jahren Kinder ab sechs Jahren am Saxofon aus und gibt Gitarrenunterricht. »Wir können nur hoffen, dass Präsenzproben ab der Jahresmitte wieder möglich sind«, sagt er - »damit sich die Geschichte wieder etwas entspannt«. Digitale Probenformate seien »als Spaß mal möglich, sie bringen aber nicht viel«. Den Kontakt zu »seinen« Aktiven hält Groh über E-Mail und WhatsApp - »damit wir mal ein Eis essen können, wenn wenigstens das wieder möglich ist.«

Vereine unter dem Dach des HMV

Der Hessische Musikverband (HMV) ist der größte Verband für Blas- und Spielleutemusik in Hessen. Er vertritt über 350 Musikvereine mit mehr als 15 000 aktiven Musikern. Mitgliedsvereine im HMV-Bezirk Mitte aus dem Gießener Land sind die Blasorchester aus Steinbach, Eberstadt, Lang-Göns und Wißmar, die Fanfarenzüge 1968 Laubach und Hansa Gießen, der Laubacher Jugendmusikverein, die Musikvereine aus Laubach, Grünberg, Stangenrod und Reiskirchen, die Musikzüge aus Bellersheim, Staufenberg, Muschenheim, Steinheim und Villingen sowie das Musikcorps Großen-Linden. Zum Bezirk Mitte zählen auch Vereine im Vogelsberkreis.

So kann man helfen

Wer die Crowdfunding-Kampagne unterstützen möchte, findet Kontakt- und Spendenmöglichkeiten unter www.hessischer-musikverband.de und www.gofundme.com/f/viertelnach12

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